Text: Oliver Koehler aus De:Bug 44

Shenmue (Sega – Dreamcast)
Am besten, ihr kauft euch genug zu essen für die nächsten zehn Wochen ein!
Shenmue ist nämlich der zu Videospiel gewordene Ausnahmezustand, auf den wir
eigentlich alle warten, und das schon fast zu überwältigend: Die Pressemappe
übertreibt wirklich nicht, wenn sie sagt, Shenmue sei das aufwendigste
Videospiel aller Zeiten. Die Story lässt sich schnell erklären: Der
Hauptdarsteller Ryo Hazuki kommt eines Tages nach Hause und wird Zeuge des
Mordes an seinem Vater. Das Motiv: Ein uraltes, geheimnisvolles Spiel
entwenden. Der kampfsportbegeisterte Ryo, in dessen Rolle man wortwörtlich
schlüpft, schwört Rache. Und so beginnt das immense Abenteuer, das sich
grafisch noch detailtechnisch kaum von einem epischen Spielfilm
unterscheiden lässt. (Die vier Game Disks und das Budget von über 200
Millionen DM sprechen für sich!) Ryo muss sich buchstäblich durch das Leben
kämpfen, um an das Geheimnis des Mordes an seinem Vaters heranzukommen.
Dabei durchlebt man als Spieler Zeit, Orte, und Detektivarbeit genauso wie
Ryo sie sieht: Gewisse Rätsel lassen sich nur zu bestimmten, virtuellen
Tageszeiten lösen, Schlüsselfiguren liest man an ihrem Gesichtsausdruck
tiefste Emotionen heraus, und selbst das Wetter sollte in der Strategie
mitbedacht werden. Kurzum: Die perfekteste Verknüpfung (gar Inszenierung)
eines Rollenspiels, das es je auf einer Konsole gab. Einzig schade ist, dass
die Story stellenweise doch weniger Seifenoper Pathos vertragen könnte.
Ansonsten heißt sehen glauben!

***** – okoehler

Alien ˆ Die Wiedergeburt (Electronic Arts/Fox Interactive – PlaystationOne)
Ob dies einer der letzten Stelldicheine der Electronic Arts Schmiede auf der
Playstation ist, wird sich ja in den nächsten Monaten zeigen. Bei Alien –
Die Wiedergeburt (engl.: Alien – Resurrection) scheint es einerseits so, als
ob EA grafisch den Höhepunkt ihres PlaystationOne Schaffens erreicht hat,
andererseits das Interesse am sauber ausgearbeiteten Spiel verloren hat. In
dem Shooter in bester Quake Manier lassen sie keine Wünsche bezüglich
atmosphärischer Dichte offen. Sei es in den ersten atemanhaltenden Sequenzen
oder in den späteren mit Aliens überfüllten Levels: Das Wort
S.P.A.N.N.U.N.G. wird groß geschrieben. Nur wer eine konsequente Steuerung à
la FIFA 2000 erwartet, wird in Momenten größter Not deutlich im Stich
gelassen. Es scheint fast so, als ob EA noch nie selber von einer Horde
wilder Aliens in eine Ecke gedrängt wurden, oder? Schade!

** bis **** – okoehler

Driver 2 ˆ Back on the streets (Infogrames ˆ PSX)
Wer vor zwei Jahren die Begeisterung um den ersten Teil des undercover
Drogenkuriers mitkriegte, wird sich wohl wundern, wie das Spielkonzept Anno
2001 ankommt. Seitdem ist ja schließlich viel Koks die Straßen lang gefahren
worden, und mit Rennspielen wie Metropolis Street Racer (Dreamcast), Crazy
Taxi (Dreamcast), oder Gran Turismo 3 (PS2) sind alle vorherigen Maßstäbe in
Sachen realistischer Darstellung von Städten, Straßen, usw. wie ein dünnes
Pinienästchen durchbrochen worden. Bei Driver Anno 1998 machte aber die für
damalige Verhältnisse imposante visuelle Leistung nur die halbe Miete aus;
den Rest bestritt ja das äußerst ansteckende Spielprinzip. Mit dem
Versprechen, dass nun dieses verbessert sei sowie, dass es neue Strecken
geben würde, waren die Erwartungen entsprechend hoch gesteckt. In der
Fortsetzung geht es wie im ersten Teil darum, Drogenzare aufzudecken. Nur
kommen sie dieses Mal aus Süd-Amerika und bieten damit neue Schauplätze für
unseren Helden Tanner: Statt durch San Francisco und New York zu heizen,
muss Tanner durch Havanna oder sogar Rio de Janeiro jagen, was zumindest
für optische Abwechslung sorgt. Nur kommt jetzt erschwerend zum Gameplay
hinzu, dass unser Undercover Bulle auch zu Fuß die Jagd aufnimmt, wofür aber
nicht unbedingt genügend Substanz vorhanden ist. So besticht die
Fortsetzung – trotz hochgesteckter Konkurrenz – visuell und
spannungstechnisch gleichermaßen wie sein Vorgänger, nur muss man doch
gestehen, dass nicht alle Erwartungen ganz 100%-ig erfüllt wurden. Für gute
90% reichen die zwei CDs aber schon total aus – und für endlosen
Weihnachtsspaß!

**** – okoehler

Looney Tunes Space Race (Infogrames – Dreamcast)
Mit Wacky Races hatte man vorerst gedacht, der Gipfel der Kart Spiele sei auf
der DC erreicht. Falsch geraten: Das Space Race mit all den
Lieblingscharakteren aus der Warner Bros. Schatztruhe zieht seinem
Cartoon-Umsetzung-Vorgänger grafisch die Schuhe aus. Den seriösen Kart-Racer
erwartet hier nicht nur dieselbe hohe Qualität bei der Gestaltung der
Künstlichen Intelligenz (wer sich anstrengt, kann gewinnen!), die gleiche
Frenetik, wenn’s um den ersten Platz geht, entsprechend durchgeknallte
Waffen und ein ähnlicher Suchtfaktor. Es findet alles auf Welten statt, bei
denen einem die Augen so aus dem Kopf fallen wie Roger Rabbit beim Anblick
von seiner besseren Hälfte: Jessica! Und wenn das nicht zieht, dann genügt
schon allein der Spaß, mit der jeder der vier möglichen Spieler seinen Favoriten
aus dem Bugs Bunny Universum wählt. Spiel des Monats für diesen Autor!

***** – okoehler

The Mummy (Konami – PSX)
Obwohl der Spruch in Verbindung mit diesem Spiel nur lautes Gähnen
hervorruft, muss gesagt werden, dass sich The Mummy wie das männliche
Pendant zu Tomb Raider anfühlt: Es spielt in Ägypten in einem Grab, handelt
von vorzeitlichen Sagen und Legenden und spukt ebenfalls. Im Gegensatz
aber zu der unendlichen Geschichte von Lara Croft basiert die Story auf
einer filmischen Vorlage, ist etwas fetziger, blutrünstiger, kriegerischer und
halt männlicher (sic!). Und genau das macht auch den Reiz dieses kleinen
Versüßers bis zur Erscheinung von Tomb Raider: Die Chronik aus. Wer sich
nämlich NICHT mit ellenlangen Rätseln und stundenlangem Suchen
auseinandersetzen mag, für den ist das Spiel wie geschaffen. Was aber
keineswegs Lara ihrem eindeutigen Charme verweigern soll.

***? – okoehler

Jet Set Radio (Sega – Dreamcast)
Wenn Sega eines gut gelungen ist mit ihren Dreamcast Spielen, dann ist es
eine Hand für simpel gestrickte Spiele mit hohem Wiederkennwert. Nach dem
Coup mit Space Channel 5 dürfte ihnen ähnliches mit Jet Set Radio gelungen
sein. Das extremst detailreiche, futuristische Spiel um Inline-skatende
Graffiti Rebellen bedarf eigentlich nur einer kleinen Einleitung, und schon
kann man nicht mehr anders. An der Spielstory wird’s kaum liegen: Als
Anarcho-Inline-Skater musst du die Stadt zupflastern mit deinen Tags und
Grafittigemälden und dabei auf der “Hut” sein vor den Ordnungs”hütern”.
Andererseits machen die Grafik mit ihrem leichten Cartoon Stich (heißt “Cell
Shading”) und das Spielprinzip, das irgendwo zwischen Crazy Taxi und Tony
Hawk liegt, wieder alles wett, d.h. die Finger werden mit Pattex an den
Controller gebunden. Nach Looney Tunes: Space Race der zweite Grund, das
Weihnachtsgeld für eine Dreamcast auf den Kopf zu hauen!

**** – okoehler

Ready 2 Rumble Boxing – Round 2 (Midway – Dreamcast & Playstation2)
Die erste Runde im Midway Boxspiel war ja bekanntermaßen ein Referenztitel
für die damals noch recht junge Dreamcast. Vor allem wurde bei Detailtreue
der Boxerfressen der gewaltige Konsolen-Quantensprung von Playstation zu DC
selbst dem abgehärtetesten Sony Befürworter peinlich klar. Inzwischen ist ja
aber auch Sony mit der PS2 in die 128-Bit Liga aufgestiegen und kann also
auch potenzielle Käufer mit Titeln wie Ready2Rumble2 imponieren. Dreamcast
Besitzer, wiederum, werden nicht mehr so staunen müssen und können sich auf
alte wie neue Charaktere und insbesondere auf die neuen, furiosen Combos
freuen. Das gibt dem Spiel einen Hauch mehr Tiefe als seinem Vorgänger und
folglich eine längere Verweildauer. Aber, ob es der Erste-Generation
“Ready2Rumblers” imponieren wird?

**** – okoehler

Dead or Alive 2 (Acclaim – Dreamcast & Playstation2)
Mit Dead or Alive 2 wird die stolze Tradition an erstklassigen Beat ’em Up
Titel für Dreamcast und Playstation2 konsequent weitergeführt. Nach Namcos
Soul Calibur auf der DC und Tekken Tag Tournament für die PS2 geben sich
jetzt die Prügelmeister von Acclaim die Ehre und enttäuschen keineswegs. Mit
einer Schar an beinahe schon bedenklich realistischen Figuren kloppt und
ballert man sich durch eine Handvoll detailliert gestalteter Arenen.
Verflogen die Zeiten der düsteren Hinterhofskrawalle, denn bei DOA2 wird die
Messlatte in Sachen interaktive Umgebungen wieder etwas höher geschraubt,
ohne dabei zu sehr abzuheben. Deswegen auch für den Puristen immer wieder
eine Partie wert!

**** bis ***** – okoehler

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Elektronische Lebensaspekte.