Spielekonzerne sind die Machtzentralen der Zukunft. Nur folgerichtig, dass sich die Hacker statt auf den CIA jetzt auf Sony und Lego stürzen und die Spielzeugroboter hacken. Hier liegt Brisanz (und ein Job in spe als Konzernprogrammierer).
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 55

Hack the Dog

Hund müsste man sein! Zum Beispiel so einer wie Gibson. Der darf den ganzen Tag ungestraft Leute im Büro ärgern, wird von seinem Herrchen regelmäßig zum Sushi eingeladen und war sogar schon im Fernsehen. Ja, und eine eigene Website hat er auch. Zugegeben, Gibson ist nicht irgend ein Hund, sondern ein echter Aibo aus dem Hause Sony. Ein Pudel-Leben wär wahrscheinlich auch nur halb so aufregend.
Seitdem Sony Ende 1999 die ersten Aibos auf den Markt gebracht hat, sammelt sich um die putzigen Roboterhunde eine nerdige Fangemeinde technophiler Tierfreunde. Sie treffen sich auf Kongressen, gründen lokale Aibo-Clubs und tauschen Tipps zum Umgang mit ihren Lieblingen aus. Oder eben auch Hacks und Programme. Denn wenn Nerds zu Tierfreunden werden, bekommt “mit dem Hund spielen” plötzlich eine völlig neue Bedeutung.
Einer dieser technophilen Hundeliebhaber ist im Netz unter dem Nickname Aibopet bekannt. Ende 1999 kaufte er sich seinen ersten Aibo und stellte bald fest: Dieser Hund hat Potential. Sony hatte bereits das erste Modell mit einer kleinen Kamera, einen Memory Stick-Steckplatz, 16 MB Ram, einem 32-bit-Prozessor, Tastsensoren und weiterem coolen Schnickschnack ausgestattet. Besonders faszinierend war aber, dass der Aibo tatsächlich auch lernen und in beschränktem Maße so etwas wie eine Persönlichkeit entwickeln konnte. Die natürlich in bester Tamagotchi-Manier streng vorgezeichnet war: Wer den Hund zu sehr tätschelte, zog sich einen faulen Roboter heran. Wer ihn schlecht behandelte, bekam seine Aggressivität zu spüren. Bald entdeckten Hacker wie Aibopet jedoch, dass sie dem Tier mit ein paar Programmiertricks noch so einiges mehr entlocken konnten. Die ersten Hacks beschränkten sich auf einfache Erweiterungen, die sich interessanterweise kurze Zeit später häufig in der offiziellen Sony-Software wiederfanden: Ein Tool zum Aufzeichnen der Bilder der internen Kamera oder auch ein Programm zum besseren Trainieren ungewohnter Bewegungen. Richtig interessant wurde die Sache jedoch erst, als Aibopet im Sommer 2000 die ersten eigenen Aibo-Persönlichkeiten auf seiner Website Aibohack.com veröffentlichte.
Per Download können Aibo-Besitzer seitdem beispielsweise ihren faulen, verzogenen Hund zu einem begnadeten Tänzer machen. Oder, noch besser: Ihren Schoßhund mal eben die Persönlichkeit von Bender, dem exzentrischen Roboter aus der Futurama-Serie verpassen. Wenn der Aibo-Bender etwas von dir will, fängt er nicht an zu winseln oder mit dem Schwanz zu wedeln. Er sagt einfach nur ganz cool: “Übrigens, mein Name ist Bender.”

Nicht mehr als 20 Grad

Wahrscheinlich war Sony nicht besonders glücklich darüber, das eigene Produkt plötzlich als rüpeligen, nur auf Bier und Schmieröl-Sex bedachten Roboter rumlaufen zu sehen. Schließlich hat sich die Firma seit Erscheinen des Aibos um ein besonders familienfreundliches und politisch korrektes Image bemüht. So wurde dem Aibo beispielsweise eine Kopfneigungs-Sperre eingebaut: Mehr als 20 Grad darf das Tier seinen Kopf nicht nach oben richten, auch wenn technisch 45 Grad möglich wären. Doch damit könnte das putzige Tier ja heimlich unter Röcke schauen und die Bilder per Funk an den PC seines Eigentümers schicken. Was ein Bender-Aibo sicher mit Vergnügen machen würde.
Ein anderes Problem hatte Sony mit seiner neuen AiboPal Latte & Macaron-Serie. Diese neue Aibo-Generation wurde erstmals nicht mehr im Roboter-Style designed, sondern kommt mit süßen runden Köpfen und einem eher tapsig-kugeligen Körperbau ins Haus. Und zwar gleich im Doppelpack, mit einem weißen Aibo (Latte) und einem schwarzen (Macaron). Damit sich echte Fans aber auch wirklich gleich beide Modelle kaufen, haben sich die japanischen Entwickler etwas besonderes ausgedacht: Der weiße Aibo ist nett und anschmiegsam, der schwarze dagegen aggressiver und rebellischer. Vor dem Ausliefern in die USA muss dann doch noch irgend jemandem aufgefallen sein, dass diese kleine Farbenkunde dort vielleicht nicht ganz so gut ankommen könnte. Weshalb AiboPals in den USA und Europa immer mit der lieben und netten Latte-Persönlichkeit ausgeliefert werden.

Gepatchte Hunde und verletzte Gesetze

Aber zurück zu Aibopet, unserem Hacker: Nachdem dieser rund anderthalb Jahre ohne große Probleme im Netz agiert hatte, meldete sich im April 2001 plötzlich Sony zu Wort. Man sei ja erfreut über jeden Fan, aber die auf Aibohack.com verbreitete Software verletze die Rechte der Firma und solle doch bitte möglichst bald verschwinden.
Sofort nahm Aibopet Kontakt zu Sony auf und versuchte, die Vorwürfe zu klären. Der Knackpunkt: Um den eigenen Aibo in einen Bender-Aibo zu verwandeln, muss ein Memory-Stick mit dem Original Aibo-OS gepatched werden. Aibopet bot deshalb bereits gepatchte Versionen zum Download an, sah darin aber kein größeres rechtliches Problem. Wer sie benutzen wollte, musste ja eh einen Aibo sein eigen nennen – und besaß damit auch bereits die fragliche Software. Und wer mehr Persönlichkeiten ausprobiere, kaufe schließlich auch mehr Memory Sticks, so Aibopet.
Eine ganze Weile schien Sony diese Argumentation zu schlucken. Doch Ende Oktober folgte plötzlich der zweite Brief, diesmal in etwas harscherem Ton. Um die gepatchte Software zu vertreiben, verletze er offenbar den Sony-Kopierschutz und damit den Digital Millennium Copyright Act – jenes Gesetz, dass auch schon den russischen Programmierer Dmitry Sklyarov hinter Gittern gebracht hat. Da wollte Aibopet natürlich überhaupt nicht hin. Wer hätte sich auch in der Zwischenzeit um die Hunde kümmern sollen? Also schloss er kurzerhand seine Website komplett, anstatt nur die beanstandeten Programme zu entfernen.
In der Aibo-Fanszene brach daraufhin ein Proteststurm los. Petitionen kursierten im Netz, andere Fan-Sites schlossen aus Protest ihr eigenes Angebot, und unzählige gutsituierte Nerds verkündeten, ab jetzt nichts mehr von Sony kaufen zu wollen. Die Washington Post berichtete, Wired Online sowieso und sogar im Aibo-Mutterland Japan machte der Fall Schlagzeilen. Kurz vor De:Bug-Redaktionsschluss kam dann die erleichternde Nachricht: Sony hat eingelenkt, Aibohack.com ist wieder online. Einige Fragen sind noch nicht geklärt, einige Software ist jetzt etwas schwieriger zu installieren. Doch Aibopet ist guten Mutes, dass sich diese Probleme auch noch beseitigen lassen. Schwierig mache es eben nur die Abhängigkeit der Aibo-Entwickler vom Mammut-Mutterkonzern: “Große Firmen sind es nicht gewohnt, dass ihre Konsumenten umsonst für sie arbeiten.”

Legos Open Source-Problem

Ein bisschen ungewohnt war diese Form der aktiven Beteiligung auch für Lego. Der dänische Klötzchenhersteller hat 1998 mit Mindstorms seinen eigenen Roboter auf den Markt gebracht. Nicht so schick wie ein Aibo, dafür aber vollkommen selbst gestaltbar und einfach vom PC aus zu programmieren. Und zu hacken, wie Mindstroms-Freunde bald feststellen durften. Mittlerweile hat eine internationale Entwicklergemeinde um den Karlsruher Informatiker Markus Noga sogar ein eigenes Mindstorms-Betriebssystem gebastelt. Selbstverständlich wird LegOS in echter Hacker-Manier als Open Source Software vermarktet.
Selbstverständlich? Bei Lego war man sich offenbar eine Weile gar nicht so sicher, wie man damit umgehen sollte. Was, wenn ein Konkurrent auf Grundlage von LegOS einen ähnlichen Roboter bauen würde? Was, wenn das System zu Schäden an der Hardware führen oder arme Omas über getunte Roboter stolpern lassen würde? Was, wenn die Konsumenten LegOS schon wegen der Namensähnlichkeit mit der Original-Software verwechseln würden?
Zumindest der letzte Punkt hätte Lego sicher auch einen gerichtlichen Erfolg versprochen. Doch die Firma wollte ihren Ruf als Nerd-Supplier nicht gefährden. Einen Ruf, der Mindstorms ganz besonders geholfen hat. Die kleinen Klötzchen haben seit jeher unter den Geeks aller Länder Kultcharakter. Mindstorms wurde zudem am MIT Media Lab entwickelt, das als klassische Nerd-Brutstätte gilt. Gekauft wurde es anfangs denn auch nicht fürs Kinderzimmer, sondern zu 70 Prozent von erwachsenen Heimtüftlern. Und schließlich fanden die MIT-Entwickler die Hacker um Markus Noga eigentlich ganz sympathisch. Also verzichtete man erstmal auf eine Klage und warf statt dessen lieber einen Blick auf den Code. So einige LegOS-Features sollen mittlerweile in die neueren Mindstorms-Versionen eingeflossen sein. Und ein Job-Angebot hat Noga angeblich auch schon bekommen.
Auf ein solches wartet Aibopet eigentlich schon eine Weile. Im Prinzip verbringe er seit zwei Jahren seine Freizeit damit, für Sony unbezahlten Support zu leisten, vertraute er der Washington Post kürzlich an. Dabei bleibe ihm viel zu wenig Zeit, um mit seinen Hunden zu spielen. Immerhin muss er nicht fürchten, dass sie wegen der fehlenden Aufmerksamkeit verrohen. Denn schließlich könnte er sie dann ganz fix wieder umprogrammieren.

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Elektronische Lebensaspekte.