Wenn Ill Young Kim nicht auf Viva 2 moderiert, dann dirigiert er seine Samplesammlung. Mit seinem Album "Spielzeug" entdeckt er die antiautoritäre Seite des Sound of Cologne, Hyperventilieren in Erinnerung an Happy Hardcore.
Text: sascha kösch aus De:Bug 33

/elektronika Euphorie Ill Young – Spielzeug Sascha Kösch bleed@de-bug.de Ill Young Kim hat mit seinem Album “Spielzeug” auf Decode eine der witzigsten, abenteuerlichsten und nettesten Seiten des Sound Of Cologne aufgeschlagen, die Köln für immer verändern wird. So jedenfalls hoffen wir. Zusammen mit seinem Bruder gehört er, obwohl noch recht “jung”, zu “der” (es gibt nur eine) ältesten Partyposse der Stadt. Die beiden waren einfach überall. Kein Wunder, dass sie irgendwann das, was sie am meisten mochten, auch zu ihrem Beruf machten. Uh Young wurde Redakteur bei Spex und Ill Young Viva 2 Moderator, zumindest als Tarnung. In Wirklichkeit aber verbarg sich hinter diesem Geldverdienen der Wille zur Musik (Emu kaufen), denn er erfand das Sampling neu. In einer Stadt, die zum grossen Teil eher aus den Modulationen und digitalen Auswegen aus der analogen Technologie besteht. Seine Musik schachtelt Fragmente einer Euphorie zu kurzen Tracks, die eine Nähe zu Clear, Rephlex und anderen wirren Engländern erst gar nicht verstecken will, sondern sich lieber gleich mitten reinstürzt in die Überschwenglichkeit. Tracks, die einen zum Lachen bringen können, einen aufregen, vor allem aber glücklich machen mit ihrer Perspektive, die Zeiten eines Erwachsenwerdens auch noch bis in die letzten Winkel zu verlängern. De:Bug: Seit wann machst du Musik? Ill Young: Alleine seit 96. Aber 95 habe ich schon mal einen Track auf Bored Beyond Belief mit Dominik gemacht. Erst seit meinem Fernsehjob mache ich jedoch Sachen alleine. Hab mir sofort Geld bei meinen Eltern geliehen. “Mama ich hab ‘nen Job bei VivaÉ gib mir Geld!”. Dann habe ich meinen Emu gekauft, und mir hat das Herz geblutet, soviel Geld für eine Kiste auszugeben, von der ich noch nicht mal wusste, wie ich sie verkabeln soll. De:Bug: Sehr im Vordergrund, schon allein wegen des Covers, steht bei dir ja das Kinderbild. Kindermusik. Ill Young: Ich weiss auch nicht genau. Ich habe dieses Bild schon sehr lange und wusste, wenn ich einmal eine Platte mache, dann wird das das Cover. Der Titel fiel mir auch nur so ein, aber es passt auch. Viele haben das ja auch geschrieben. Kindergeplärre, Kinderzimmer, ja, das ist offensichtlich, aber das stand nicht im Vordergrund. Ich bin ja ein grosser Clear und Rephlex Fan, aber ein Kind des Pops bin ich ja auch. Wiedererkennungswert, schöne Melodien, funky verpackt. Ich gehe gerne vom Walkmensch aus, weil ich selber einer bin, der immer einen Walkman aufhatte. Solche Dinge geben einem ein gutes Gefühl und lassen einen noch fester in die Pedale treten. Ich bin halt sehr englisch geprägt. De:Bug: Deswegen klingt es auch nicht nach Köln. Ill Young: Köln hat halt dieses Minimal-Techno-Klischee, was ich sehr schön finde, aber nie mein Ding war. Nichts, was ich ausprobieren wollte, weil es eh schon alle machen. De:Bug: Will deine Musik auch gespielt werden? Ill Young: Eigentlich haben Partys keinen Einfluss, ausser dass es ein Forum ist, um meine Musik richtig laut zu spielen. Die Cosmic Orgasm Partys, die alten Happy Hardcore Zeiten, die ich geliebt habe und immer noch vermisse, das vielleicht. Obwohl mich letztens eine mal schon wirklich genervt hat. Eine Orbital Party, auf der ich 93 mal in England war, als ich gemerkt habe, wie positiv elektronische Musik klingen kann. Da habe ich einen Rush gekriegt und nur noch Terz Dur Akkorde gespielt. Terz Dur klingt immer nach Orbital. Auch wenn ich sie jetzt scheisse finde. Ich habe zwar auch ein paar traurige Stücke, aber die habe ich für das Album nicht rausgeholt. Man hat die Stimmungen vor dem Computer nicht in der Hand. Es kommt einfach meist etwas fröhliches Klingklangmässiges raus. Wenn ich selber spiele, dann tanzen die Leute zwar, aber sie gehen ja auch deswegen aus. Es muss aber nicht immer tanzbar sein. Bei den wenigen 4 to the Floor Tracks, da tanzt der Pöbel eh immer. Aber wenn es etwas verfrickelter wird, dann wird es auch für mich schwierig. In Köln, so schön das Gradlinige sein mag und so schön es für Köln ist, seinen eigenen Style mit ein paar Vorreitern wie Voigt, Burger usw. gefunden zu haben, vermisse ich schon, dass viele Musikstile einfach gar nicht gespielt werden. Die Portion Funkyness. Hier wird kein Cylob gespielt, nicht mal Morgan Geist. Man freut sich dann schon, wenn mal wieder Popkomm ist und es eine Rephlex Nacht gibt. Die schaffen es, das, was für mich das Raveding ist, rüberzubringen. Ich würde es begrüssen, wenn es etwas freier laufen könnte. Aber scheiss drauf. De:Bug: Entstehen deine Tracks aus Sample-Sammlungen? Ill Young: Ich habe meine Soundbänke, die mit 40 MB ausgelastet sind. Ausserdem habe ich in den letzten zwei Jahren alles aufgenommen, worauf ich Lust hatte, und davon zehre ich jetzt immer noch. Ob es ein Husten ist oder man mit dem Löffel gegen ein Glas haut, man hört sich das alles noch mal an, samplet mal die Snare von “Why don’t we do it on the road”, einen Bass von KRS One. Zur Zeit recycle ich all das. Von Dexters Laboratory über Star Track. Mein Ziel ist im Moment, etwas genauer zu arbeiten, vom Chaos wegzukommen. Klarer zu werden. Feiner zu editieren. Nicht mehr alles draufzupacken – um so dichter um so besser, auch wenn mir das immer noch gefällt. Dem Samplewahn bin ich erlegen, aber ich bin momentan auch etwas faul geworden. De:Bug: Vergisst du die Herkunft der Samples? Ill Young: Auf jeden Fall. Wenn ich Tracks eine Weile rumliegen lasse, aber auch schon, wenn ich welche mache, dann weiss ich meist nicht mehr, woher das kam. De:Bug: Wie sind die Reaktionen bislang? Ill Young: Durchwegs positiv. Natürlich auf den Titel bezogen, aber auch in Bezug auf den Fernsehmoderator, der jetzt auch Musik macht, wo meistens nur Scheisse rauskommt, schneide ich ganz gut ab. Die Leute können das auch gut trennen. Mich sehen als jemand, der Musik macht, und meinen Job, das ist auch ganz richtig so. Die Musik ist auch einfach zu sperrig und komisch, um in Viva 2 zu laufen. Und das finden die Leute auch gut so. De:Bug: Es dürfte auch schwer fallen, dich mit Nils Bokelsberg zu vergleichen. Ill Young: Oh Gott. Ja, genau. Ich bin natürlich sehr gespannt, wie es in England laufen wird. Ich hatte ja vorher schon mal Tracks an Rephlex geschickt, und sie haben sich auch gemeldet, wollten noch mehr Tracks hören, aber ich hatte dann schon bei Decode zugesagt und fand es auch besser, bei Decode unterzukommen als bei Rephlex. Das ist einfach näher, und man hat eher einen Bezug zu den Menschen. Cool bleibt England trotzdem. Aber wie die nächste Platte aussehen wird, das ist noch fraglich. Der Druck ist jetzt schon gross. Wer Kinderzimmer macht, der muss schon auch reifen. Oder noch alberner werden. Ich würde gerne Gitarre lernen und Punk machen. De:Bug: Oh. Ill Young: Mehr Gesang vielleicht, verzerrt könnte ich mir vorstellen, richtig “Hardcore”, so wie die Atari Teenage Riot Frau, wie heisst die nochmal. De:Bug: Hanin. Ill Young: Es gibt da ein, zwei Tracks, die ich richtig geil finde. Die so schnell und fett abgehen, wo sie nur noch reinbrüllt, mit 170 Bpm durch die Gegend rast. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr viel Spass macht, so etwas zu machen. Ich fände es schön, noch krasser zu werden. Aber durchwegs positiv. Nicht diese Heavy Metal Harmonien, die immer so mollmässig abgehen, sonder schon fröhlich. Die aber fett und dreckig. Ob das klappen wird, weiss ich nicht. Wahrscheinlich nicht. De:Bug: Es gibt Spielzeug auch auf Vinyl? Ill Young: Ja, dafür war es auch gedacht, und da klingt das auch viel besser. Zum Aufklappen, richtig super. Man muss einige Tracks auch hochpitchen. Komischerweise gibt es in Köln die Platte in fast keinem Laden. Ich hab mir schon überlegt, ob ich meine Freunde in allen Plattenläden vorbeischicke. De:Bug: Gehst du mit deinen Tracks auch auf Touren? Ill Young: Früher habe ich viele Liveacts gemacht, wann immer mich jemand gefragt hat. Ich habe mein ganzes Studio hingeschleppt. Aber dann sind da immer diese Paravisionen: Ich sehe mich auf der Treppe, wie mein E64 die Treppe runterpoltert, weil ich stolper. Dann würde ich schreien, zusammenbrechen, das wär das Schlimmste auf der Welt. Egal was runterfallen würde, einfach weil alle Sounds da drin sind.

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Elektronische Lebensaspekte.