Die Funktionsweisen von Entertainment in der amerikanischen Fernsehunterhaltung lassen Robbie Williams’ Ironiemodell in seinen Fundamenten erschüttern. Das dokumentiert zumindest Spike Lees bitterböse Satire "Bamboozled - It's Showtime".
Text: aljoscha weskott aus De:Bug 47

“Bamboozled”
Spike Lees neuer Film
Wie oft Julia Roberts schon zur Prinzessin aller AmerikanerInnen gekürt wurde, lässt sich nach der letzten Oskarverleihung noch schwieriger ausmachen. Sehr oft jedenfalls. Es scheint so, als müsste in diesem immer wiederkehrenden Ritual ein Bild Hollywoods manifestiert werden: Ein sich selbst spiegelndes Bild des weißen Zaubers, der da heißt: Die Traumfabrik ist farblos. Und nur zufällig repräsentiert das Bild der Prinzessin das weiße Amerika. Hollywood inszeniert sich damit nicht nur als offenen, universellen Raum, es verweist in diesem großzügigen anti-essentialistischen Gestus den politisch motivierten Ruf nach Black Hollywood in das Reich der Phantasmagorien.
Aus den Detroiter Technoschmieden – etwa bei Robert Hood – ertönt bisweilen die Frage nach der Repräsentation von Blackness in der Stadt der Engel. Aber wenn das aufgeklärte post-rassistische Gebaren der Unterhaltungsindustrie auf das “Black ain’t Black” liberaler Dekonstruktivisten trifft, echot die Forderung “So we have to make movies!” jedoch nur unterschwellig durch das vielstimmige Raunen der amerikanischen Black Community. Wäre da nicht Spike Lee.
Rassistische Klischees
Stellen wir uns Spike Lee als Radiologen vor, der die tiefsitzenden rassistischen Phantasien Amerikas röntgt und diese als Momentaufnahmen an die mediale Oberfläche spült, um sie schließlich mit Memorabilien einer scheinbar längst vergangenen Epoche auszustaffieren. So geschehen in seinem neusten Film “It’s Showtime”, in dem Lee die rassistischen Klischees innerhalb der amerikanischen Fernsehunterhaltung anhand der historischen Funktion der Minstrel-Shows dokumentiert. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden die Minstrel Shows unter weißen Arbeitern, die ihre rassistischen Obsessionen im sog. Blackface materialisierten. Dabei wurden die Gesichter mit einer Melange aus Wasser und erhitztem Kork geschwärzt, um den “primitiven, dummen” Plantagenarbeiter zu parodieren. Schon bald avancierten die Minstrel Shows zu einem populären Entertainment-Konzept. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich das “Blacking up.” Afro-amerikanische Komiker wurden dazu genötigt, ihre Gesichter zu schwärzen.
Spike Lee unternahm mit seinen Schauspielern nicht nur historische Streifzüge durch die amerikanische Mediengeschichte. Auch in Memorabilia-Shops war die Realität der Minstrel-Shows aufzuspüren: “Wir fanden alles mögliche, z.B. noch echte Ketten aus der Sklavenzeit. Oder einen Schreiber in Krokodilform mit einem kleinen schwarzen Kind im Maul.” Jahrelang hatte Lee schon Material gesammelt, dass er seinen Schaupielern vor Augen hielt und bei diesen einen bis dato nicht gekannten Impact an historischem Bewusstsein erzeugte: “Sie hatten Bugs Bunny noch nie mit geschwärztem Gesicht gesehen. Sie hatten auch Judy Garland und Mickey Rooney noch nie in Blackface gesehen.”
In den 20er Jahren sorgte die Radioshow “Amys’n’Andy” für ein Revival dieser kolonialen Südstaatenunterhaltung. Anfang der 50er Jahre wurde die Show von CBS als TV-kompatible Sitcom überarbeitet und landesweit ausgestrahlt. Trotz Protesten afro-amerikanischer Bürgerrechtsgruppen war die Sitcom bis Ende der 60er Jahre in den Regionalprogrammen zu sehen und gilt ungebrochen als Kultsendung des weißen Amerikas.
Ein fehlgeschlagener Versuch
In “It’s Showtime” entwirft Lee durch die Verwendung digitaler Videokameras ein sehr nahes, Realität generiendes, filmisches Szenario der Arbeitsweisen eines Fernsehsenders. Der gehobene afro-amerikanische Angestellte Pierre Delacroix (Damon Wayons) ist als Autor für den kreativen Input zuständig. Doch weil die Quoten im Keller sind, wird Delacroix von seinem Vorgesetzten unter Druck gesetzt und an seine “genuin schwarze Kreativität” erinnert. Delacroix hat das Fernsehen sowieso schon satt. Er plant eine so groteske und unmögliche Show, dass sein Rauswurf vorprogrammiert ist: die Mantan-Millenium Minstrel-Show. Um das Spiel mit den rassistischen Projektionen des weißen Amerikas aufzunehmen, reinszeniert Delacroix die verdrängte Blackface-Metapher und zitiert dabei die Akteure der historischen Shows.
Doch schnell entgleitet Delacroix seine Versuchsanordnung der Minstrelshow und streut plötzlich unüberschaubare Effekte. Die Show wird ein voller Erfolg.
Befriedeter Umgang?
Die Frage danach, wie plausibel es wäre, dass Amerika zur Jahrtausendwende einer Ministrel-Show zujubelte, hat in den USA zu massiver Kritik an Lee geführt. Doch Lee orientiert sich an Auseinandersetzungen der 60er Jahre. Die Mailer-Baldwin Kontroverse über den “White Negro”-Ansatz verliert bei Lee nicht an Aktualität, sondern wird in seine eigene Kontroverse mit Tarantino eingebunden, um den auch heute nicht befriedeten Umgang mit der Ein- und Ausblendung der Colour-Line in der Unterhaltungsindustrie zu veranschaulichen.
Inwieweit der aufgeklärte Umgang mit der Codierung von rassistischen Images in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gar repolitisierende Wirkungen erzielt, wird in “Bamboozled” nicht positiv aufgelöst. In “Bamboozled” entwickelt sich eher eine tödliche Dynamik unter den Akteuren. Der melancholische, bisweilen pessimistische Unterton überwiegt.

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Elektronische Lebensaspekte.