Aus den Space-Männern sind die orchestralen Spiritualized um Jason Pierce sowie Sonic Boom und sein minimales Projekt Spectrum entstanden.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 125


“Trance-Rock-Avatare” nennt Sonic Boom, bürgerlich Pete Kember, seine ehemalige Band Spacemen 3 aus dem britischen Rugby. Aus den Space-Männern sind später die orchestralen Spiritualized um Jason Pierce und Sonic Boom und sein minimales Projekt Spectrum entstanden.

Spacemen 3 platzten Mitte der Achtziger wie eine synthetische Bombe in eine Popmusiklandschaft, die stark von New Wave und dessen merkwürdigen Auswüchsen wie Gothic und Synthie Pop geprägt war. Nun aber saßen dort auf der Bühne völlig entrückte junge Milchgesichter bzw. Kunsthochschulstudenten in Hemd und Pullover und machten die lauteste Gitarrenmusik, die man bis dato zu Gehör bekommen hatte. Sie scherten sich nicht um eventuelle Ohrschäden, sondern zelebrierten ziemlich abgeschossen ihre zehnminütigen Dronen.

Irgendwie weniger amerikanisch Hippie-esque als vielmehr britisch ambient mit einem Schuss Heroin, dennoch aus der Perspektive Kompakt näher als Woodstock oder Pink Floyd. Pierce und Kember verloren sich in ihren eigenen Welten zwischen kommerziell erfolgreichem Royal-Albert-Hall-Bombast und abseitiger, teilweise schwer zugänglicher Klangkunst, im Fall von Sonic Boom mit Kevin Shields und Kevin Martin aka The Bug als Experimental Audio Research. Die alten Alben der Spacemen 3 erzielen noch heute horrende Sammlerwerte in den einschlägigen Börsen oder Second-Hand-Läden.

Ohne diese Band-Amöbe wären Entwicklungen zwischen entschleunigter Gitarre und Synthesizer/Moog wie der britische Rave und auch minimale, eher repetitive Musik zumindest anders verlaufen. Beide Chefastronauten, Jason Pierce sowie Sonic Boom, scheinen dabei ihr Bewusstsein stets nicht nur mit Musik zu erweitern. Sicherlich nicht nur aus Posing finden sich mannigfaltige Verweise auf Drogen wie das berühmte “Sweet, sweet heroine”. Dieses oder auch Ketamin und dessen einen ordentlich aus der Welt fallen lassende Narkosewirkung scheinen hier viel nahe liegender als Extasy und Himmelhochjauchzen, wobei auch Letzterem sogar eine eigene Symphonie gewidmet wurde und das alles synthetischer ist als Gras, welches in diesem Umfeld eher unpassend schluffig erscheint.

Outta Space heißt hier Inner Space
Aktuell sind beide Nachfolger der legendären Spacemen 3 wieder aktiv geworden, Jason Pierce hat nach schwerer Lungenentzündung das vor Selbstmitleid nur so strotzende, dennoch absolut unpeinliche Album “Songs in A and E” mit Spiritualized aufgenommen und dabei alle Stimmungen von suizidal bis kratzbürstig repräsentiert.

Sonic Boom hingegen hat als Spectrum den Acid/Psychedelic-Helden Jim Dickinson (u.a. Sun Records, Ry Cooder, Big Star) vor über fünf Jahren zu einer Bastard-Kooperation am Mississippi überreden können und mit ihm so etwas wie eine Neubestimmung des Garagen-Drone kreiert. Die Ergebnisse dieser Session sind als Album “Indian Giver” nun endlich zu erhalten.

Beide Raumfahrer widmen sich weiterhin sehr stark den (Aus-)Wirkungen von Bewusstseinserweiterung, Pierce etwa wechselt auf “Song in A and E” nun allerdings von Zeugs zum “Weg-Beamen” (Klaus Walter) zu Stoffen, die das Überleben bei ihm im Krankenhaus auf der Intensivstation zwischen Accident und Emergency, eben A und E, im Hier und Jetzt sicherten. Ganz ohne Medikation scheint es nicht zu gehen. Pierce faszinieren die Katheter und Kabel heute mehr als die Medikamente: “Diese kleinen Plastikteilchen, die so unwichtig erscheinen, halten Menschen am Leben.“

Das Verflochtensein in diese Popmusikkontexte, der große Einfluss auf jüngere Acts wie etwa Speck Mountain oder Gravenhurst und das Bekennen zu eigenen Einflüssen wie Velvet Underground, Suicide oder eben Jim Luther Dickinson wie auch die latente Thematisierung von körperlichen Zuständen und deren Modulierungen durch Hilfsmittel machen sowohl die Wurzel Spacemen 3 als auch deren Sprösslinge Spiritualized und Spectrum, von denen demnächst ein neues Album als Kooperation von Sonic Boom, Dean Wareham und Will Carruthers erscheinen soll, weiterhin aussagekräftig.

So schreibt Pierce Filmmusiken, während Sonic Boom die bezaubernden Dean & Britta (Ex-Luna, Ex-Galaxie 500) remixt. Da können also noch so viele Stoffe aus der Apotheke gerollt werden, Pierce und Kember machen weiter und bleiben sich fast bis zur Stagnation treu. Das hat nichts mit irgendwelchen Revivals zu tun. Noch nicht. Dann schon eher mit einem umherkreisenden Raumschiff. Steigen wir ein.
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Elektronische Lebensaspekte.