Das Genter Eskimo-Label begnügt sich nicht mehr mit seinen exzellenten Ausgrabungs-Compilations. Jetzt startet es mit eigenen Künstlern. Neben der "Larry Heard Appriciation Society Inc." ist es DJ Kaos mit dem Projekt "Splay", der sich flott daran macht, ein Labelprofil zu definieren.
Text: patrick bauer aus De:Bug 88

Querbeet Klimax
Splay

Der wunde Punkt ist Lionel Ritchie. Warum dessen Disco-Schmuser “All Night Long“ in einem Samstagabend-Set außerhalb Belgiens für Verwunderung sorgt, das versteht Dirk De Ruyck nun wirklich nicht. “Fucking great track“, blafft der Labelmacher von Eskimo Recordings in seinem schnoddrigen Benglisch und stellt sogleich die Vertrauensfrage: “Doesn’t Lionel kick ass?“ Wer hier widerspricht, ist der Party-Deserteur. Der DJ-Verräter, der eingebildete Eliten-Raver, der saubermännische Gästelistensteher, jener Genre-Faschist, der mit dem Taxi vorfährt. Und wer will das sein? Niemand, der schon mal in Gent mitfeiern durfte, sagt De Ruyck.

Zwei Jahre lang leitete er zuletzt auch den Culture Club, diesen jetzt schon sagenumwobenen Tempel des grenzenlos grenzüberschreitenden Clubbens, der auf seine Flyer “House & HipHop“ schreibt. In Berlin katapultiert sich mit dieser Formel das Rio an die Spitze der Nacht, in Gent lockt sie tausende Willige; Menschen, die von der Tollwut der Glimmer Twins schon dermaßen infiziert sind, dass sie nichts Anrüchiges daran finden, wenn Phil Collins auf DJ T. folgt. Eine Masse, die sich der überkochenden Macht des Auflegenden so gefügig aussetzt wie Pommes Frites dem heißen Fett.

Nun macht ein hipper Club aber noch keinen Hype. So wild auch sein Eklektizismus sein mag. Dass aber aus dem 220.000-Einwohner-Städchen seit vier Jahren auch noch ein Label mit seinen Compilations jeder Party querbeet ihre Klimax schickt und damit quasi den Soundtrack zur Genter Nacht entwirft, das lässt aus dem einen Club eine neue Art des Ausgehens und aus der einen belgischen Stadt Europas steilsten Platz werden. Aber damit belästigt man Dirk De Ruyck lieber nicht. Seufzen, Ausatmen, Klarstellen. Richtig klar: “Wir machen hier nur immer noch das, was wir schon immer gemacht haben!“ Natürlich inspiriere der Culture Club Eskimo Recordings und, ja doch, das ist schon ein immens kreatives Netzwerk aus Ostflandern. Aber. “Gent war schon immer eine Partystadt, also haben wir hier auch schon immer Partys gemacht. Die rockten, vor allem, weil sich jeder kannte.“ Und auch, wenn statt 300 heute 8000 Eskimo-Jünger kommen: alles beim Alten, Gent wie eh und je.

“Und von wegen eklektizistisch. Das ist unser eigener Style, der damals eine Art Anti-Reaktion gegen dieses ganze Techno-Ding war. Nicht, dass Techno schlecht wäre …“ Aber eben auch nur ein Teil der großen Palette. “Aber“ ist ein wichtiges Wort bei Dirk De Ruyck und passt auch recht gut zur Eskimo-Philosophie. Von “Aber Hallo“ über “Aber auch“ bis “Aber bitte mit Sahne“. Cooler als eine Nacht im Iglu muteten die diversen Sampler an, auf denen Ivan Smagghe seine “Death Disco“ vorstellte, die “Serie Noire“ dunklen Pop und längst verdrängt geglaubten New Wave aus Belgiens flachen Weiten hervorkramte oder Headman – wie zuletzt geschehen – zwischen Franz Ferdinand und Alter Ego “Dance Modern“ schreit. Das alles passiert mit einer unverschämten Selbstverständlichkeit, mit einem Fuß immer im obskuren Fettnäpfchen, aber vordergründig mit dem Wunsch, einfach nur eine gute Zeit zu haben. Halten wir jedoch fest: Das in Gent ist einfach nur eine stinknormale Sause, und Eskimo, diktiert Dirk De Ruyck, war doch eigentlich nur als Spaß gedacht.
Ziemlich ernst gemeint sei aber einer der ersten artistbezogenen Releases: Die 12“ “Doubledeuce“ von Splay. Dahinter steckt ein alter Bekannter, DJ Kaos. Das ehemalige Terranova-Mitglied mit HipHop- und Graffiti-Vergangenheit war seit einem gemeinsamen Culture-Club-Abend mit den Glimmer Twins von der Diversität bei Eskimo so beeindruckt, dass er nun als Splay mit energiegeladenem Elan da einsteigt, wo von Metro Area bis Chicken Lips die alten Disco-Sounds revitalisiert werden, nur gern etwas Percussion-wilder, als ob der Berliner Auftritt von Liquid Liquid bei Kaos tiefe Spuren hinterlassen hätte. “Splay spiegelt in erster Linie meinen DJ-Background wieder. Mein Sound ist momentan sehr discolastig, sowohl die Produktion als auch das Auflegen. ‘Splay’ bedeutet ‘ausbreiten’, das passt zu mir.“ Bei allem Eklektizismus der Genter Szene ist es aber genau dieser Disco-NoWave-Sound, der den Kern ausmacht.

Splay passt perfekt in das Genter Wochenende, Kaos weiß, wovon er spricht: “Music is about having fun. In Gent kann man irgendwie alles spielen, die Crowd steht auf Überraschungen. Mein Verständnis von Clubkultur ist auch, sich nicht auf einen Stil festzufahren.“ Das passt natürlich zu Dirk De Ruyck: “Er kennt sich mit Musik wahnsinnig gut aus und liegt mit Eskimo sehr weit vorn. Taste is all. Ich denke, wir werden noch viele Platten zusammen machen.“ Die nächste Splay-Veröffentlichung, sagt De Ruyck daraufhin, müsse natürlich noch besser werden. So denke man immer bei Eskimo. Von wegen Spaß. Doch schon, aber: Weitere Solo-Platten sollen jetzt folgen, selbst eine Rockband werde bald zu hören sein, deutet De Ruyck an und erstmals scheint es, als läge Euphorie in seiner Stimme. “Meine Künstler können machen, was sie wollen. Unser Leitmotiv ist doch einzig die Liebe zur Musik!“ Vergessen wir den neuen Eklektizismus, lassen wir die Aufregung. Aber wie machen Sie das, Herr De Ruyck, und wieso Gent? “Warum? Ich weiß es nicht. Und hey: Ich bin kein Visionär, ich arbeite einfach ohne nachzudenken!“ Ob nun Neuartigkeit oder simple Rezeptur von vorgestern, was auch immer die Zutaten für das explosive Genter Gemisch sind, Understatement ist auf jeden Fall dabei.

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Elektronische Lebensaspekte.