Text: christian meyer aus De:Bug 24

Fäden verknoten Wenn man wie Johannes Wohnseifer aufgrund der Auszeichnung, an der Kunsthochschule Düsseldorf (wir erinnern uns: dort regiert Lüpertz) abgelehnt worden zu sein, von Martin Kippenberger als Assistent auserkoren wird, und durch diese Arbeit nach eigenen Angaben eine wahrscheinlich bessere Ausbildung als dort erfährt, dann kann man schon eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Kunstinstitutionen erwarten. Eine Respektlosigkeit, die alles zum Schwingen bringt. Zum Schwingen bringt Johannes Wohnseifer auch so statische Institutionen wie das Museum, wenn dieses z.B. (wie letztes Jahr in Mönchengladbach geschehen) zum Skate-Parcours umfunktioniert wird, wobei Wohnseifers Skulpturen Mark Gonzales bei seiner Skate-Performance als Rampen dienen. Zum Swingen bringt er bestimmte Ausstellungsprocedere, wie z.B. die einengende, weil stark reglementierte Aufgabe der Anfertigung eines Ausstellungskatalogs (letztes Jahr im Bonner Kunstverein, anläßlich der Vergabe eines Stipendiums), die er dadurch umgeht, daß er stattdessen eine selbst kompilierte Schallplatte mit elektronischer Musik befreundeter Musiker als “Katalog” veröffentlicht (“Johannes Wohnseifer präsentiert Hondabeats”/vgl. De:Bug 11/98), die in der Ausstellung aus einem geschlossenen Honda heraus zu hören ist. Und eine produktive Respektlosigkeit zeigt sich auch, wenn ganz eine Ausstellung im Museum Ludwig/Köln ausdrücklich “Museum” mit Anführungszeichen betitelt wird, in der aber in Museumstradition Bilder an Wänden und Skulpturen auf Sockeln gezeigt werden, die man wiederum in einem Museum nicht unbedingt erwarten würde. Das Wohnseifer “Museum” Die aktuelle Ausstellung “Museum” in Köln basiert, wie die meisten Arbeiten Wohnseifers, auf dem Prinzip, daß leichtfüßig Bedeutungssysteme umgestülpt, gekreuzt und durcheinandergewirbelt werden. Mit “Museum” werden die ersten 5 Lebensjahre des Künstlers durch ausgewählte historische Ereignisse umspielt. Ausgangspunkt sind drei Ereignisse des 10. Sept. 1967: On Kawaras Date-Painting “we reject, we reseign”, der Sieg des Honda-Teams beim Formel-1 Grand Prix in Italien und – als persönliches Zentrum – Wohnseifers Geburt. Der Endpunkt dieser Geschichte wird fünf Jahre später wieder mit einem Sport- und einem Kunstereignis markiert: Einerseits mit der Düsseldorfer Ausstellung von Marcel Broodthaers “Musée d’Art Moderne. Departement des Aigles”, andererseits mit den Olympischen Spielen in München, deren tragisches Ende zu Wohnseifers frühesten medialen Erfahrungen in Form einer schwarzen Mattscheibe zählte. Ähnlich wie beim Münchner Olympiagelände ist der Bodenbereich der Ausstellung, der durch die Verwendung der Olympiafarben von Otl Aicher fröhlich stimmt, vom restlichen Raum, der Kunstwerke im Zusammenhang mit On Kawara und Broodthaers’ Museum zitiert, getrennt. Anhand der parallelen Stränge aus Sport- und Kunstereignissen, die mit Wohnseifers persönlicher Entwicklung kurzgeschlossen werden, entwickelt sich ein komplexes System, dessen Elemente für alle rekonstruierbar sind, deren Zusammenhänge in einigen Fällen aber erst durch die Rückbindung an Wohnseifers persönliche Geschichte verständlich werden. Diese Geschichtsschreibung ist in starkem Maße artifiziell: Die vielfältigen Verflechtungen der einzelnen Elemente führen zu einer extremen Überdetermination, die häufig auch den Künstler selbst überraschen. So wird z.B. das im Nebenraum der Ausstellung gezeigte Video “My first 5 years in 15minutes” auf eine negative, weil in weiß gehaltene Kopie eines schwarzen Stoffbildes von Blinky Palermo projiziert. Das Bild als direkten Träger seines Films zu verwenden, ist Wohnseifers Revanche (“jetzt erst recht”) für die Entfernung des originalen Palermo-Bildes anläßlich der Skate-Performance. Wohnseifer weist im Gespräch in Bezug auf den reflektierenden Stoff mit sichtlicher Freude an unkontrollierbarer Sinnproduktion auf Palermos Vornamen hin: Blinky. HONDADIDAS (Inh.: J.Wohnseifer) Ein wiederkehrendes und auch für “Museum” verwendetes Prinzip Wohnseifers besteht in einer Art Second-Hand-Strategie. Er arbeitet mit bereits existierenden Identitäten, um ihren Spielraum zu überprüfen. Ein Beispiel: Über einen seiner besten Freunde (Hondaverkäufer) wird er an das Thema “Honda” herangeführt. In diversen Aktionen (s.o.) wird überprüft, inwieweit eine nicht gerade hippe Firma wie Honda fetischisiert und mit neuen Bedeutungen aufgeladen werden kann (der im “Museum” im Zusammenhang mit Olympia ’72 mit Adidas entwickelte Sportschuh “The Wohnseifer” ist da für einen an Jugendkultur interessierten Menschen schon naheliegender). Die Rückkopplung dieser durch Zufall entstandenen, dann aber bewußt geleiteten Entwicklung zeigt sich, als Wohnseifer entdeckt, daß sich an seinem Geburtstag jener überraschende Honda-Sieg von ’67 ereignete. So entsteht ein Bezugspunkt, der sich mit weiteren Punkten assoziativ verbinden läßt. Ästhetisch und strategisch in der Nachbarschaft von Minimal- und Concept-Art angesiedelt, praktiziert Wohnseifer hier Geschichtsschreibung als Kunstpraxis. In diese fließt die gelebte Vermengung von Kunst- und Industrieprodukt, Kunst-, Sport- und Musikhappening wie selbstverständlich ein. Ergebnis ist ein offenes und flexibles System aus assoziativ gesponnenen Fäden, die durch unzählige Knotenpunkte zusammengehalten werden – Genau: wie beim Olympiadach von Frei Otto, das andeutungsweise auch die “The Wohnseifer”-Schuhe ziert. Johannes Wohnseifer – “Museum” im Projekt Raum des Museum Ludwig Köln 5.April – 6.Juni 1999.

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Elektronische Lebensaspekte.