Herr Springintut, schlacksiger Rocker aus dem schönen Lüneburg, sitzt oft am Bahnübergang "Posten 90" und schaut sich den Castor-Transport an. DIese imposante Kriegserklärung im Kopf, nimmt er dann die Bimmelbahn in sein Laptop und zaubert das schüttelnste Album des Sommers. Alles klar?
Text: Multipara aus De:Bug 84

Erwachsen in den Sommer
Springintgut

Am Posten 90, einem Bahnwärterhäuschen im Wald bei Lüneburg an einer Nebenstrecke gelegen, kommt dreimal am Tag eine Bimmelbahn vorbei und einmal im Jahr Castor. Dort wohnt Springintgut. Kein Crossover aus Springinsfeld und Tunichtgut, sondern eine Adresse – am Springintgut wohnte nämlich mal Andreas Ottos Freundin. Der Name passte, auch weil er sich ein bisschen wie Pingipung anhört, dem Label, auf dem Andreas Ottos Projekt, eben Springintgut, zu Hause ist und auf dem jetzt sein erstes Album erscheint, das Posten 90 heißt. Im Wald geht’s offenbar rund. Verwirrt? Schauen wir genauer hin.

Auf Springintguts Debut-EP vor gut einem Jahr gab es ein Stück, das seinen Titel von einem Film borgte: “Le peuple de l’herbe” – hierzulande besser bekannt unter dem Titel “Mikrokosmos”. Dessen Macher taten genau das: Sie schauten genau hin und kontrastierten die Beschaulichkeit des menschlichen Blicks auf die Natur mit dem komplexen Drama des Lebens aus Insektenperspektive. Diese Diskrepanz der einfachen, eher romantischen Totale (vergleiche etwa den Waldentwurf von Gas 1999: “Königsforst”) und dem verwirrenden Detailreichtum bei genauer Betrachtung bildet auch die Inspiration von Posten 90. Springintguts Musik lebt dabei nicht nur davon, dass ihr Autor sein Laptop oft vor die Tür auf die Waldwiese mitgenommen hat, sondern vor allem von einer vielschichtigen musikalischen Persönlichkeit. Als Otto in 2000 von Köln nach Lüneburg ging, um Kulturwissenschaften zu studieren, hatte er bereits zehn Jahre Cello- und Schlagzeugspiel hinter sich. Zur elektronischen Musik kam er aber erst im befreundeten Kommilitonenkreis, aus dem sich 2002 ein Label für, kurz, “niedliche Wohlfühlmusik” gründete: Pingipung. Als er über die Programmierung polyrhythmischer Schlagzeugetüden in Acid zum Selbststudium allmählich ins elektronische Komponieren rutschte, ahnte keiner, dass er sich in kurzer Zeit zum Hauptact des Labels mausern würde. Dazwischen liegen entscheidende Erfahrungen mit Liveelektronik und Musikprogrammierung, die Otto als Theatermusiker in Stuttgart, Zürich und Hamburg gesammelt hat, und eben eine EP. Mit “Posten 90” werden Springintgut wie Pingipung jetzt erwachsen – einer erstklassigen Sommerplatte, die mit ihren sich organisch fortentwickelnden Arrangements, ihrem quirligen Funk, den vielen kleinen Melodien und digital beschleunigten Metabolismen dem Flavour von Mouse on Mars nicht unähnlich ist (aber doch ganz anders klingt). So erwachsen, wie man eben sein kann, wenn man Melodien baut etwa aus ringmodulierten Snaresounds, die man treffenderweise unter dem Namen “Truthahn” ablegt. Oder Live-Schlagzeug mit Triggern via Kontaktmikrofonen in Büchern bestreitet. Wenn man selbst in den melancholischen Momenten nie dark wird. Oder eben Springintgut heißt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.