Elektronika-Märchenwald, stringent geschnitzt
Text: Leonhard Lorek aus De:Bug 110


Der Lüneburger Andreas Otto studiert akademische Elektronik in Amsterdam. Diese Club-Ferne kompensiert er als Springintgut mit dem stringent geradesten Album, das er aus seinem Elektronika-Märchenwald schnitzen kann.

Folkfaktor: Null
Auf dem Cover von Springintguts zweitem Album ist eine Achterbahn abgebildet; diese ist nicht in Betrieb. Es ist aber eine Achterbahn. Und die Perspektive, aus der sie betrachtet wird, macht einen nicht gerade mutig.

Semielektrisches Zeug aus dem Wald, aus dem tiefen, tiefen Wald; ohne Käuzchensample, ohne Windgeflüster, nicht einmal ein Hirsch röhrt. Stattdessen gibt’s unverstellte Elektronik und hin und wieder eine akustische Gitarre. Folkfaktor: null. Kitschfreie Zone.

Andreas Otto aka Springintgut hat Kulturwissenschaften studiert; Schwerpunkt: elektronische Musik. Gemeinsam mit Freunden betreibt er das Label Pingipung. Derzeit ist er in Amsterdam am Steim-Institut akkreditiert. “Das Steim ist gut. Jan St. Werner von Mouse On Mars hat es mir empfohlen; viele Projekte da sind sehr akademisch und kennen Clubmusik nur aus dem Feuilleton. Aber es ist spannend, diese ästhetischen Grenzen zu ignorieren. Ich habe dort mit Florian Grote, der jetzt bei Native Instruments arbeitet, ein Software-Instrument entwickelt: Fello, das durch mein Cellospiel gesteuert wird und den Cellosound resynthetisiert. Mit diesem Instrument habe ich auch an ‘Park and Ride’ gearbeitet.“

Die Orte, an denen Andreas Otto zu Hause ist, bedingen den Zustand des Albums; sowohl Amsterdam wie auch seine entlegene Wald-Residenz bei Lüneburg, unweit einer Bahnstrecke, die Tag für Tag grad mal drei Pendlerzüge passieren. Beschauliche Gegend, könnte man meinen. “Wenn aber im November der Castor rollt, kippt die Idylle für Wochen in eine unwirkliche Situation, mit Polizei, misstrauischer Kontrolle und Überwachung, da mein Haus 20 Meter neben den Schienen steht. Diese Tatsache ist während des Castortransportes eigentlich schon eine Straftat, da man sich nicht näher als, ich glaube, 30 Meter an die Schienen annähern darf. Das heißt, dass man gerade in der Zeit, in der die Bäume kahl und die Tage kurz werden, enorme Demonstrationen staatlicher Willenskraft ertragen muss.“

Nachvollziehbar, dass das, was auf dem Album nahezu harmlos und gut gelaunt beginnt, in Anspannung mündet, hineingesaugt wird. Was wiederum “Park and Ride“ über die Musik hinaus spannend macht, auch, weil hier die Anspannung nicht aufgelöst wird. Nix da mit Erlösung! Prima Stoff. Und, ob nun gewollt oder ungewollt, als Kunst politisch.

Weil: Ästhetik wirkt allemal nachhaltiger als Agitation, Resolutionen oder die Kuschelfaktoren digitaler Lagerfeuer.
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Elektronische Lebensaspekte.