Minimal-melancholisch ist besser als minimal-trocken. Vor allem, wenn man wie im Fall Daniel Bürkner so gar nichts mit dem Dancelfloor zu tun hat. Mit seinem zweiten Album "Dunai" schraubt er an allem, was Musik macht und probt die sanfte Wohnzimmerband.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 95

Weniger ist mehr
Squares On Both Sides

Es gibt Momente, die besser nicht von Musik beschallt werden, wo jeder Beat aus dem Player alles zertreten würde. Was Daniel Bürkner aber mit der neuen Platte seines musikalischen Projektes “Squares On Both Sides” zwischen Folk, Singer-Songwriter und akustischem Indietronic aufspannt, zaubert gerade in solchen stillen Momenten ganz unerahnte Traumwelten. Minimal-melancholische Musik nicht nur für die Stunden nach der allerletzten Afterhour oder für den Radiowecker am Sonntagmittag: Gitarren, ein Klavier, eine Harmonika, nur wenig Elektronik oder ein verzerrtes Vogelzwitschern sind eben sanfter als die smoothesten Beats aus der Elektrokiste.

Daniel Bürkner ist ein schmaler und sympathisch-bescheidener 23-Jähriger mit wachen hellblauen Augen. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin, würde aber gerne “des interessanteren Wohnorts wegen” auf die polnische Seite der Oder ziehen. Als Kind gab er nach drei unbefriedigenden Gitarrenstunden die Musikschule auf und klimperte lieber alleine mit Glockenspielen herum, bis er sich als 15-Jähriger die heute doch tonangebende Gitarre einfach selbst beibrachte. Mit der Zeit wuchsen daraus Experimente und Kompositionen, deren Vierspur-Aufnahmen Daniel regelmäßig im Münchner Hausmusik-Plattenladen vorbeibrachte. Inhaber Wolfgang Petters ist auch Hausmusiks Labelchef – und veröffentlichte 2002 die “Flung EP” und ein Jahr später das erste Album “Croquet”. “Danach ging es wirklich weiter, gerade am Gesang habe ich viel gearbeitet. Dunaj klingt lockerer und fließender – und trotzdem reduzierter”, findet Daniel, der seine Kompositionen sehr bedacht entstehen lässt: “Ich denke meistens alles in Spuren vor: erst die Gitarre und wie sich dort ein Klavier hineinweben lässt.” Die konkret-verträumten Motive entwickeln sich aus Erlebnissen, Gedanken und Reisen – vieles auf dem neuen Album entstand z.B. bei einem Aufenthalt in Bratislava, deshalb auch der slowakische Albumtitel (Donau) und Songnamen wie “zlaty 2” oder “CSAD”. Für das Cover adaptierte Daniels Freundin eine abstrakte Stadtansicht Bratislavas.
Genauso funktioniert das auch auf Dunaj – ruhige Passagen, sogar Pausen, überlagern sich mit nahen und fernen Schichten der Instrumente, mit Daniels fragilem, aber nie fisteligem Gesang, Rauschgeräuschen und manchmal mit einem blechernen Vogelzwitschern: “Das Komplexeste an meiner Musik ist eigentlich das Verhältnis von Nähe und Ferne”, erklärt Daniel. Bis ich die Aufnahmephase starte, habe ich die Harmonie der verschiedenen Spuren oft zu viel im Kopf durchgespielt, es ist dann fast abstrakt. Zum Glück kommt am Ende immer genügend Improvisation hinzu.” Fragen über den Inhalt der chiffrierten Titel und ohnehin kaum verständlichen englischen Texte will Daniel nicht beantworten: “Das wäre mir viel zu banal – und auch zu intim: Würde ich die Verschlüsselungen alle aufheben, verschwände der Zauber.” Postgymnasiale-Kunst-LK-Komplexe? Nein. Daniel Bürkner weiß, was er tut. Die zurückhaltend-wunderschöne und tief erlebbare Musik vermittelt ohne Ergänzungsliteratur so viel, wie täglich Wasser die Donau herunterfließt. Das genügt. Zuviel rationales Verständnis blockiert ohnehin die Empfindung.

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Elektronische Lebensaspekte.