Die Düsseldorfer Band hat uns ihre Stadt gezeigt
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 160

Der Bandnachwuchs aus Düsseldorf steht grundsätzlich vor dem Problem: Nehme ich die tonnenschwere Musikgeschichte der Stadt auf, oder musiziere ich einfach komplett an ihr vorbei. Die drei jungen Männer von Stabil Elite haben das Gewicht geschultert und balancieren es mit größter Eleganz: Auf ihrem Debütalbum wagen sie sich tief hinein ins legendäre Krautrock-Mekka und schreiben die Geschichte weiter. Wir haben uns ihre Stadt zeigen lassen.

Überhaupt kein Gleiten, kein Fließen, null Grenzenlosigkeit. Stattdessen Stop-and-Go, der Hochgeschwindigkeitszug schlängelt sich kurz vor dem Ziel nicht mehr elegant durch Deutschland, er scheint im Gegenteil zu stolpern über Hamm, Dortmund, Bochum, Essen und Duisburg. Dann, endlich doch, Düsseldorf – die glänzende Außenhülle, die Rheinseite – die Blenderstadt. Beim Ausstieg allzu passendes, gleißend helles Licht, das die Umwelt in strahlender optimistischer, urnostalgischer Technokratie erscheinen lässt. Selbst die Natur, die hier auf eine verblüffend selbstverständliche Art schon immer verloren und sich auf eine wunderbare Weise damit abgefunden hat, kann nicht umhin, heute Morgen noch ein bisschen schöner auszusehen. In der Stadt stahlgrade Gebäude und stocksteife Menschen.
Wenn es je eine Utopie von Westdeutschland gegeben hat, dann wurde sie hier ausgedacht. Millionen von Musikabspielgeräteläden der Marke Bang & Olufsen, wunderbare Shops von Gosch Sylt, die Friseursalonkette Mod‘s Hair, die ganze kleine Kö. Es gibt hier Filialen der Deutschen Post und von Karstadt, die so groß sind wie das Berliner Olympiastadion – und sie alle erzählen die Geschichte einer feinen Nachkriegsmoderne mit Geld, so ein bisschen geschmackvoll und distinguiert und eben doch provinziell wie eine Märklin-Eisenbahn. Das im Ruhrpott zusammenmalochte Kapital wurde schon viel zu viele Jahre in der Landeshauptstadt zusammengelegt und vom ansässigen Flughafen hin- und hergeflogen, als dass das noch für irgendwen nicht die natürlichste Sache der Welt darstellen würde.  
“Alles was ich anfass’/ wird sofort zu Gold/ Ich muss verhungern” singen Stabil Elite unbekümmert auf ihrer Debüt-EP. Vom Midas-Mythos schwingen sie sich nun auf ihrem ebenfalls bei Italic erscheinenden Album zum ganz großen Ritt durch Düsseldorf. 
“Mit dem Pferd durch die Stadt” zu einer “gläsernen Braut”. Man sieht viel “Metall auf Beton” und vor allem “Stahlträger/ zwischen dem Verlangen/ stützen das grau”. Die dreiköpfige Band befindet sich, und benennt es auch so, im “Zeitreiserausch” und wir begleiten sie dabei gerne ein Stückchen: drei junge Männer, die zwischen ganz vielen Stühlen sitzen. Ihr Unterrichtsfach heißt so wie die Stadt in der sie wohnen: Düsseldorf. Und Stabil Elite sind die neuen Musterschüler. 

Düsseltal 
Lucas Croon sieht aus wie Holger Hiller. Dieselbe markige Präsenz wie der Sänger von Palais Schaumburg, derselbe Nazihaarschnitt. Vom Bahnhof fahren wir direkt in den Übungsraum seiner Band. Auf einem Schild steht Düsseltal – “wäre ein guter Bandname”, sagt Croon ins Blaue hinein. Martin Sonnensberger wartet dort bereits, Nikolai Szymanski kommt etwas später. Man redet ein bisschen darüber, wie sich das anfühlt in so einer Stadt mit Mitte 20, was man da so macht. Dass ihr Albumtitel “Douze Pouze” auch so heißt, weil es klingt wie Talkie Walkie, dieses Album von Air, wegen dem man aufgehört habe, auf dem Atari HipHop-Beats zu produzieren. Darüber, dass sie alle auch alle Instrumente spielen, dass ihnen das total wichtig ist. 
Und vielleicht deswegen schlängeln sie sich einer nach dem andern aus dem Gespräch heraus und um die verschiedensten Instrumente herum und fangen irgendwann einfach an zu jammen. Die jungen Männer führen vor unseren Augen das grandiose Jungsding vor. Es ist einfach so schlüssig, dass diese Art des Gemeinsam-im Keller-Musizierens die ganz offensichtlich richtigste Sache der Weltgeschichte darstellt. Die Logik befiehlt es geradezu: Hier sein = Musik machen mit den Jungs. Mal ‘ne Kippe anstecken, mal sich irgendwas Seltsames zureden – sie schicken Töne durch den Sequenzer, streicheln das sauteure Georg-Neumann-Mikrofon, berühren nebenbei ein elektro-mechanisches Pianet aus den 60ern und drücken sanft die Tasten ihrer Korg Polysix und Korg Sigma Synthesizer. Auf dem Minimoog ist “Stadt Düsseldorf” eingraviert (Eine Lehrerin wollte ihn wegschmeissen, kurz bevor sie das tat, hat sie Nikolai gefragt, ob er damit etwas anfangen könne. Er konnte). In so einem Raum übersetzt sich schüchternes Schlaumeiertum wie von Geisterhand in sicher ausgeführte Gesten am Gerät – die unaufgeregte, mühelose Megacoolness. Zum Pissen geht man in einen kleinen Nebenraum und hält seinen Pimmel in ein großes Waschbecken. Es wird mal wieder klar: Der Proberaum ist im Grunde der Salon der Jungszimmer. Hier sind wir, alle anderen sind draußen.


 
Stabil Elite machen vor unseren Augen genau das, was sie sonst behaupten, nie zu machen: jammen. Die krautigste Krautrock-Sache überhaupt. Von allem befreite, schwer psychedelische, in komplexen Strukturen mäandernde, dabei konstant gen Kosmos strebende Space-Musik herstellen, in langen Stunden und pauselosen Tagen. Ihren Übungsraum wollen sie stattdessen als Studio verstanden wissen, hier werden all ihre Lieder selbst aufgenommen. Wobei sie wiederum das andere Düsseldorf-Klischee bedienen: den Studionerd, den Kraftwerk-Menschen, der klare analytische Musiker, der erst weiß und dann spielt, der Anti-Kiffer. Lucas Croon und seine Jungs kiffen in einem fort. Sie kiffen, aber sie jammen nicht. Sie machen Krautrock, aber sie machen auch eingängige Popmusik. Die Krautkameraden bieten auf ihrem Debütalbum die zeitgenössischste und vor allem umfassendste Melange aus Düsseldorf, die seit der Erfindung von Düsseldorf als Musikkonzept vorgelegt wurde. Seit Kraftwerk, DAF, Can, Neu!, Krupps, Fehlfarben, Kreidler, Mouse on Mars. Die Superauseinandersetzung. Als würden sie von diesem Ort hier, an dem sie aufgewachsen sind, den Rest der Popwelt ansprechen: “Geh vor/ Ich bleib wo ich bin.” – die einzigen Lyrics ihres Stücks “Agent Orange”, es befindet sich genau in der Mitte ihres Albums. Darunter ein Can-haftes Jazzgefieber, darüber Neu!-ähnliche Gitarrenlicks, dazwischen stets ein Kraftwerk-mäßiges Geschnösel.  

Im Westen was Neues
Es ist nicht einfach so, dass sich drei Jungs 40 Jahre später auf die musikalischen Entwürfe ihrer Heimatstadt besinnen. Nein, diese Form der musikalischen Aneignung und Einschreibung ist derart unversteckt ausgestellt, dass man es beinahe frech finden könnte. Eine Kraftwerk-Referenz wirkt geradezu konzeptkunstmäßig nachgespielt. Nikolai erklärt: “Beim Komponieren dieses Liedes stellte es sich heraus und das durfte es dann auch. Wir hatten das Gefühl, dass man das im Vorhinein von uns erwartet und für uns war es dann auch ein wenig wie ein Witz – trotzdem finden wir das Stück natürlich auch sehr schön. Wir haben es dann konsequent zu Ende gebracht, Drums hinzugefügt, der frühe Michael Rother trifft Kraftwerks Autobahn.”   
Das Spiel mit der Sozialisation nimmt bisweilen vorwitzige Züge an, etwa wenn die EP am Todestag von Neu!-Schlagzeuger Klaus Dinger erscheint. Ihren Namen haben sie elegant aus dem Film “Das Millionenspiel” gestohlen. Die Vorwegnahme von Reality-TV aus dem Jahr 1970 wurde von Werbe-Einspielern unterbrochen, die sich damals durch stark sexualisierte Sujets hervortaten und von einem fiktiven Stabil-Elite-Konzern gesponsert wurden. Die Titelmelodie des Fernsehfilms wurde, logisch, von Inner Space Production geschrieben, also von Czukay, Schmidt und Liebezeit, also von Can. Ein noch komischerer Treppenwitz ist, dass in einer der Werbeinszenierungen auch für ein “Kling-Klang-Messer” geworben wird – und somit gewissermaßen auch die Chance besteht, dass die Band Kraftwerk den Namen ihres Studios dort geborgt haben könnten. Das berühmte Kling-Klang-Studio befand sich ursprünglich in der Mintropstraße 16 in Düsseldorf, wurde 1970 ins Leben gerufen und bezeichnet in der Biografie der Roboter-Band die Verwandlung von dem Musikprojekt “Organisation” zur Legende Kraftwerk. Als Lucas Croon mich später in den Hinterhof der Mintropstraße 16 fährt, erinnert dort nichts mehr an die glorreiche Vergangenheit. Hinter den weißen Gardinen wird es gewesen sein, über der kleinen Eingangstür befindet sich wirklich ein Schild: Elektro-Müller. Von Kraftwerk bleibt noch Elektro, die Wirklichkeit ist manchmal gar nicht so unoriginell. 
Im Proberaum von Stabil Elite, der sich unter dem Restaurant der Eltern Croons befindet, hängt eine verblichene Fotografie von Charly Weiss, dem legendären Düsseldorfer Schlagzeuger, der auch mal mit Kraftwerk spielte und später in Helge Schneider seinen musikalischen Traumpartner fand. Vor zwei Jahren verstarb Weiss, zuletzt lief er noch murmelnd und im Bademantel durch die Fußgängerzone, sein Drumset hatte er im Badezimmer seiner kleinen Wohnung aufgebaut, erzählt Martin Sonnensberger. Und, dass er sehr schlau gewesen wäre. So schlau, dass er, Martin, sich nach einem einzigen intensiven Gespräch in einer Bar übergeben musste. Es war einfach zu viel. 

Mucker
Wie weit darf man in die Geschichte eintauchen? Wann verliert man sich selbst in ihr? Vor 40 Jahren und auch etwas später bei DAF und Fehlfarben ging es stets darum, einen eigenen, neuen Musikentwurf vorzulegen. Düsseldorf, das bedeutete, etwas zu machen, das es noch nie zuvor gegeben hat. Ein Totalanspruch auf Eigenständigkeit, der heute kaum mehr nachzuvollziehen ist. Die extreme Zeitgenossenschaft von Stabil Elite ergibt sich aus einer vorgetäuschten Revivalgeste, unter der die produktive Neusortierung und Neuschreibung alten Materials aus einem streng begrenzten Kosmos wuchert. Auf “Douze Pouze” findet sich weniger die Nacherzählung einer steinalten Geschichte, als eine elegante Weiterschreibung, die sich versiert, reduziert und konzentriert auf ein Muckertum bezieht, das Köln genauso miteinbezieht wie Die Sterne, etwa im sachlichen, sehr akzentuierten Sprechgesang. Stabil Elite samplen nicht, spielen alles selbst ein und drücken die richtigen Knöpfe zum richtigen Zeitpunkt. 
Am Abend trifft man sich noch im Salon des Amateurs, dem Aufenthaltsort der hiesigen Kunst-Musik-Bohème, der an die berühmte Kunsthalle angeschlossenen ist: Hier, in der rheinischen Version des Pudelclub, in diesem Foyer des Arts Düsseldorfs wird heute ein Stummfilm musikbegleitet, das Publikum vernimmt in hochkulturiger Stille, und man beobachtet noch einmal in Ruhe diese drei Düsseldorfer Jungs, die am Rande mit ihren sehr großen, sehr gut aussehenden Freundinnen in der geschmackvollen Bar herumstehen: einerseits der stete Hang zur kühl-künstlerischen Distanz, den sie an ihrer Art, ihrer Art sich zu kleiden und auf den stilvollen Coverartworks nachvollziehen – andererseits wirken sie aber eigentlich noch viel jünger als sie sind. Wie gut angezogene, durchaus mondäne Abiturientenbuben, die aber niemals aus dieser Stadt herausgekommen sind und ihre kleinen großen Köpfe statt in die Welt auszustrecken nur immer in diesen Düsseldorf-Topf gesteckt haben. Die bei einer Art selbstauferlegtem Hausarrest Freiheit fanden: “Hier können wir machen, was wir wollen. Es fühlt sich überhaupt nicht an wie Rückbesinnung. In Berlin hätten wir uns wahrscheinlich schon lange aufgelöst”, meint Martin und trinkt einen guten Schluck Bier. Vor allem natürlich sei das alles gewesen, natürlich sei das überhaupt immer noch. Also doch wieder fließend, doch wieder befreit, doch grenzenlos? “Es ist gut, am Fluss zu wohnen, das ist sehr gut.” Sagt Lucas Croon zum Abschied. 

Fotos: Adrian Crispin

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