Der Detroiter Stacey Pullen hisst die schwarze Flagge zur Verteidigung der Techno-Ursprungsformeln. Techno ist ein langer Weg innerer Reinigung, von Detroit bis zum Powerbook. Detroit geht in die digitale Ära.
Text: sascha kösch aus De:Bug 45

techno

Musik, das sind Nummern
Stacey Pullen

Die gute Nachricht zuerst. Stacey Pullen hat sich ein Powerbook gekauft. Die zweite gute Nachricht: Es taucht auf seinem neuen Album, dessen Titel zwar schon danach klingt, nicht auf. Weshalb, werdet ihr euch fragen. Und warum muss eigentlich alles, was mit einem Powerbook zu tun hat, eine gute Nachricht sein?

Detroit geht in die digitale Ära. Man hat sehr lange darauf gewartet. An der Westküste räumt ein Powerbook-Kid nach dem anderen rockende Plattenverträge mit den angehenden Mittelklasse Labels ab, und Detroit wird mehr und mehr zu einer Legende, von der nur noch ein Haufen unverbesserlicher redet, jedenfalls kaum noch ein A&R. Lange Zeit war es aber noch einer der wenigen Orte, von denen man noch schwere dunkle Synthesizer Sounds der ersten Consumer-Generation hören konnte, was nicht nur an Detroits Telefonvorwahl 313 liegt. Aber auch dort beginnt sich das nächste Zeitalter in die Produktion der grade von hier aus vielbeschworenen futuristischen Zukunft einzuschleusen. Und diese Zukunft ist jetzt. “Today is the tomorrow you were promised yesterday” ist der Titel des neuen Stacey Pullen Albums, und es erscheint merkwürdigerweise auf dem eigentlich bislang nur für Photek und Freunde bekannten Label Virgin Science. Für jeden, der sich unverbesserlicher Weise mit einer Reihe Powerbooks On-Stage aber immer noch nicht anfreunden kann und eben dieses Moment der Nostalgie in der Zukunft liebt, für das Detroit vielleicht lange genug gestanden hat, für den ist die zweite gute Nachricht eigentlich klar. Das elektronische Orakel mit dem Namen einer Stadt und der Weite von Galaxien lebt.

“Es geht immer um Schicksal, darum zu wissen, woher man kommt, um ein Wissen der eigenen sozialen Präsenz, und gleichzeitig um die immer in die Zukunft ausgerichtete Jagd nach dem, was Musik sein kann oder Kunst oder das Leben, wenn man die richtigen Dinge tun muss, die getan werden müssen, um zu überleben.”

Stacey Pullen, oder einer seiner vielen Avatare, X-Stacy, Bango, Silent Phase, Kosmic Messenger etc., produziert seit ca. 92 im Umfeld der großen Detroit Namen auf Labeln wie Transfusion, Fragile, Transmat, Elypsia und rutschte spätestens seit seiner DJ Kicks CD auf K7 (1996) in die Riege der vielbeschäftigten Remixer. Dennoch ist sein Output nicht grade massiv, was nicht nur an seinen auf einschlägigen Mailinglisten ausgiebigst dokumentierten DJ Sets liegt. “Ich brauche diese Distanz, wenn ich produziere. Die Tracks, die ich mache, wenn ich monatelang nicht im Studio war, gefallen mir immer am besten.” Und das, weil er darin die Eindrücke seines zweiten Lebens (unterwegs sein; Leben Nr.1 ist wie für jeden guten Detroiter das Zuhause, die Hood, Detroit) verarbeitet.

“Meine Entwicklung bis jetzt ist voller Stationen innerer Reinigung, Inventuren meiner selbst. Wenn ich jetzt ins Studio gehe, ist es wie eine Kommunikation. Sieht man sich meine Tracks bis jetzt an, dann zieht sich da eine Art Gefühl durch, das wollte ich auf diesem Album noch einmal komprimierter und in größerer Breite haben. Es ist dabei natürlich kein typisches Detroit Album. Die Leute haben uns so sehr in eine Ecke gedrängt, dass man von uns allen erwartet, nur noch Detroit Techno zu machen. Obwohl, grade wenn man hier aufgewachsen ist, im schwarzen Amerika, es viel weitere Einflüsse gibt. In den 60ern und 70ern bin ich aufgewachsen. Und das kann man, wenn man es kennt, auch in den Tracks hören. Aber ich habe nicht, wie so viele andere, diesen Signaturen-Sound. Weshalb ich dann auch so Dinge versuche, wie mit einer Opernsängerin zusammenzuarbeiten. So weit weg diese Dinge auch voneinander liegen mögen, die Exzentrizität bringt sie irgendwie zusammen.”

Detroiter können ganz schön exzentrisch sein, aber es ist eine Exzentrizität, die sich selbst meist als falschverstandene sieht. Exzentrizität von unten. Da hilft auch keine späte Anerkennung der Szene durch die Trancewelt und die Gerechtigkeitskämpfe um Copyrights im Netz wie bei DJ Rolando oder der erste Kontakt mit den Wesen Namens Kraftwerk. Detroit lieferte die Formeln, und weltweit wurden sie ausgebeutet. Das ist der alltägliche Glaube eines Producers elektronischer Musik in Detroit. Ausgenommen davon sind vielleicht noch die Londoner und die Deutschen. Patentrechte für Genres wird es wohl und auch glücklicherweise nie geben. Es gibt eine endlose Distanz von eigener Arbeit und Wirkung, in der man selbst normalerweise verloren geht. Technologie hat sie reingeritten, und Technologie wird sie auch wieder retten, denn eben diese Distanz wird kürzer werden mit einem Powerbook. Und Pullen kann es eigentlich kaum verstehen, dass jemand behaupten würde, dies wäre nicht der einzige Weg, den man gehen kann: Technology. “Musik, das sind Nummern. Wenn man neue Formeln bauen will, ob in Musik oder als Programm, dann kann man nicht hinterher zählen.”

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Elektronische Lebensaspekte.