Drei Schweden hacken auf Beats und Worten rum und geben HipHop eine weitere europäische Sub-Schule. Die hätte es zwar nicht gebraucht, aber wenn's halt so lustig ist ...
Text: Johannes Schardt aus De:Bug 97

Crunk auf dem Rummelplatz

Für die nächste Version des “Ishkur’s Guide to Electronic Music” – das unterhaltsame Standardwerk für überflüssige Subkategorisierungen von Sub-Sub-Genres – hat “Eurocrunk” bestimmt recht gute Chancen aufgenommen zu werden. Freuen würde das sicherlich drei junge Männer aus Schweden, die, falls sie nicht sogar den Anspruch auf die Urheberschaft dieses Begriffs haben, doch zumindest zu seinen aktivsten Apologeten gehören. Denn wo immer Stacs of Stamina über ihr neues Album “Tivoli” reden, fällt unweigerlich dieses Wort. “It’s all Eurocrunk … BRAAAPP!”, lässt Produzent Johan wissen.

Crunk, wir erinnern uns, entstand als eine dreckige Spielart des US-amerikanischen Dirty South HipHops und zeichnete sich durch die Benutzung von Elementen aus der elektronischen Tanzmusik aus; anstatt über staubige Jazz-, Funk- oder Soul-Samples zu rappen, gab hier oft ein 808-Drumcomputer den Takt an.

Die schwedische Eurovariante geht noch ein paar Schritte weiter. Vertrackte Beats werden mit PlugIns gegängelt, Vocals werden von Effekten nicht verschont und die Synthiemelodien sind den drogengeschwängerten Träumen von Super Mario entliehen. Die Musik, zu der nicht nur die drei selbst, sondern auch Seelenverwandte wie Mike Ladd, TTC und Ears wild durcheinander rappen, erinnert eher an völlig überdrehte und aufgemotzte Gameboy-Soundtracks als an das, was man sonst so aus dem HipHop kennt.

Getreu dem Albumtitel (schwedisch für Rummelplatz) sorgen Johan und die beiden MCs Marcus und Gesan für höchsten Entertainmentfaktor, indem sie zu musikalischen Achter- und Geisterbahnfahrten einladen. Jedesmal, wenn man glaubt, man sei sicher, kommt der Killer-Loop(ing) oder irgendetwas Unbekanntes springt einem ins Gesicht. Solche Überraschungsmomente waren immer schon wichtiger Bestandteil der Musik der drei Schweden, von denen es zwei mittlerweile nach London verschlagen hat. Auf dem 13-minütigen Monstertrack “Isn’t This Enough?”, erschienen auf einer Split 10″ mit Pilot Balloon (2003, 2nd rec), knallten Ambient, Drum and Bass, Industrial und HipHop in ungehörter Weise aufeinander, und auch die düsteren Soundkollagen auf ihrem Mini-Album “Cashew Fenny” (2002, Sideshow Recordings) brachen mit gängigen HipHop-Konventionen.

Das neue Album “Tivoli” lässt sich ebenso nur schwer in vorhandene Schubladen stecken, und deswegen ist es der Truppe auch erlaubt, eine neue aufzumachen und “Eurocrunk” draufzuschreiben. Wohlgemerkt mit einem zwinkernden Smiley dahinter, denn dass diese Bezeichnung für ein Subgenre des elektronifizierten HipHops unnötig und ein bisschen albern ist, wissen Stacs of Stamina selbst am besten. Aber auf dem Jahrmarkt darf man das.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.