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Text: anne pascual aus De:Bug 31

/städte/netze Space Flow Die Stadt als Prozess Über Vergangenes oder Zukünftiges lässt sich viel leichter spekulieren als über Gegenwärtiges. Wenn man mitten drin ist, fehlt die Distanz, aus Zahlen und Daten ein Bild der Wirklichkeit nachzustellen, das in etwa auf das zutrifft, was um uns herum geschieht. Da greift man gerne zu Modellen. Die sind zwar nicht weniger abstrakt, aber bemühen sich, eine einheitliche Sicht des Ganzen zu geben. Also nicht um Wahrheit geht es hier, sondern um einen Versuch, den unsichtbaren Interaktionen von Technologie, Gesellschaft und Raum, dem, was unser urbanes Leben ausmacht, auf die Spur zu kommen. Manuel Castells, Stadtplaner und Soziologe, baut ein solches Modell. Er sieht die Dinge einmal anders und unterstellt einen Wandel in Raum und Zeit, der sich in vielen Bereichen des Alltäglichen und Nichtalltäglichen ablesen lässt. Dazu muss man nur vorher unter die Erde oder in den Himmel schauen. Um es gleich zu sagen: Es stimmt nicht, dass der wirkliche Raum durch einen virtuellen ersetzt werden wird, wie es Pessimisten mit Wörtern wie Datenautobahn und Cyberspace bebildern. Im Gegenteil: Städte behalten ihre Funktion als Machtzentren. Das erkennt man auch an der erwarteten Entwicklung weiterer Megastädte mit über 10 Millionen Einwohnern in den nächsten Jahren. Bislang gibt es 13 solcher Megastädte, z.B. Tokio, Mexiko City, New York, vier unter ihnen werden im Jahr 2010 über 20 Millionen Bewohner verzeichnen. Städte dienen als Steuerungszentralen und sind auch miteinander verbunden, vor allem durch ökonomische Abläufe. Eine Stadt funktioniert als Netzwerk, und das schon immer. Neu sind Auswirkungen auf das urbane Leben durch weitere Netzwerke, deren Ströme unsere Gesellschaft durchfliessen: Kapitalströme, Informationsströme, Technologieströme, Ströme organisatorischer Interaktion, Ströme von Bildern, Klängen und Symbolen. Diese Ströme sind Ausdruck der Prozesse, die unser Leben bestimmen, wie ein eigenständiger Raum, in dem sich alles abspielt. Der Raum der Ströme baut sich aus verschiedenen Schichten auf. Die erste Schicht besteht aus materiellen Trägern dieser Ströme, eine Welt von Kabeln und Lichtern. All das, was man sich bei den automatisierten und ritualisierten Aktionen, wie telefonieren, mailen, kochen, an der Ampel stehen usw., eben nicht mehr vorstellen kann. Deshalb lohnt sich der Blick unter die Erde und in den Himmel. Im Grunde handelt es sich bei diesen Strömen um verschiedene Arten elektronischer Impulse, deren Logik und Bedeutung erst im Netzwerk aufgehen. So weit so gut. Abstrakt gesehen, bildet der Raum der Ströme eine immaterielle Basis, die nicht nur bis zu einem gewissen Grad unser Handeln und Wirken ermöglicht und bestimmt, sondern eben auch verändert. Für Castells bleibt das elektronische Netzwerk nicht unter der Erde oder in physikalischer Weise verortet, sondern “…verbindet spezifische Orte mit klar definierten gesellschaftlichen, kulturellen, physischen und funktionalen Merkmalen”. Es sind also mehr als nur elektronische Impulse: Die materielle Infrastruktur strukturiert grösstenteils die immaterielle Basis der Gesellschaft. Nicht umgekehrt. Man könnte jetzt hier an alle möglichen Telekommunikationsmittel denken, die Raum und Zeit verändern. Das ist sicher auch gemeint, aber erledigt auch noch nicht die face-to-face Kommunikation (schöner, weil treffender Ausdruck). Ebenfalls bringt es nicht die ersehnte Telearbeit für alle, die trifft nur ein paar Uniprofessoren und Schreiberlinge. Denn Informationsströme sind funktionell, d.h. man muss nicht ans Telefon gehen oder ein Handy besitzen, wenn man nicht will! Betrachtet man die alltägliche Mobilität der Menschen, bemerkt man einen weiteren Wandel der Struktur des Alltags. Warum gibt es z.B. Staus, wenn es weder einen Unfall, Baustellen oder Falschfahrer gibt? Wie kommt es, dass gerade jetzt, wenn ich auch unterwegs bin, alle mit mir in dieser übervollen, engen und übel riechenden U-Bahn sein wollen? “…wenn grössere Flexibilität herrscht und die Menschen zwischen den einzelnen Orten in immer mobileren Mustern zirkulieren, erlangen die Orte immer grössere Singularität” deshalb! Manchmal sind sich also Hamburg und Köln näher, als alles, was räumlich dazwischen liegt. Nur eine Zeitspanne von ca. 4 Stunden macht den “distance shift” aus, nicht die Kilometer. Bestimmt die Zeit den Raum? Die Ströme verbinden und vereinfachen den ständigen Austausch und Wechsel der Welten. Der Raum der Ströme ist nicht ortlos, obwohl seine strukturelle Logik ortlos ist. Castells Schicht 2 machen die Knotenpunkte und Schnittstellen aus. Die Orte, die als Knotenpunkte bedeutend werden, sind überall denkbar, aber nicht überall zu finden! Die könnten aber doch durch den Raum der Ströme leichter und einfacher entstehen, denkt man. Wird es aber nicht, da “…sowohl die Knotenpunkte, als auch die Drehscheiben hierarchisch organisiert sind”. Obwohl netzartige Systeme eigentlich kein Zentrum brauchen, entstehen Knotenpunkte dort, wo etwas dominant wird und alle weiteren Abläufe und Strukturen auf sich bezieht. Wie werden diese Prozesse ausgelöst, und wie werden sie, wenn ja, von wem oder was gelenkt? Wie kommt es, dass manches sich nicht schnell genug drehen kann, dafür aber anderes, das zeitlich so gut wie stehenbleibt, nicht mehr zu erreichen ist? Es wird immer unwahrscheinlicher, eine Lösung für das Problem der Macht in der Netzwerkgesellschaft zu finden, das liegt in ihrer Struktur begraben. Castells sieht die Macht an die Kapitalströme gekoppelt. Schicht 3 ist nicht aufgrund des etwas einseitigen Feindbildes der dominierenden Eliten der Ökonomie wichtig, sondern Phänomene, die auch andere Gruppen der Gesellschaft betreffen. Macht hat schliesslich jeder, der am Raum der Ströme als Produzent Teil hat. Das kann man positiv und negativ sehen, birgt nur folgende Gefahren und Hypothese: “Der Raum der Ströme besteht aus persönlichen Mikro-Netzwerken, die ihre Interessen auf die funktionalen Makro-Netzwerke an Interaktionen im Raum der Ströme projizieren.” Regeln und Codes erlangen durch diese Flut an Information eine enorme Wichtigkeit, die nur durch persönliche Vernetzung übertragen wird. Sie entsteht nicht mehr allein durch eine räumliche Gemeinschaft, extrem ausgedrückt. Ein quasi offenes Netz organisiert sich genauso in Gruppen, zwangsweise. Es ist ganz offensichtlich, dass sich die Unverwechselbarkeit einer Gruppe durch einen spezifischen Lifestyle auszeichnet, Identifikation nicht durch einen Ort, sondern eigene Kommunikationsformen erreicht wird. Castells beschreibt das als eine symbolische, einheitliche Umwelt, die historisch gewachsene Eigenheiten der einzelnen Standorte überlagern soll. Wie langweilig. Das ist wie mit dem BigMac, der überall gleich schmeckt, egal wo man ihn isst. Globaler Geschmack eben. Als direkte Reaktion darauf entstehen gleichzeitig umgekehrte Differenzierungsphänomene. Nennen wir es auch mal Sub-Kultur, obwohl Sub- einen untergeordneten Bereich, und nicht wie im Raum der Ströme einen anders vernetzten Bereich meint. Hier findet genau so eine Verschiebung der Codes statt. Eine Verschiebung, die eben anders und individueller sein will. Ab welchem Punkt und in welchem Mass eine solche Gegenreaktion wieder nur gesteuert wird, ist schwer auszumachen. Was man eigentlich als Befreiung von alten Formen und Ansichten loben könnte, entzieht sich jeglicher kultureller Kontrolle auf breiter Basis. Soziale Prozesse unterliegen dann nämlich wieder den dominanten Strömen, die die Prozesse der Netzgesellschaft beeinflussen. Eine Hierarchie der Kräfte entsteht, und die, die sich ausdifferenzieren wollen, folgen auch nur den systemimmanenten Gesetzen. So oder so. Modelle bieten keine Lösungsvorschläge an, und man kann auch nicht gut und böse unterscheiden. Castells Bild eines fliessenden (Macht-)Raumes, der eine Unterscheidung von privat und öffentlich obsolet macht, wird nicht erst als allgemein formuliertes Modell relevant, sondern dann, wenn man seine singulären Bedeutungen im eigenen Tagein/ Tagaus erkennt. Vielleicht geht es auch nur darum, nicht zu vergessen, man sich eigentlich nur auf elektronische Impulse verlässt.

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Elektronische Lebensaspekte.