Think arty, act local. Das Johannesburger Kunst Kollektiv Trinity Session schreiben Networking groß und sind damit noch recht allein in Südafrika. Zwischen Digitalkunst, Projektmanagement und Stadtentwicklung arbeiten sie neben wachsenden Staubbergen der städtischen Goldminen an neuen Plänen, Ausstellungen und Veröffentlichungen.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 70

Wir sind ein Rundumtool
Networking mit Trinity Sessions, Johannesburg, Südafrika

Trinity Session ist ein Kunst-Kollektiv oder eine Projektagentur aus Johannesburg, Südafrika. Mit Fünfjahresplan. Gegründet vor 18 Monaten, verstehen sich Stephen Hobbs, Kathryn Smith und Marcus Neustetter als Rundum-Tool für Kunst, um Projekte anzuleiern, anzutreiben, selbst zu produzieren, zu kuratieren, zu veröffentlichen und in der eigenen Galerie Künstler von woanders einzuladen. Zum Beispiel von der Transmediale, wo sie mit ihrem mobilen Büro die Flip Charts demonstrativ mit Projektplänen vollschrieben. Die drei kommen aus den Bereichen Projektmanagement und Kunstkritik und arbeiten selbst als Künstler. Ihre jeweiligen Schwerpunkte sind Stadtentwicklung, Digitalkunst, Körper und ihre Repräsentationen.
Was die Trinities gemeinschaftlich tun, ist das Networking-groß-Schreiben. Verbinden und verbünden ist klar, Netzwerke spinnen auch. Nur scheint in Südafrika Nachholbedarf zu bestehen.
Wie ist die Stimmung überhaupt seit der Wende 1994? Kathryn: “Es wurden viele Versprechungen gemacht, Häuser, Jobs und Nahrung für alle. Jetzt sind die Leute ernüchtert.” Und Stephen: “Sehr viele verlassen immer noch das Land. Privilegierte Familien, die es sich leisten können.”

City of Industry and Speed

Eine Stadt wie Johannesburg befindet sich in Zeiten der Post-Apartheid in einem schwunghaften, nicht gleich freudigen Wandel. Sie ist die “City of Industry and Speed”, wie die Trinities sagen. “Wegen der begrenzten Ressourcen ist Information das Wichtigste. Sie ist erst 120, 130 Jahre alt. Bevor Gold entdeckt wurde, gab es da nichts. Das macht einen Riesenunterschied in der Denk- und Arbeitsweise. Aber auch dort kann man nicht von Kunst allein leben”, sagt Stephen. Kunst-Sponsoring ist nicht grad angesagt, deshalb finanziert sich das Triumvirat selbst. Staatliche Unterstützung schafft nur Abhängigkeiten und Kompromisse, sagen sie, denn die ist in erster Linie für Trainingsprogramme in den Communities gedacht. Kathryn: “Aber die Stadt ist der Gateway zum afrikanischen Kontinent. Wir versuchen, unsere eigenen Kanäle zu schaffen, weil es sonst keiner macht. Die Infrastruktur für Kunst und Kultur ist schlecht. Die Leute halten sich ziemlich bedeckt über Infos und Projekte, wenn es Möglichkeiten gibt, sagt es dir niemand. Durch so was wie unser ‘Mobile Office’ wollen wir die Art von Verbindungen sichtbar machen.” Vom Netzwerkeln auch keine Spur zwischen den drei Hauptstädten Johannesburg, Durban und Cape Town.
Für Kunstkritik war da bislang kein Bewusstsein. Es gab keine Kunstmagazine und wenn, dann existierten die nur für eine Ausgabe. Kathryn arbeitet bei einem, das es immerhin bis zum dritten Erscheinen geschafft hat. Johannesburg bedeutet schnell leben und viel arbeiten in einer Ellenbogengesellschaft im ökonomischen Zentrum Südafrikas, im Gegensatz zum entspannten Urlaubfeiern im Cape Town mit Riviera-Flair an der Küste. Die Schnelllebigkeit sieht man auch in der Landschaft, die von heute auf morgen umgekrempelt wird: Die 8 Millionen-Stadt war umgeben von bewachsenen Staubbergen als Abfallprodukte der Goldminen. Jetzt werden mit neuer Technik die letzten Goldreste aus den Minen gekratzt und die Berge rundherum verschwinden wieder. In der Stadt selbst gehen sich die verschiedenen Gesellschaften ständig aus dem Weg.

Jo-burg, Zentrum als Vakuum

Kathryn: “In dem geografischen System der Apartheid wurden die Schwarzen an den Rand gedrängt und die Weißen bestimmten das Zentrum. In den späten 80er- und frühen 90er-Jahren wurden weiße Firmen nervös über das, was die Regierung vorhatte, und zogen in die mittlerweile wohlhabenden, nördlichen Vororte. Dann verlagerte die Börse als Wirtschaftsgenerator ihren Sitz weiter raus. Im Zentrum wohnt jetzt eine Bandbreite aus ganz Südafrika, schwarze Gastarbeiter, Leute vom Land, illegale Immigranten aus Nigeria. Der nördliche Teil der Stadt hat Angst vor dem alten Zentrum und stellt hohe Mauern und Sicherheitsanlagen dagegen. Viele davon sind reiche, schwarze Businessmänner. Es gibt ziemlich viel Fremdenfeindlichkeit unter Schwarzen.” Die Innenstadt ist “ein vergessener Ort in vieler Hinsicht”, so Stephen. Teils überbevölkert, teils verlassen und ziemlich heruntergekommen, wird sie von Leuten besetzt, die sie ganz anders nutzen. Stadtteilkultur da anzustoßen, ist ein Anliegen von Trinity Session; ein anderes ist, Räumen wieder “Funktionalität und Sinn zu geben. Die Stadt transformiert sich jeden Tag neu und es ist spannend, bei dieser Umwandlung dabei zu sein”, wie Kathryn sagt. Marcus: “Wir machen Workshops mit den Menschen aus der Innenstadt und versuchen ihnen Sachen beizubringen, wie sie von Kunsthandwerk leben können. In die Communities reinzugehen und zu schauen, welche Prozesse daraus entstehen, ist ein einfaches Mittel. Auf einer anderen Ebene haben wir in der letzten Zeit Leute zu Wanderungen durch das Zentrum eingeladen. Viele wollen mehr über diesen Ort erfahren. Networking bedeutet hier, Leuten diese Nachbarschaft auszusetzen. Was es heißt, da zu wohnen und wie es sein könnte.”

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Elektronische Lebensaspekte.