Auf der Enterprise ist jetzt Schluss mit philosophierenden Gutmenschen und "oberster Direktive". Das Erbe von James Tiberius Kirk wird jetzt von dessen Großvätern verwaltet, denn die neue Star Trek Serie spielt in naher Zukunft (2151) und somit vor Kirk, Spock und Co. Rüpelnde Weltraumcowboys mit wenig Subtilsensorik gab es aber schon damals. Energie!
Text: Peter Kubin aus De:Bug 65

Im Star Trek Universum der neuen Serie “Enterprise” ist die Zukunft schon vergangen. Die Zuschauer reisen zurück in eine Zukunft, die selbst unsere geliebte Sternenzeit noch nicht erfunden hat und die Phaserpistole als Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln versteht. Die am 26. September 2001 in Amerika angelaufene erste Staffel der bis dato 5. Star Trek Serie spielt in den Jahren 2151 und 2152 und somit gerade einmal 150 Jahre von heute in einer nahen Zukunft. Eine Zeitrechnung, die erst kürzlich noch der unchristlichen Internetzeit oder besser dem kommerziellen Swatch-Beat trotzen konnte. Die Handlung dieser weltweit populärsten Zukunftsvision wird vor die Zeit der ersten, nur hierzulande als “Raumschiff Enterprise” bekannten Serie verlegt.

Im Gegensatz zu den drei bislang produzierten Sequels: “Next Generation” (ab 1987), “Deep Space 9” (ab 1993) und “Voyager” (ab 1995), die eine evolutionäre Entwicklung der Handlung und der sie begleitenden Gesellschaftsstruktur präsentieren, zeigt die “Enterprise” eine “archaische” Zukunft, vor Kapitän Kirk und ca. 90 Jahre nach der “First Contact” Kinofilmauskopplung. Der Grund für diesen zunächst schwer verständlichen Zug der Paramount Pictures liegt in den über die Jahre immer weiter abnehmenden Zuschauerzahlen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, beschloss Paramount mit Hilfe der Produzenten Rick Berman und Brannon Braga sich von dem geschichtlichen “Balast” des über 3 Jahrzehnte entwickelten Handlungsrahmens und der vom Ur-Vater Gene Roddenberry etablierten ethischen Richtlinien zukünftigen, menschlichen Zusammenlebens zu lösen. Durch die so deutlich vereinfachte Rahmenhandlung wird eine Plattform weniger Handlungselemente geschaffen, die eine dynamischere, transparentere und für die Massenkonsumption leichter verdauliche Kost ergeben.

Orthodoxe Trekkies zeigen sich aber darüber irritiert, dass diese Zeitreise im Handlungsstrang neue Probleme in der Kontinuität der nachfolgenden Serien aufwirft. Die Handlung der neuen Episoden muss aus dieser Sicht entweder mit bekannten Ereignissen nachfolgender Serien brechen oder durch die bereits bekannte Zukunft in einem ähnlich engen Handlungskorsett verweilen. Es liegt daher der Verdacht nahe, dass Paramount durch das Vorverlegen des Handlungsstranges vorrangig darum bemüht war, sich von dem antiseptisch, utopischen Zukunftsbild Gene Roddenberry’s zu lösen.
Roddenberry’s Vision, das Ziel der menschlichen Existenz auf den Zuwachs von Erkenntnis zu fokussieren und durch den Konflikt mit den auf Expansion und Assimilation programmierten Borg eine kritische Distanz zu blindem, technologischen Fortschrittswillen und gesellschaftlichem Kollektivismus zu erreichen, scheint aktuell wenig Unterhaltungswert zu besitzen.Die Mission der neuen “Enterprise” liegt zwar nominell ebenfalls darin, fremde Welten und Zivilisationen zu erforschen. Im Kern des Sub-“Raum”-Kontext versucht sich aber die menschliche, in diesem Fall vorwiegend und explizit amerikanische Rasse vom rationalen, emotionslosen Diktat der Logik zu lösen, das seit dem “First Contact” der Menschheit durch die entwicklungsfördernde, aber gleichzeitig moralisch-ethisch indoktrinierende Präsenz der vulkanischen Rasse auf dem Planeten Erde repräsentiert wird. Die gesamte Reise der Enterprise steht unter dem Zeichen eines adoleszenten Befreiungsschlages, der es der entwicklungsgeschichtlich noch kindlichen Menschheit erlaubt, erste unsichere Erfahrungen in einem Weltraum voller nicht-amerikanischer Kulturen und Zivilisationen zu sammeln.

Das Verhalten der Besatzung unter der Beobachtung des vulkanischen Wissenschaftsoffiziers T’Pol (Jolene Blalock), ist dementsprechend Ungelenk im diplomatischen Umgang und in erster Linie von “Blood and Guts”-Entscheidungen einer Crew geprägt, die sich entgegen aller späteren Episoden-Mannschaften durch geringe Eloquenz und einem Kulturhorizont auszeichnet, der sich auf Wasserball und Apfelkuchen reduziert.

Von allen Referenzen befreit, mit dem Herz auf dem rechten Fleck und einer 1,5-dimensionalen Ethik rumpeln, rüpeln und ballern sich unsere Zukunftsvertreter durch das unbekannte Universum. Zunächst unter skeptischer und herablassender Beobachtung der Vulkanier, die sich aber nach den ersten Feuertaufen der Enterprise und gleichzeitigen Offenlegung ihrer eigenen Fehlbarkeit pikiert zurückziehen. Der kontrastierend emotionslose vulkanische Wissenschaftsoffizier mit ausgeprägt weiblichen Primärmerkmalen verbleibt allerdings auf der Enterprise, nachdem sie von der jovialen Kumpel-Mentalität der übrigen Mannschaft infiziert, mit der streng rationalen Tradition ihrer Kultur bricht. Nach einem ungelenken, in schwerem texanischen Akzent vorgetragenen Monolog des Chefmechanikers auf die Freiheit des Individuums und dem Recht auf das Streben nach privatem Glück entscheidet sich T’Pol dafür, ihr in vulkanischer Tradition im Kindesalter gegebenes Eheversprechen zu brechen und an Bord der Enterprise zu verbleiben.Als ein Außenteam unter Führung des Kapitäns Jonathan Archer (Scott Bacula) ein vulkanisches Kloster besucht, das von aggressiv paranoiden Vertretern einer Nachbar-Rasse der Vulkanier überfallen wurde, entschließt sich die Mannschaft entgegen der pazifistisch-abwartenden Überzeugung der gefangenen Klosterinsasssen, einen listenreichen Überraschungsschlag gegen die Okkupanten zu führen.

Die kulturelle Arroganz, die infantile Ethik, die betont körperliche Militanz und das Schwanken zwischen diplomatischer Naivität und Bauernschläue, die das Verhalten dieser neuen Zukunftsträger dominiert, hat einen irritierenden Beigeschmack im Zeichen der aktuellen Hau-Ruck-Diplomatie der amerikanischen Regierung. Auch aus diesem Grund ist es sehr fragwürdig, ob sich im aktuell so emotionslos analytischen Europa der gleiche Erfolg dieser neuen, archaischen Zukunftsvision einstellen wird, wie er für die das Land der Verteidiger der Freiheit und des individuellen Glücks zumindest prognostiziert wurde. Da das desolate Kirch-Imperium bereits seit Anfang April diesen Jahres mit der Paramount im Rechtsstreit über die Lizenzierung der “Enterprise”-Episoden befindet, werden wir wohl auf unserer Seite des Planeten Erde noch ein wenig auf die Ausstrahlung warten müssen. Erklärte “Raumschiff Enterprise” Fans wie Roland Koch, denen die Abenteuer des neuen “Hau-Drauf” Kapitäns Jonathan Archer mit Sicherheit genauso gefallen dürften wie die des Kapitän Kirk, können sich aber mit den schon jetzt erhältlichen VHS-Kopien oder illegalen Gnutella Downstreams versorgen.

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Elektronische Lebensaspekte.