Neue Medien, Vernetzung, alternative Netkultur? Denkste. Die pickeligen Harvard-Kids erobern das Internet. Von Mammi frisch geföhnt, sausen sie mit dem Leasingsportwagen zu Bertelsmann. Dann werden ein paar Inder eingestellt, und los geht's. Die BWL-Kultur übernimmt das Netz. Von Innovation keine Spur.
Text: thomas richter aus De:Bug 36

/business Start them idiots up Die BWL-Kultur übernimmt das Netz Das WWW verengt sich bis auf den Horizont eines Einkaufs- und Unterhaltungszentrums, auf scheinbar viele unterschiedliche Sites verteilt, doch ein Ganzes, mit einem Ziel: Informationen, Waren und Unterhaltung, alles aus einer Hand, in eine Kasse, in eine Bilanz Ð AOL-Time-Warner wird da Vorbild werden Ð und Bertelsmann eifert dem nach: Inhalte online bringen und ein konzerneigenes Konsum-Universum aus Print-Online-Content, Musik der eigenen Labels, Filmen der eigenen Produktionsgesellschaften schaffen – Synergie, Baby! Wer sind die Player im Hintergrund? Internet-Risikokapitalfirmen, die grossen Handels-Konzerne Ð sie versuchen zumindest einen eigenen Onlineshop zu etablieren, um der Konkurrenz zuvorzukommen – und Medienkonzerne wie Bertelsmann oder Burda mit OnlineOrientierung, kaufen, gründen und beteiligen sich strategisch. Bertelsmann z.B. bei BOL, BarnesandNoble, AOL, Andsold, Comundo, Lycos, Tripod, Dealpilot, Ecircle. Und Burda u.a. Focusonline, Traxxx, Ciao oder bei Amiro. Durch das Beispiel USA gewarnt, machen sie sich ihre zukünftige Konkurrenz lieber selbst, denn: “…nicht die Grossen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen”. Die User strömen vielleicht zu einem der Startups. Und solange noch nicht klar ist, zu wem, wird in alle investiert. Professionelle Copycats und Ideenscouts im Valley sind die Konzern-Schnittstelle zum Mutterland aller Internet-Innovationen. Profil Zusammenfinden tun sich meist Freunde, Studium BWL oder Jura, mit internationalen Erfahrungen im Bereich Business: Sie schreiben ihren Businessplan um die aus den USA geklaute Idee herum. Das hier verletzte und sonst wie ein Götze verehrte Konzept des geistigen Eigentums kümmert hier niemanden. Dann werden sie CEOs, COOs, CTOs. Entwerfen das Marketingkonzept (denn alles beruht auf Marketing: gutes Marketing führt zu guten Finanzen), den Finanzplan und werben mit ihrer Seriosität um Risikokapitalmillionen bei Investmentfirmen wie Earlybird oder United Internet (z.B. GMX, Jobs&Adverts, Immonline, Adlink, 1&1, Netzpiloten, Preisauskunft). Am neuen Markt der neuen Märkte entsteht die Ökonomie von morgen: die Urzellen sind diese kleinen, bestens geschulten Kader, hochmotiviert mit Fähigkeiten in allen wichtigen Sparten: Finanzkontrolling, Marketing. Die Ausgangssituation für sie ist ideal: Ideen, die sich in den USA als erfolgreich erwiesen haben, müssen hier nur kopiert und schnell in 1-2 Jahren umgesetzt werden. Verkauft wird der Ideenklau dann in Form einer Entdeckungsreisenbeschreibung: ãDie Idee des Meinungsportals stammt aus den USA. Dooyoo-Mitbegründer Boris Wasmuth stiess bei einer Reise ins Branchen-Mekka Silicon Valley auf die jungen Unternehmen Deja und Epinions. Die betrieben in den Staaten bereits Meinungsseiten. Wasmuth nahm die Idee mit nach Deutschland” (Berliner Morgenpost) Ð der angehende Gründer kommt ins Valley, sieht da eine tolle Geschäftsidee und bringt die dann netterweise mit zurück nach Deutschland. Das man zum Site-Anschauen nicht wirklich verreisen muss, sondern sowas auch einfach per Internet machen könnte, scheint jenseits seines Wissens über das neue Medium zu liegen. So ähnliche Storys gibtÕs zu vielen der Startups. Die zugrundeliegende Technik, das neue Medium Internet ist ihnen egal, zählen tut nur dessen Eroberung Ð die Ideen sind da, das Kapital auch, also los. Der Weg zur Top-Site ist klar: Website plus Datenbank, Personalisierung, Service&Shopping, und natürlich eine künstliche Online-Communitiy zwecks Userbindung und Hitzahlensteigerung. Die Rückfinanzierung ist meist eher vage: etwas Bannerwerbung, 1to1-Marketing, kostenpflichtige Extradienste, Provisionen für Shoplinks. Ihr Arbeitsethos ist ihre Bestimmung: “denn ein Start-Up erfordert Härte zu sich selbst. Alle mussten ihr soziales Umfeld aufgeben. Das war Bedingung. Das Privatleben darf nicht stören” (Berliner Morgenpost): Jetzt Aufopferung und totale Arbeit, später dann der Lohn dafür: Erst die deutsche Marktführerschaft, dann die europäische, (Nachzügler haben dann nur noch eine Chance, wenn sie viel Geld investieren oder schon eine bekannt Marke darstellen). Alles, um den zukünftigen Börsenwert, d.h. das Marktpotential, den virtuellen Wert, hoch zu treiben und nicht nur in Deutschland der first mover zu sein, der den neuen Markt besetzt und vielleicht sogar monopolisiert, wer weiss? Vorläufiges Endziel ist der Börsengang oder der Sellout – z.B. der Aufkauf durch den amerikanischen Marktführer, von dem die Geschäftsidee ursprünglich geklaut wurde, wie alando von ebay – um den virtuellen Wert/den Glauben in Geld zu verwandeln. Dann: viele Millionen, viel Status und viel Freizeit, viel wohlverdientes Glück. Die “Gründer”-Story mit Bildern der jungen und immer auch sehr innovativen Geschäftsmänner (und wenigen Frauen) wird wieder und wieder erzählt, irgendjemand scheint fest entschlossen zu sein, ein neues deutsches Selbstbild zu etablieren. Und dazu: Gründerzeit. Virile Virtualität. Boomtown Berlin. Mit der strahlenden Aura von Neuen Medien umgeben, wird die Geschichte der anderen Ökonomie erzählt, bei der der Glaube an den quasi grenzenlosen Erfolg schon die Geschäftsgrundlage ist – für die Investoren ebenso wichtig wie für die Nutzer, die ja auch ungern in eine tote Site ihre Aufmerksamkeit investieren wollen. Solange alle an diese goldene Zukunft glauben, sich auch nicht von trüben Gewinnerwartungen im Jetzt abschrecken lassen, wird der Börsengang die ersehnte Belohnung bringen. Was wollen sie? Das Traumziel, der Endpunkt der Sehnsüchte ist die Yahoo-Geschichte: mit Ende 20 schon 5-fache Milliardäre – eine Sehnsucht, die sich in der Namensgebung ausdrückt: mindestens ein o muss drin sein und gern auch ein y – und irgendwie südländisch klingen soll es auch, Exotik Internet: dooyoo, ciao, amiro, datango, adori, alloo, gaudia, vocatus, yoolia, vitago, yosei, alando, ricardo, offerto. Und die moralische Frage am Ende: soll man praktische Sites benutzen, auch wenn sie von solchen Leuten gemacht werden?

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Elektronische Lebensaspekte.