The Great Improv Schwindel
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 120

Alles ganz neu machen. Tisch leerräumen, Hirn ausfegen, von vorne anfangen. Das ist einer der uralten Wünsche, wenn es um neue Musik geht. Heilige Mnemosyne!

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Man sollte glauben, ganz im Gegensatz zu anderer Musik, bei der sich das Können tief in den Körper eingegraben hat und so leicht nicht loszuwerden ist, könnte das bei elektronischer Musik ganz einfach sein. Neues Equipment, neue Voraussetzungen, neuer Klang. Viele haben das versucht, manche haben ganze Label auf dieser Basis aufgebaut, aber meist blickt dann doch ein Stil durch, etwas, das sich als roter Faden durch alles zieht.

Hrdvsion (aka Nathan Jonson) und Hopen (aka Starting Teeth) haben sich genau so etwas vorgenommen für ihr Projekt. Anders gesagt, sie haben sich vorgenommen, sich nichts vorzunehmen. Ein komplexes Unternehmen, das die eigene Regellosigkeit nicht nur zum Problem, sondern zu einem Willen macht, den man im Prozess gleich wieder loswerden muss, sonst klingt es nachher zu gewollt. Und herausgekommen ist eins der abenteuerlichsten Alben des frischen Jahres: “I Won’t Do Anything I Can Do”.

Der beste Ausgangspunkt dafür ist Urlaub. Im Urlaub macht man Dinge, die man sonst nicht tut, und denkt nicht mal dran (bestenfalls jedenfalls). Childe Grangier (oder auch Hopen) aus der Schweiz, den man früher vor allem auf seinen Plak Records mit Chaton fand, dem Label von Chaton und Reno aus Genf, wo er für eine nützliche Portion Wahnsinn in minimalen Tracks gesorgt hat und auf dem auch sehr früh schon eine Hrdvsion erschien, und dessen Alben (auf Arbouse z.B.) eh schon immer neue Wege gegangen sind, (lange Vorrede, aber wir reden immer noch von Hopen) machte kurzum einfach Urlaub in Kanada mit Familie und entdeckte mit Nathan zusammen seine Vorliebe für Alexander Keiths Bier. Äh. Und für Musik ohne Voraussetzungen natürlich.

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Starting Teeth ist Improvisierte Musik. Aber nicht als Genre. Es ist nicht unmusikalisch oder schwer zu hören. Es ist nur so voller Ideen und so unbeständig, dass man am Ende eines Tracks gelegentlich nur noch ahnt, was am Anfang war, sich aber ganz sicher ist, wie großartig alles begann.

Die beiden lernten sich schon früh kennen, denn nach Hrdvsions EP auf Plak gab es für Hopens “We Are Singing For Hurrays”-Album einen Remix und irgendwie war beiden klar, dass sie mehr zusammen machen müssen, als nur platonische Liebesbezeugungen in Chats auszutauschen. (PS: Ich kann jedem empfehlen, über Skypechats Interviews mit mehreren Menschen zu machen und dann zu spät zu kommen, weil man alles, was vorher besprochen wurde (das können wir hier nicht abdrucken) noch mitbekommt. Als wäre man heimlich zu einem Treffen zu früh gekommen und hätte gelauscht).

Hrdvsion: Uns war egal, wie merkwürdig oder seltsam das Ergebnis sein wird. Wir wollten einfach Musik ohne Regeln und Grenzen machen.

De:Bug: Man kann es hören.

Hopen: Keine Regeln, und wir bekommen trotzdem einen Sound, ein Stil ist geboren. Für mich ist das eine Art Kung-Fu.

Hrdvsion: Eigentlich sollte auch nur eine EP daraus werden, aber alles war so einfach und positiv und wir waren so glücklich mit den Ergebnissen, dass wir einfach weitergemacht haben. Ich würde es Emotronic nennen.

Hopen: Ein betrunkener Mann, der wie ein gespielter Betrunkener kämpft und dabei all diese merkwürdigen Bewegungen macht, der aber letztendlich dann doch mit einem Haufen von Träumen majestätisch in seinen Attacken wirkt.

Hrdvsion: Vielleicht eine lange Stilbeschreibung, aber das trifft’s.

Hopen: In kurz: Tdmwiflafdwidatmaffrwalodamiha! (Anm: In der Übersetzung des Einsatzstils ging leider jeglicher Sinn dieses Wortes verloren).

Hrdvsion: Es ist sehr emotionale, fast reine Musik. Es ist fast wie Free Jazz. Vielleicht auch einfach nur frei.

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De:Bug: Man kann sich gut vorstellen, dass ihr viel lachen musstet bei Stücken wie z.B. “Toungue Journey” und dieser albernen 80er-Melodie, die da plötzlich dazu kommt.

Hrdvsion: Ja. Das ist ganz schön lustig, aber nicht albern. Es gibt so viele Emotionen auf dem Album. Der Track mit Larytta verursacht mir immer noch eine Gänsehaut. Es ist wie eine verdrehte Reise in unbekannte Länder. Wie ein Traum, einzigartig, ohne Einflüsse. Genau das, was in einem passiert.

Hopen: Es war ganz schön magisch. Das mag ich an vielem. Musik, Theater, alles was dazu inspiriert, mich besser zu fühlen, oder, anders gesagt, aufzuwachen für die Welt.

De:Bug: Weltverbesserer?

Hopen: Ich will einfach dieses reine Gefühl vermitteln und den Leuten sagen: Macht das auch. Wartet nicht. Macht das und seid dabei ihr selbst in dieser gefakten Welt.

De:Bug: Das Album ist aber dennoch arrangiert wie eine Geschichte.

Hrdvsion: Mit einem Geburtstagssong zu Beginn und einem Gute-Nacht-Lied zum Schluss.

Hopen: Aber letztendlich ist es mehr wie die Wahrnehmung der Realität, die man hat, wenn man betrunken ist oder verschlafen und schön zerstört dabei.

Hrdvsion: So etwas sagt auch der Name. Das Album ist, wie wenn einem neue Zähne wachsen. Mit denen beißen wir uns dann fest und lassen nicht mehr los. Wir sind aggressiv und tun, was wir lieben. Das ist auch eine Warnung. Das ist so wie Michael Jackson in Thriller?

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De:Bug: Michael Jackson hat Zähne?

Hopen: Na, er kann doch Kinder beißen, oder nicht?

Hrdvsion: Sag nicht, du hast Thriller nicht gesehen! Ich hab das zum ersten Mal gesehen, als ich sechs war, und war so lange danach ängstlich. Schade, dass es für ihn so schlecht lief in der letzten Zeit. Dabei waren auf dem letzten Album ziemlich bleepige glitschige Parts.

De:Bug: Die Nähe des Album-Titels zu Aphex Twin bilde ich mir nicht ein.

Hrdvsion: Oh, jetzt, wo du es sagst. “I Care because you do” klingt wirklich ähnlich. Unser Album soll aber eher sagen, dass wir unsere Handlungen selbst entscheiden. Wir regeln unser Leben nicht darüber, dass wir sagen: Wir haben die Macht, etwas zu tun, also tun wir es.

De:Bug: Aber das Twin-Peaks-Sample ist eins?

Hopen: Nein, das bin ich, der Synth spielt. Diese Angelo-Badalamente-Musik und Effekte sind einfach in mir. Es gibt so viele Geschichten ohne Ende in unserer Musik. Eine Menge Geister, die verlassene Dancefloors heimsuchen. Vielleicht haben wir auch nur versucht, David Lynch etwas tanzen zu lassen. Wenn das Album ein Soundtrack wäre, wäre es vielleicht so etwas wie ein Film von Bela Tarr. Ein Film, in dem Zeit wichtig ist und wo die Menschen ihre Gefühle nach draußen lassen und ein Teil des Moments werden.

Hrdvsion: Oder etwas wie Delicatessen oder Stadt der verlorenen Kinder.

Hopen: Oder eben doch Lynchs letzter Film. Oder der von Abdel Kechiche, oder “Head-On” von Fatih Akin.

Hrdvsion: Willy Wonka und die Schokoladenfabrik und Akira nicht vergessen.

De:Bug: Diese Filmsache wird von Minute zu Minute merkwürdiger.

Hrdvsion: Eine Prise Michel Gondry. Etwas Cunningham. Ich mach gerade eine neue Version des Soundtracks von “Breakfast Club”.

De:Bug: Wird es denn ein Liveset geben? Das ist doch Musik, die der Dancefloor dringend brauchen könnte.

Hopen: Auf jeden Fall. Das wird ein großer Traum werden. Sehr mächtig und auch langsam.

Hrdvsion: Aber auch eine ganz schöne Herausforderung. Ich hab schon Schwierigkeiten, ein eigenes Liveset zu machen, aber mit Hopen zusammen … Das könnte ganz schön intensiv werden. Wenn ich allein auftrete, mach ich selten Musik, die ich vorher schon hatte, sondern sequenziere lieber alles live und mache Musik, die man vorher und nachher nie wieder hören wird. Die Überraschungen und Schönheit bekommt man nicht, wenn man alles vorgeplant hat.

Hopen: Ich improvisiere auch alles, wenn ich live spiele. Jedes Set ist anders. So mag ich es. Aber mit Starting Teeth wird es ganz anders. Und nicht so anders, weil es anders ist.

De:Bug: Wie kamen die Features zustande?

Hrdvsion: Ich hatte eine Radioshow hier in Victoria, und da war Danual Tate von Cobblestone Jazz mal Gast. Das war eine der ersten Shows überhaupt und ich hatte noch keine Security Karte. Als ich raus bin, um uns was zu trinken zu besorgen, kam ich nicht mehr ins Studio zurück und brauchte eine halbe Stunde, um die Sicherheitsleute zu überzeugen, dass ich gerade meine Show mache. Als ich dann endlich wieder ins Studio kam, hatte Danuel die ganze Zeit auf seinem Rhodes rumgemosht und auf seinem Computer stand so was wie 500 BpM. Er musste einfach auf unserem Album mitspielen. Seine Musik ist ganz schön schockierend. Eine Zeit lang hat er jeden Mittwoch in einer Bar hier gespielt, die Tyger Dhula, auch von Cobblestone Jazz, gehört. Vier Stunden Hammondorgel-Soli. Das erste Mal, als ich ihn da gesehen hab, bin ich zufällig die Straße langgegangen und mir fiel auf, dass das Fenster sich nach außen verbog. Das war er, der hinter seinem Keyboard vor und zurücksmashte und dabei das Fenster wegdrückte.

Hopen: Das gehört alles zu unserer Sharing Maxime. Oliver von Mental Groove hat innerhalb von einer Minute zugesagt, und Larytta …

Hrdvsion: … sind eine Kreuzung aus absolutem Wahnsinn und einer undefinierbaren Art von Pop. Pinto kenne ich über MySpace, ich weiß gar nicht mehr, wie das zustande kam. Das letzte Jahr war ganz schön verwirrend. Ich kann mich kaum noch erinnern, dass wir all diese Tracks gemacht haben. Vielleicht machen wir ja Trance?

De:Bug: Keine Sorge, das ist sicher kein Trance. Welche anderen Projekte macht ihr zurzeit noch?

Hrdvsion: Eine 12″ “Playing for keeps (Daddy’s Angel)” für Wagon Repair, das Label von meinem Bruder, und ein digitales Label, das sich “Parlour Shop Electroid Rock” nennt, für Musik von meinen Freunden, die es auf Bleep geben wird.

Hopen: Ich mache eine 3″CD auf Disco_r.dance mit Remixen von Phewf und Resfilter und ein Album im April auf Everestrecords das “Their Quasi Homes Are Real Holes” heißt. Und ein Dubprojekt, das sich Instead nennt. Darf ich auch was für dein neues Label machen, Nate?

Hrdvsion: Na klar!

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http://www.myspace.com/hopenchilde

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Elektronische Lebensaspekte.