Interview mit Mark Hoffmann
Text: Anton Waldt & Ji-Hun Kim aus De:Bug 159


Foto: Georg Roske

Früher war Mark Hoffmann Leiter der Redaktion von Giga-TV, heute ist er Geschäftsführer des Online-Branchenmagazins Gründerszene und kennt sich bestens mit Startups aus. Wir haben mit ihm über den Hype der Berliner Startup-Szene, ihre Zukunft und über Kriterien für ein gutes Startup gesprochen.

Wenn man Mark Hoffmann gegenüber steht, erinnert man sich unweigerlich an die obskuren Formate des Gaming-TV-Senders Giga, mit denen vor rund zehn Jahren das Internet zum Bestandteil des Fernsehens wurde. Das gelang zwar mehr schlecht als recht, kann im Rückblick aber als Pionierleistung gelten, etwa bei der Einbindung von Chats in laufende Sendungen. Mark war bei Giga-TV eigentlich als blutjunger Assistent der Geschäftsführung beschäftigt, kam aber als gelernter Gamer schnell auch am Mikrofon und vor der Kamera zum Einsatz, zuerst bei Übertragungen der Electronic Sports League, zuletzt hat er die Redaktion geleitet. Heute ist Mark Geschäftsführer des Online-Branchenmagazins Gründerszene, das nicht nur über die heimische Startup-Branche berichtet, sondern auch selbst ein Startup ist, das 2006 von Lukasz Gadowski, dem Mitbegründer von StudiVZ und Spreadshirt, initiiert wurde, dessen Aktionsfeld inzwischen die Risikokapitalfirma Team Europe ist. Gründerszene bietet neben der Berichterstattung über Internet-Unternehmen auch Dienstleistungen wie Jobbörsen, Branchenbücher oder Events an.

Debug: Angesichts des aktuellen Startup-Hypes drängt sich die Einteilung der Berliner Startup-Geschichte in die Ära vor und nach Soundcloud auf.

Mark: Die Internet-Branche in Berlin erlebt gerade zweifellos einen Wachstumsschub, wobei die Welle neuer Startups durch eine Internationalisierung geprägt ist: Viele Leute kommen nach Berlin, weil sie hier optimale Bedingungen vorfinden, wegen der bestehenden Firmenlandschaft, aber auch wegen der Lebensqualität. Durch die Branche verläuft dadurch bedingt inzwischen eine Art Sprachgrenze, die die Szene in eine deutschsprachige und englischsprachige Szene aufteilt.

Debug: Wenn die Szene zur Hälfte aus Englischsprachigen besteht, die es gerade ganz kommod finden, nach der Arbeit in Berlin ein Bier zu trinken, finden sie vielleicht nächstes Jahr Prag hip?

Mark: Die Komponenten, die es im Moment in Berlin gibt, sind so gut, das kann nicht über Nacht irgendwo anders entstehen. Außerdem ist die Startup-Szene in der Stadt organisch gewachsen. Dazu hat die Stadt im Sinne von Standortpolitik nicht besonders viel beigetragen, weshalb die Szene auch noch eine ganze Weile in Berlin bleiben wird. Ein wichtiger Faktor ist wohl auch, dass Berlin die einzige deutsche Stadt ist, in der man nur mit Englisch sehr gut klar kommt.


Foto: Georg Roske

Debug: Geht eigentlich, salopp gesagt, mit der Sprachgrenze auch die Unterscheidung in Anzugträger à la Samwer und Hipster-Startups einher?

Mark: Man muss das gar nicht trennen, es ist einfach die nächste, die dritte Generation, die oft auch einen anderen Ansatz pflegt. Es geht tendenziell um Services, die das Leben vereinfachen, verbessern sollen. Bei vielen dieser neuen Startups wie Readmill ist anfangs nicht erkennbar, was das Geschäftsmodell sein soll – also in dem Sinne, dass es sich nicht um E-Commerce-Läden für Babyklamotten handelt. Aber bei Facebook war auch lange nicht klar, wie Geld verdient werden soll, aber wenn das Produkt gut ist, lässt es sich irgendwann monetarisieren.

Debug: Gibt es heute auch wieder Firmen, die, wie beim New-Economy-Hype, eigentlich nur gekauft werden wollen?

Mark: Ich glaube, dass es aktuell die meisten Startups gar nicht darauf abgesehen haben, übernommen zu werden – das ist ja das Schöne an dieser Szene. Sie wollen eher etwas entwickeln, das langfristig die Lebensqualität der Nutzer verbessert. Was natürlich nicht heißt, dass sie über fünf Millionen auf dem Girokonto traurig wären, aber das ist nicht der vorherrschende Antrieb. Daher bin ich auch davon überzeugt, dass es demnächst ein Unternehmen aus Berlin geben wird, das international in der gleichen Liga wie die großen US-Internet-Firmen spielen wird.

Debug: Was sind denn eure Kriterien für ein gutes Startup?

Mark: Da kommt man schnell zu der Frage, ob die Idee oder das Team wichtiger ist. Ich würde immer sagen, das Team. Weil sie aus einer schlechten Idee immer noch etwas Gutes machen können oder rechtzeitig merken, dass es überhaupt nicht funktioniert. Wichtig ist es zudem immer zu hinterfragen, was es an PR gibt und was wirklich dahinter steckt. Denn es gibt immer wieder Unternehmen, die wirklich große PR-Kampagnen fahren wie Scoyo, ein E-Learning-Portal von Bertelsmann, da wurden insgesamt annähend 100 Millionen verbrannt und entsprechend Marketingbudget verblasen. Inzwischen wurde Scoyo übrigens von Super RTL übernommen, wahrscheinlich für einen vergleichsweise winzigen Betrag.

Debug: Dieses Scheitern macht deutlich, dass es auch um Unternehmenskulturen geht. Und da scheint es gerade für deutsche Verhältnisse einen deutlichen Switch zu geben.

Mark: Die Medienkonzerne und insbesondere die Verlage merken, dass sie etwas ändern müssen. Burda, die interessante Online-Magazine wie Glo haben, scheinen das ganz gut hinzukriegen, aber auch Axel Springer hat nicht schlecht investiert.

Debug: Was muss passieren, damit die Szene auch weiterhin gedeiht?

Mark: Das Engagement der Politik ist langsam gefragt, aber dort scheint man das inzwischen auch kapiert zu haben. Außerdem muss sich die Kommunikation unter den Startups bestimmt noch verbessern, wobei es unter anderem um diese speziell deutsche Angst geht, dass die eigene Idee geklaut wird, wenn man über sie spricht. Aber diese Vorsicht wird durch die Internationalisierung deutlich abgeschwächt.

Debug: Werden tatsächlich aus Furcht vor einem möglichen Ideenklau Vernetzungschancen verpasst?

Mark: Die Angst ist auf jeden Fall größer als andernorts, speziell im Vergleich mit dem Silicon Valley. Natürlich gibt es Ideenklau – siehe die Facebook-Gründungslegende – Offenheit kann also wirklich daneben gehen. Aber man bekommt schon in einem normalen Gespräch viele neue Blickwinkel, so dass Ideen viel schneller optimiert werden können. Es ist eben ein Geben und Nehmen, und das beinhaltet auch immer ein Risiko.

Debug: Ein Mentalitätsunterschied, auf dem früher gerne herumgeritten wurde, waren die unterschiedlichen Kulturen des Scheiterns: in den USA fast schon eine Auszeichnung, hierzulande eine Schande.

Mark: Scheitern ist eben nichts Schönes und das wird in Deutschland auch genauso wahrgenommen. Die entscheidende Frage ist doch, ob die jeweiligen Gründer sinnvoll Selbstreflexion betreiben können und daraus ihre Lehren ziehen?

Debug: Früher wollten Jungs Rockbands gründen, heute Startups. Ist das wirklich so?

Mark: In Bewerbungsgesprächen hört man heute tatsächlich andauernd: “Ich möchte was mit Medien machen.” Und dazu gerne noch “am liebsten was mit Konzeption und Strategie”. Heute ist es jedenfalls schon deutlich cooler, in einem Internet-Unternehmen zu arbeiten, weil die Aufmerksamkeit für den Bereich insgesamt zunimmt. Man braucht ja Idole. Der Fußballspieler wird es immer sein, aber heute dazu auch Internet-Unternehmer, die sehr jung sehr viel Geld gemacht haben, wie Mark Zuckerberg.

Debug: Und wo steckt der deutsche Zuckerberg?

Mark: Es gibt keinen, jedenfalls noch nicht. Unsere Aufgabe als Branchenmagazin ist es aber auch, Rockstars zu machen. Weshalb wir nicht nur Firmen erklären, sondern auch die Personen dahinter.

Debug: Und wer wird nun der kommende Startup-Star?

Mark: Das ist die große Frage! Es gibt schon einige, die extrem cool sind, nicht zuletzt dadurch, wie sie ihre Firma aufgebaut haben, aber dabei ist noch niemand, der sich besonders gerne in den Vordergrund stellt – was auch daran liegen dürfte, dass erfolgreiche Unternehmer einfach gerne arbeiten.


Mark Hoffmann

Gründerszene
Team Europe

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Elektronische Lebensaspekte.

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