Die Marketingvorherrschaft im Netz hat Kreativität zu einem periphären Parameter erklärt, obwohl sie die Basis jeder Kommunikation darstellt. Doch die Evolution der Kommunikationsformen im Medium schreitet voran. Webdesigner Jan Rikus Hillmann (www.its-immaterial.de) und Vicky Tiegelkamp (www.playframe.de) im Gespräch.
Text: Jan Rikus Hillmann | Vicky Tiegelkamp aus De:Bug 43

Wir sind eine Homepage
Ein Zwiegespräch zum Status des Webdesign

“Some designers are in a position to always assume that the average internet user is an idiot. Our job, as developers, is to create systems that educate. I truly do not believe that e-commerce or brochure sites have to be boring to navigate. I truly believe we are on the cusp of re-defining this medium, as standards come into play, technology continues to flourish, and statistics relax a client into taking risks -we just might be sitting on something enormously bigger than we initially thought.”
CHAOS MAilinglist / Joshua Davies

Rikus: “taking risks” bringt die Aufgabe des Webdesigns auf den Punkt.
Experimentelles Ausloten der Möglichkeiten im Interface Design, d.h. in Interaktion und Navigation und Informationsvisualisierung, bedeuten eine aktive und offensive Negation der Webwahrheiten, eine Überwindung des Web Status Quo. Sie bedeuten Bewegung, Mut und eine aktive, progressive und produktive Auseinandersetzung mit dem Medium.

Vicky: Wir beobachten seit Monaten, wie das kommerzielle Design ins Seichte abrückt. Der Aufbau der Seiten ist nahezu bei allen identisch, obwohl die technischen Möglichkeiten existieren, neue Navigationswege zu erfinden. Man muss sie nutzen, nur leider traut sich das weder Agentur noch Kunde. Der Umgang ist nirgendwo mehr spielerisch oder experimentell. Der User wird zur Dumm-Maschine abgestempelt, zu blöd sich zurechtzufinden, wenn nicht die Hauptnavigation oben in Augenhöhe und die Unterpunkte links stehen. Links wie in: Der Europäer und der Amerikaner liest von links nach rechts. In den USA gibt es für diese Website-Konfektionsware schon einen Namen: “left-side-navigation”.

Ich habe den Eindruck, die Designer ziehen sich in Nischen zurück. Komplexe mediengerechte DHTML Sites, sowohl spannend in Funktion wie auch im Storytelling wie z.B. die Adobe Site http://www.defytherules.com, werden zur seltenen good ol’ handcraft. Flash-Animation heißt das Los der Stunde. Animiere, was das Zeug hält – ohne Rücksicht auf Inhalt, Form und Funktion.

Aber was bedeutet das? Sind die Designer zu bequem? Bei Amazon.com liegen auf den ersten Top-10 Computerbücherplätzen zahlreiche Flashkurse. Flash lernen, heißt heute als Designer Geld verdienen. Hat der Ausverkauf des Webdesigns begonnen?

Rikus: Der Designer muss endlich seine Potentiale als “Designer” begreifen, nicht als klassischer Gebrauchsgrafiker im Webkontext. Design ist eine generalisitische Disziplin, die Analyse, Strukturierung, Konzeption, Entwicklung und Management vereint, um die Gebrauchsqualität und die formalästhetische Qualität eines Produktes zu gewährleisten. Das Problem heute: Design hat keine wirkliche Position, Webdesign nur eine oberflächliche Identität. Es hat als Disziplin eine grundsätzlich falsche Verortung im New Economy Workflow als Supportdisziplin. Design heißt für viele Außenstehende “Ecken abrunden” und “bunt machen” und leider für zu viele sogenannte Designer selbstverliebte Flash-Masturbation. Design entfaltet jedoch erst seine Potentiale, wenn es als umfassende konzeptionelle Leistung von Anfang des Produktionsprozesses gesehen und genutzt wird.
Der Designer hat die Aufgabe, die professionelle Verbindung zwischen Selbstausdruck (Künstler) und Problemlösung (Ingenieur) zu schaffen, dieses Feld mit einem erkennbaren Leistungsportfolio zu besetzen und so sich eine Identität, ein Profil zu geben. Design heißt, begreifen und nutzen von Form und Inhalt, nicht die Debatte darüber. Auf den Arbeitsgebieten der Interaktion, der Visualisierung und Usability während der Interfacegestaltung. Als Web-Dienstleister sind wir im Zwiespalt, verkaufen und gleichzeitig den Kunden im neuen Medium coachen zu müssen. Jetzt ist es an der Zeit zu verkaufen und zu begeistern. Die sogenannten Web-Wahrheiten werden endlich zum Ziel der Innovation hinterfragt.

Vicky: Diejenigen, die weitergehen und das Undenkbare wagen – einen Schritt zurück vielleicht auch – mit neuer Sicht auf das Gesamte – sie sind die Ingenieure neuer, interessanter Konstrukte. So wie Joshua Davies.
Meldet sich via Telefon auf meine E-mail Anfrage, ob er Lust hat, einen Beitrag für ein Webdesign Buch beizusteuern. Redet schnell und begeistert auf mich ein von Farnen und Chaostheorie, mathematischen Gleichungen. Er schreibt: “…we must look beyond the web’s boundaries for inspiration in order to bring to the table something never seen before. Maybe we can find such forms in nature?” Farne zum Beispiel, sagt er. Ich war verwirrt, als ich seinen Text bekam. Und er freute sich, als er zwei Tage später am Abend wieder anrief und meinte: “Na, hast du meinen Text verstanden?” Und ich meinte: “Nicht so richtig!” “Genau das wollte ich!”, meinte er kichernd. Der Farn als Weg zum Ziel. Das hat mir gut gefallen.

Rikus: Genau diese generalistische und überlegende Denkweise markiert für mich einen Designer. Natur und Gesellschaft sind Systeme mit immanenter Vernetzung und einem riesigen Potential an Beispielen und Metaphern, die man als Designer nutzen kann (und die auch auf dem Arbeitsgebiet der Bionic genutzt werden), gerade mit Hinsicht auf Funktinalität und Logik. Die Natur zeigt uns Beispiele und Anwendungen mit hundertprozentiger Effizienz.
Verwunderlich ist nur, das niemand das in der NewEconomy zu begreifen scheint, diese möglichen Formen von generalistischen Denkmodellen zu integrieren. Sie folgen nur ihrer, glücklicherweise durch die Börsen langsam demontierten, kommerziellen Wahrheit.
Viele Agenturen fordern von ihren Kunden mehr Mut. Ich denke jedoch, es muss mehr sein: Ehrlichkeit, Authentizität und Substanz in der Webkommunikation. Ein offener Dialog, der Glaubwürdigkeit schafft, statt eine innhaltsleere Kommunkationsneurose durch Animation zu kaschieren. Die Negation dieses Selbstzweckes bedeutet im Endeffekt auch eine Überwindung der konservativen Navigations-Metaphern.

Die Marketingvorherrschaft im Netz hat Kreativität zu einem periphären Parameter erklärt, obwohl sie die Basis jeder Kommunikation darstellt. Jeder redet von One-to-One Kommunikation, wobei keiner zu begreifen scheint, dass es hier um einen konkreten und substantiellen Dialog, eine Synthese neuer Information auf der Basis einer Konversation geht. Jakob Nielsen als sogenannter Webdesign-Experte predigt in diesem Kontext die Usability, den Anspruch der möglichst einfach zu bedienenden Website, bezieht jedoch seine Lehre auf eine rein kommerzielle Web-Nutzung. Evolution und Entwicklung werden in den Dienst des Kommerzes gestellt ohne zu sehen, dass das Medium noch lange nicht fertig ist.

Websites heute arbeiten größtenteils mit dem Mittel der Überredung, wie klassische Werbung. Es geht aber um Überzeugung und den Aufbau einer gleichberechtigten Beziehung durch eine partnerschaftliche Form der Kommunikation. Fact ist, die Kanäle werden bedient und nicht geprägt, da den McKinseys dieser Welt mehr Glauben geschenkt wird, weil sie in progressiven Wirtschaftseinheiten denken und nicht wie der Designer in progressiven Kommunikationslösungen – der Basis des Mediums.

Design muss auch im WWW wirtschaftlich überzeugen und agieren lernen, um sich zu profilieren. Kreativität, Effizienz und Qualität sind dabei die entscheidenden Parameter und überzeugenden Merkmale einer adäquaten, innovativen und vielleicht auch mutigen Kommunikations-Lösung. Design ist immer am Anfang, Design ist ein Katalysator, der Wegbereiter des Marketings. Design muss Sinn und Bedeutung schaffen und haben. Was man von vielen Webangeboten nicht behaupten kann und was neue Wege nicht ausschließt.

Vicky: Gutes Design ist aber auch eine Frage der Inspiration und des Mutes. Zufall, Spiel, der Abend im Club, Musik, Film, Liebe, Sex, Tagträume zusammen mit Erfahrung, Sampling und immer wieder der Austausch mit Freunden, der Abgleich, das Weiterspinnen – all das sind Auslöser für Neues.

Rikus: Chaos, Zufall, Destruktion, Storytelling sind Methoden mit außerordentlichem, offensivem kreativem Potential. Jedes Experiment ist ein Indikator für einen Innovationsprozess und zeigt Willen zum Fortschritt. Es sollte nur einem Zweck dienen: Entweder dem experimentellen Ausloten, dem Finden neuer Kommunikationsformen oder auch dem ganz persönlichen Selbstausdruck.

Vicky: Viele, die wirklich mit dem Medium spielen, es ausprobieren und damit auch eine Art Vorbildfunktion haben, sind die lauten, dekonstruktiven, verwirrenden Sites. Diese meist von jungen Designern erdachten Experimente sind oft so assoziativ, wild und neu, dass sie der Kunst näher stehen als dem Handwerk Design. Das Netz fordert heraus, sich neue Methoden zum Storytelling zu überlegen. Diese Mittel werden nun um den Parameter Interaktion ergänzt. Storytelling ist die Symbiose von Information und Emotion. Neben den Fakten tranportiert man visuell und emotional Wissen. Erzählt man mit digitalen Mitteln eine Geschichte, kann diese im günstigsten Fall aus allen zur Verfügung stehenden Medien wie Video, Text, Sound, Animation und Bildern bestehen. Komplexe Zusammenhänge können so schnell und auf einen Blick erklärt und erzählt werden.

Basierend auf Nullen und Einsen kommt es jetzt schon zu neuen Darstellungsformen. Es werden Scripts geschrieben, die die Visualität in einen mathematischen Zufallsgenerator werfen. Viele Designer Portefolios wie z.B. volumeone.com, feed.de, etc… bemühen sich noch nicht ein mal mehr, Einzelarbeiten zu präsentieren. Da werden die Sites selber zu spannenden Magazinen oder ArtEvents.

Rikus: Es ist wichtig, eine selbstbewusste Stellung zu beziehen bzw. eine Haltung einzunehmen: Call and Response, chiffrieren/dechiffrieren, codieren/decodieren. Raus aus der Passivität. Im Web haben wir die besten Möglichkeiten zur offensiven und innovativen Selbstdarstellung. Webdesign bedeutet immer Auseinandersetzung mit dem Medium, seinen Möglichkeiten, einem persönlichen (oder gebrieften) Kommunikationsziel und dem persönlichen Anspruch an eine Sache. Egal, ob man mehr Selbstausdruck oder Ingenieursideal verfolgt, eine kreative Problemlösung wird initiiert. Diese Auseinandersetzung, dieser aktive Prozess heißt im Kern ein Medium prägen. Progression statt Adaption. Mut, Kreativität und Idealismus sind das Budget.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.