Hanno Leichtmanns drittes Static-Album ist noch mehr Song als Track. Mit einer Armee von Mono-Synths und Orchester-Samples zeigt er der IDM-Posse, wie der Hase läuft.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 97

Orchester-Schnippsel

Wann habe ich so etwas das letzte Mal gehört? Ploing, ploing und noch mal ploing. Vier Finger streichen über sechs Saiten. Ein Gitarren-Akkord, ganz unverfälscht. Früher machte Hanno Leichtmann Electronica mit Song-Anteilen. Jetzt schreibt er Songs mit Electronica-Anteilen. Eine kleine Umkehrung mit einem Rieseneffekt. Galt als Bezugsrahmen für frühere Static-Platten – aus der ganz großen Perspektive des Warp-Imperiums gesprochen – Boards of Canada, so ist es zum aktuellen, dritten Album Stereolab. Nerds mit Sprödigkeits-Schranke im Kopf können schon mal in Deckung gehen.
Dabei ist ”Re: Talking About Memories” in so nerdiger Fitzelarbeit entstanden wie kein Static-Album vorher. Das Ergebnis aber sind Stücke, die sich bewusster denn je um Songstrukturen arrangieren, auch wenn sie instrumental sind. Wenn es Gesangstracks sind – und Christof Kurzmann, Ronald Lippok oder der Schauspieler Lars Rudolph singen auf vier der neun Stücke, gehen die Schleusen ganz weit auf Richtung großes Liedgut mit hemmungslosem Mitsummpotential für den düsteren Wald – allerdings immer in der typischen Pathos-feindlichen Static-Eleganz.

Neben Readymade FC und Bertrand Burgalat (beides Franzosen, die mit Elektronika nur äußerst dezent etwas am Hut haben …) beschert Static das dritte Lieblingsalbum für diesen Cocooning-Herbst, das sein ganzes experimentelles Geschick in den Dienst eherner Gemütszustände zwischen luftiger Verträumtheit und seligem Nachsinnen stellt, um sie aus dem Ruch der Sentimentalität zu befreien. Tränen lügen nicht und eine gute Melodie kann man nicht korrumpieren. Solche Weisheiten flüstern einem ansonsten höchstens die modernen Bossa-Nova-Helden ein, vorneweg Arto Lindsay. Gegen den alten Gitarrenschredderer, der zu den stillen Subtilitäten eines gepflegten Mollakkords und eines Rimshots zurückgefunden hat, will Hanno Leichtmann gar nichts einwenden als Referenzmodell – auch wenn er sich seine Akkordwechsel eher unbewusst zusammengeklaut hat.

Hanno Leichtmann
Harmonisch habe ich bei ”Re: …” ein bisschen getrickst. Ich habe Klassikplatten gesampelt, in Kleinstteile zerschnitten und dadurch so komische gängige Harmonien gebastelt. Die Klassikschnipselei war der Aufhänger für die Platte. Deshalb klingt es auch so flötig.
Wenn ich meinem Sohn nicht eine Platte geschenkt hätte, auf der das Orchester erklärt wird, gäbe es mein Album so gar nicht. Die einzelnen Instrumente werden auf der Klassik-Platte freigestellt, nur Oboe, nur Flöten. Das ist superinteressantes Zeug, um Harmonien zu machen, um einen fetten Background zu haben, ohne den Beach-Boys-mäßig instrumentieren zu müssen. Darüber habe ich meine Synthies, Rhodes und so gelegt.
Harmonisch wusste ich also gar nicht so recht, was ich da mache. Aber selbst die Tracks ohne Vocals haben diesmal alle ein Songformat bekommen, sie haben einen A-, B-, C-Teil. Es gibt explizite Gitarren, Bläser. Dabei ging es mir nicht um ein Zurück zu traditionellerem Songwriting, für mich ist das ja Neuland, ein Vorwärtsschritt. Wenn die dogmatische Elektronika-Ecke sagt, das ist konservativ, ist mir das egal.
”Re: …” besteht aus drei Phasen. Zuerst gab es die Sachen, die noch aus dem vorherigen Album rübergezogen wurden. Die zweite Phase waren meine zwei Monate im Museumsquartier in Wien. Ich habe dort mit sehr eingeschränktem Equipment – Laptop, Synthesizer, Mischpult – hauptsächlich mit Live- und Reaktor-Software gearbeitet, gesampelt und Stücke gebaut. So arbeite ich sonst fast gar nicht.
Normalerweise benutze ich wenig Software, dann gerate ich auch nicht so sehr in Frickel-Spinnereien. Die Presets der Software sind schon so überladen, allein die rhythmischen Vorgaben, das ist mir zu viel Input. Handfeste Mono-Synthesizer, wenig Hall, das ist mein Ausgangsmaterial, keine fetten Roland-Synthesizer oder so. Auf den ersten beiden Alben ist jeweils ein Sample drauf. Diesmal ist durch die Sondersituation in Wien eine Menge Geschnipsel dabei.
Im Gegenzug habe ich viele Leute eingeladen und mit ihnen im Studio Tonnen von Spuren aufgenommen, Gitarre, Vibraphon. Die dritte Phase setzte nach meiner Südamerikatour im Trio mit Christof Kurzmann und Martin Siewert ein. Die ”Mitsinghymnen“ haben sich durch die Konzerte erst richtig festgeklopft.
Ich könnte mir auch vorstellen, von vornherein mit einer Band an solchen Stücken zu arbeiten, aber ich finde es gut, wenn man einen Umweg geht, mit den Samples als Basis arbeitet. Ich gehe immer von einem kleinen Element aus, einem Drumloop, einem Baustein von irgendeiner Platte. Darum baue ich meine eigenen Sachen, entwickle Melodien.

… und er covert ”Never Never“ von The Assembly, einer 80er-Kollaboration zwischen Vince Clarke und Feargal Sharkey, einem vergessenen Monument modernistisch entschlackten Electropopblueeyedsouls. Denn da geht die Static-Reise hin, vorher wird nicht Halt gemacht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Hanno Leichtmann ist ein Tausendsassa, der auf zahlreichen musikalischen Baustellen gleichzeitig ackert und bohrt. Für sein Projekt "Static" kombiniert er die Stimmen von Ronald Lippok und Justine Electra mit einem Sammelsurium aus plinkerndem Pop, knarzigem Dub und dem Wohlklang eines Fender Rhodes.
Text: moritz metz aus De:Bug 56

Fallen lassen
Hanno Leichtmann aka Static arbeitet in seinem Berliner Studio hinter einer Eisentür, die aussieht wie aus Holz. Sein Album “Eject your Mind” erscheint im Februar auf City Center Offices in einem grauen Cover, das einen kargen Wassertempel aus Beton zeigt. Darin schwimmen aber rote Seerosen. Symbolik, hinter der genauso viel steckt, wie hinter der Pseudoholztür im Staticlab-Studio Geräte stehen. Denn was er wiederum aus diesem Studio hervorbringt, klingt wie Beton und Rosen in ewiger Harmonie: Ein statisch aufgeladenes Knistern, Plinkern, Zirpen und Rauschen, ein Spiel von Hallschleifen und synthetischen Sphären, von akustischen Instrumentalsampeltönen und warm-freundlichen Melodien, die eine einzige Verniedlichung kaum genug verniedlichen kann. Und spätestens, wenn hinter der Eisenholztür noch Gäste wie Ronald Lippok oder Justine Electra mitmischen, wird aus dem Staticlab eine kleine stille Hitfabrik, deren Massenerfolg sich aber mit Bescheidenheit und Experimentierfreudigkeit freiwillig selbst ausbremst. Und es entsteht ein Produkt, das um Lichtjahre besser klingt als die schnöde Bezeichnung “freundlicher minimalelektronischer Dub-Abstraktpop”.

Hanno Leichtmann landete als studierter Jazzschlagzeuger über den Pfad der akustischen Ausbildung in der Elektronikecke und kann kaum in eine Richtung gepresst werden. Eher unter den Namen einer Handvoll Projekte auf eine Menge Platten. Schon “Static” sei eigentlich zweigeteilt, erklärt er: “Static auf City Centre Offices klingt abstrakter als Static bei Jazzanova / Mermaid Records, die mich sozusagen entdeckt haben. Ich hatte da zwei Maxis gemacht und denen anschließend ein total abstraktes Album geliefert, im Prinzip eben “Eject your Mind”. Ich lasse dort sonst mehr den Jazz raus, den Groove, und trommle auch richtig, so dass ich dann für das Album ein anderes Label gesucht habe und bei CCO gelandet bin. Nur war der Sound auch irgendwie Static, also habe ich den Namen beibehalten. Und die beiden Statics sollen sich auch ruhig gegenseitig helfen, die Verbindung bin schließlich ich.

Nie allein

Andere gegenwärtige Projekte Leichtmanns, der von sich sagt, dass er “schon immer so viele Songs im Kopf gehabt hat, dass man sie in einem Projekt gar nicht unterkriegen kann”, sind die Jazz-Elektro-Seemannsschlager-Dreiercombo “Ich schwitze nie”, das jazzelektronisch-relaxtere “Paloma” sowie das schredderelektronische Gespann “DJ Attachée & The Beige Oscillator”. Klar, dass er dann für die Staticproduktion viele Kollegen und Freunde eingeladen hat: “Ich wollte, dass jeder von den Leuten aus dem engsten Umfeld in irgendeiner Form dabei ist. Mein Studio- und Palomakollege Hannes Strobl hat Bass gespielt, Nickel Bussmann (aka Resistance) von Ich schwitze nie und DJ Attachée & The Beige Oscillator sowie Sam Auinger und Bruce Odland (aka O+A) habe ich geremixt.” Text- und Gesangsparts kommen von Ronald Lippok, dessen Hintergrund als “To Rococo Rot”- und “Tarwater”-Musiker sich ultrakompatibel mit dem Staticsound vereint. Und Justine Electras Stimme bringt in “Sometimes I Am Sad For A Few Seconds” einen gewissen Lali-Puna-Flair hinein. “Das Zusammenarbeiten mit Ronald war supergut, ich hatte seine Stimme für “Headphones” ständig im Kopf, und als er dann hier im Studio stand, war gleich beim ersten Take alles perfekt. Wie auch mit Justine: Ich würde für Static gerne weiter mit ihnen arbeiten, die finde ich irgendwie gut für mich!”

Obwohl Hanno Leichtmann “fast alles mit der MPC macht und mit dem Gerät richtig per du ist”, profitiert “Eject your Mind” von seinen Instrumentalerfahrungen: Er hat sein Schlagzeug eingesetzt, ein Rhodes, einen Synthesizer, “und wenn auch nur rückwärts als Fläche” ein Klavier. “Die Musik ist zwar teilweise sehr poppig geworden, aber ich nehme eben andere Instrumente. Wenn man Headphones mit Schrammelgitarre arrangieren würde, könnte man auch einen Radiohit basteln, die Grundakkorde und Melodien eignen sich dafür, aber ich will das irgendwie noch anders machen. Dass es nach der ersten Strophe noch zwanzig Takte knistert, bis es dann weitergeht! Mit Paloma bin ich da straighter, da knisterts eben nicht in der Mitte!”

Damit wandert Static genau auf der Grenzlinie zwischen Songs und Tracks. “Es gibt beides, mal Song, mal Track. Und kann auch fließend sein. “Sometimes” mit Justine ist zum Beispiel ein Hybrid; man denkt zuerst, das wäre ein Song und dann kommt ein ganz langer Instrumentalteil. Man soll sich in dem Album fallenlassen dürfen, deswegen auch der Titel “Eject your mind”. Es ist eine Hörplatte, aber eine, die auch gut im Hintergrund funktioniert. Das finde ich optimal, wenn Musik beides kann.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.