Das Bandkollektiv "Station 17" ging Ende der 80er aus einer Stiftung für geistig behinderte Menschen in Hamburg hervor, den Alsterdorfer Anstalten. Zwischen Improvisation, Loop und Remix ordnet sich ihre Musik immer mehr gen Tanzhit, denn "wer tanzt, humpelt nicht", wie es in einem ihrer Stücke heißt.
Text: anett frank | anettfrank@debug-office.de aus De:Bug 51

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Wer tanzt, humpelt nicht
Station 17+

Die Hamburger Band mit dem Plus an 14 DJs in Remixer-Funktion lädt zum Interview. Der feierliche Anlass ist die 5. Veröffentlichung “Hitparade”, mit der sie eben diese im Begriff sind zu stürmen. Am runden Tisch mit Ecken sitzen Harre Kühnast, Schlagzeuger bei Station 17 und gemeinsam mit Henry das DJ-Team Automatique, Kay Boysen, Executive Producer, Mitorganisator und Mitbegründer sowie Gitarrist der Band, Thomas Fehlmann als DJ, Freund & Berater der Familie und, last but never least, Karl-Heinz Hille (Kalle), der behinderte Star von Station 17 (Sänger und Poet).

Am Anfang war der Re-Mix
Was Kay Boysen 1988 vorschwebt, ist mit interessierten Bewohnern der Wohngruppe 17 der Alsterdorfer Anstalten (einer diakonischen Einrichtung für geistig behinderte Menschen in Hamburg), die bis dato mit spontaner Musik aus der Krachecke kommend mit Bass, Gitarre, Percussion herumexperimentieren, und professionellen Musikern ein Album zu produzieren. Etwa zwei Jahre später ist es fertig: das Projekt “Station 17” ist geboren. Neben Thomas Fehlmann, der bereits 1991 als Unterstützer fungierte, gelingt der Schulterschluss zur deutschen Musikgeschichte u. a. mit CAN und den Einstürzenden Neubauten, bzw. deren Protagonisten Holger Czukay und F.M. Einheit. Kay Boysen: “Das Album von ’91 beinhaltete schon den Remix-Gedanken, d. h. wir haben unsere Stücke anderen Leuten zum Produzieren gegeben.” Harre Kühnast: “Improvisieren war das Beste, was wir damals konnten. Wir haben deshalb über unheimlich lange Strecken Jazz-Sessions gemacht.” Durch die Einnahmen und Spenden geht es dann Schlag auf Schlag. Die leerstehende Anstaltsküche wird zum Übungsraum umfunktioniert und man übt sich im unkonventionellen Gebrauch der Instrumente frei nach dem Motto: Kraut’n’Free. Avantgarde – “Wer tanzt, humpelt nicht.” Es folgen neben performativen Präsentationen in den eigenen vier Wänden der Station erste TV-Auftritte und Festival-Anfragen. Es bilden sich allmählich die “Rock Fraktion” und das “Jazz Kollektiv” – die zusammen bis heute die eigentliche Band Station 17 bestehend aus 14 Musikern ausmachen. Unbehindert und behindert, wie auch immer. Mitte des Jahres 93 wird das zweite Album “Genau so” auf dem Hamburger Independent Label “What‘s so funny about” releast, und das hat ziemlich eingeschlagen.

…getourt, bis wir nicht mehr konnten
Auf den nun folgenden Deutschlandtorneen wird die CAN-Anleihe der Live-Performance, das meint das Konzept der permanenten Erneuerung, des Improvisierens, in einer selbstausbeuterischen Art auf die Spitze getrieben, bis schließlich erst mal Pause gemacht wird, um sich konzeptionell und musikalisch neu zu orientieren. Harre: “Wenn du eine auf Improvisation basierende Band bist, ist das größte Problem, dass sich alle mit verändern müssen.” Nebenbei entstehen Aufnahmen zu “Station 17 – Der Film” (Regie: Hannes Schönemann und Frank Stolp). Die Band findet 1996 unter deutlich impulsivem Drängen von Harre Kühnast zu Loop-basierter Musik, ohne das Improvisationskonzept aufzugeben. “Die Idee, sich thematisch damit zu beschäftigen, was uns eigentlich trennt, d.h. wer hat was im Musikschrank und wie man das bei so vielen unterschiedlichen Charakteren in einer Band zusammen bekommt” – beschäftigte nicht nur Kay. Harre: “Ich dachte, man könnte mal austesten, einen anderen Input zu geben, bzw. überhaupt versuchen, eine Basis zu schaffen mit Loops. Ich hab dann zum Bespiel eine Basic Channel-Platte mit natürlichem Grund-Dub genommen, die also nach Möglichkeit so leer wie nur möglich war, und habe diese dann übers Mischpult mit kleiner Sample-Funktion gelegt und geloopt und letztendlich den Beat dazu gegeben. Dieser Loop lief dann praktisch zwei Stunden, und in der Zeit haben wir alles versucht, was so geht.” Die befreiende Wirkung der Loops und das Ergebnis der Anstrengung wurde in die stilvermischende, Sample-durchdrungene und loop-gegroovte “Scheibe” gepresst, die im September ‘97 auf WSFA erscheint. Man tourt und probt und filmt, wird theatralisch und tanzt und hört gar nicht mehr auf, Gesamtkunstwerk zu sein. Das macht Spaß. 1999 wird die vierte Inkarnation überwiegend von Thomas Fehlmann (ehem. Palais Schaumburg, The Orb) produziert. Auf “Bravo” schalten sich DJ Koze und Cosmic DJ von Fishmob dazu und produzieren zwei Tracks. Das vebindende Element auf “Bravo” ist Pop-Musik. “Pop in verschiedenen Kontexten, was die Produktion, aber auch die Live-Umsetzung angeht, mit Tracks arbeiten und diese immer wieder auch an DJs rausgeben”, erklärt Kay.

De:Bug: Die Entwicklung von der ersten Veröffentlichung “Station 17” und “Genau So” über die Loop-basierte “Scheibe” hin zum Computer-strukturierten, elektronisch tiefenabstrahierten Popalbum “Bravo” lässt auf abwechslungsreiche Kontinuität schließen. Man könnte dieses Remix-“best of” Album als Atempause sehen. Was passiert gerade mit der Band, woran arbeitet ihr gerade?
Kay Boysen: Unser Live-Konzept ist ja nie fertig. Auch gut funktionierende Stücke werden einfach rausgeschmissen und durch andere mit neuen Loops, Impulsen und Ideen, die sich auch in der täglichen Arbeit entwickeln, ersetzt. Somit ist dieses Konzept in einem stetigen Wandel. Oder man guckt auf der Festplatte, was 1996 aus welchem Grund gesampelt wurde und, oha, da geht ja noch was mit dem Mike Ink Loop, immer wieder also an dem eigenen Konzept zu arbeiten. Jetzt gibt es durch die Platte neue Impulse von den Remixern, also die ausgedünnten Versionen oder auch teilweise Einzelspuren, zum Beispiel von Barbara Morgenstern, Playbacks oder ähnliches, die in die Band hereingetragen werden und die Live-Band wieder füllt.

Es wird getanzt. Solange, bis dann irgendwann auch mal Schluss ist

Kay: Auf Tour hören wir schon beim Aufbau die ganze Zeit Musik, auch Backstage. Nach der Zugabe lassen wir die Musik weiterlaufen, unsere Leute gehen von der Bühne, und es wird getanzt. Also das beste Beispiel ist: “Wir müssen ganz viele Modernist-Platten mithaben, denn die werden uns ständig geklaut…
Harre Kühnast: …deswegen ist der jetzt auch die Nummer eins auf dem Album.

De:Bug: Wie wichtig war für euch der Wechsel von dem kleineren Label WSFA zu dem größeren Label Mute, das zwar auch als Independentlabel arbeitet, aber mit weiteren Vertriebsstrukturen?
Kay: Ein wichtiger Schritt….
Harre: …und genau zum richtigen Zeitpunkt, weil eben bereits beim letzten Album um einiges elektronischer und tanzbarer geworden waren. Unser altes Label wollte aber immer noch auf die total wilde Behinderten-Verrücktheit abheben.
Kay: Die haben uns irgendwann auch mal wissen lassen, dass sie das alte Konzept, also die Sensation, das wilde chaotische Ereignis, im Sinne von Jeder-kann-mitmachen-PC-Kombo einfach besser fanden. Aber wir haben uns weiterentwickelt.

De:Bug: Lasst uns noch mal über die “Hitparade” sprechen. Nach welchen Kriterien wurden denn die Remixe ausgewählt, habt ihr eure Lieblingsmusiker / DJs angesprochen?
Harre: Wir haben im Freundeskreis mal nachgefragt, ob jemand Lust hat, und sind mit dem Angebot offene Türen eingerannt. Das zog dann locker Kreise.
Kay: Es ist eine Auswahl der Stücke aus den letzten 10 Jahren.
Harre: Wir verstehen das Remixen schon als größtmöglich freie Interpretation für die DJs, was auch bedeuten kann, das wirklich jemand im Text noch was ändert, bzw. neu interpretiert.
Thomas Fehlmann: Meine Version von “Technomuseum 3” ist auch gar kein Remix im herkömmlichen Sinn, sondern ein Stück, das aus Schnipseln von Sessions und Übungsraumgesprächen entstanden ist, wo ich aus einem Satz Tapes Elemente zusammengeschnitten habe. Ich habe also mit 100% Station 17 Elementen mein eigenes Stück gebastelt. Ein anderes Beispiel: Es gibt so ‘ne schöne Geschichte von Jörg Burger, wie er seine behinderte Nichte zu einem externen Station 17 Mitglied gemacht hat.
Harre: Sie ist praktisch das jüngste Mitglied von Station 17. In dem Remix von Jörg kommt diese tolle Mischung aus Kindlichkeit und Behinderung zusammen, und das ist total super.

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Elektronische Lebensaspekte.