Text: Heiko Gogolin aus De:Bug 64

Staubgold

Aufmerksame LeserInnen fragen sich: ”Schon wieder ein Artikelchen über Staubgold?” Yep, yep, und aus gutem Grund. Bei einem Releaseportfolio, das sich so gemausert hat, könnte man eigentlich gleich monatlich über das Ein-Mann-Label von Markus Detmer aus Kölle berichten, vielleicht eine regelmäßige Kolumne mit dem Titel ”Avantgarde und doch entspannt” oder entsprechend der Headline unseres letzten Status-Reports: ”Die Wiedervereinigung von Spaß und Ernst”. Musiken, die das Label Staubgold tragen, werkeln parallel an diversen Matrix-Punkten und nehmen einem freundlich die Blickwinkelkonzentratoren vom Kopf. An vergleichbaren Plätzen kriegt der geneigte Hörer leider viel zu oft ein derbes Brett vor den Kopf, altadornitische Avantgarde scheinbar nach dem Motto ”Ist es zu hart, bist du zu schwach”. Der stilistische Plural des Labels manifestiert sich dabei teilweise sogar in einem Namen oder Projekt. Aktuelles Paradebeispiel ist da natürlich der gute Ekkehard Ehlers – Digi-Folk mit ”März”, lustiger Floor-Scheiß mit ”Betrieb”, aber gleichzeitig auf Staubgold auch unser Lieblings-Neue-Musik-in-Pop-Ambient-Transformator in seiner kürzlich resümierten ”Plays”-Reihe. Die brandneue Labelsammlung ”Music out of Place”, erhältlich als CD oder Vinyl zum Taschengeldpreis, gibt darüber als Vorgucker wie Rückschau einen guten Eindruck. Alte Bekannte wie Harald ”Sack” Ziegler oder Stefan Schneiders Nu-Dub-Projekt Mapstation erinnern an tolle Alben, neue Gesichter wie Thilges 3 oder Scott Horscroft werden bestimmt bald gute Freunde. Auffallendstes Neu-Signing neben der Australien-Connection Sun sind da sicherlich die guten alten Faust. Ähnlich wie bei den Kollegen von Sonig erscheint es nicht als Widerspruch, gleichzeitig Knister-Knarz-Kram und neue Platten von Krautrock-Heroen zu veröffentlichen. Die Frequenz, in der dabei die Releases in die Läden strömen, hat sich irgendwann so um die Architektur-Electronica ”Kölner Brett” von To Rococo Rot aus dem letzen Jahr enorm erhöht. Bei der demnächst anstehenden Label-Tour kann also aus dem Vollen geschöpft werden. Das All-Star-Team cruist von uns präsentiert im Kleinbus durch die Lande. Neben Reuber, Mapstation und einer spannenden Performance von Entenpfuhl-Held Josef Suchy und Ekkehard Ehlers, dem die März-Tour im Herbst scheinbar noch nicht reicht, freuen wir uns besonders auf das Institut für Feinmotorik. Deren etwas anderer Turntablism mit vier Leuten an acht Plattenspielern, aber gänzlich ohne Platten, kann endlich auch live den Beweis antreten, das hier nix digital gecuttet wurde. El Cheffe Detmer legt zwischen den Gigs dann doch noch welche auf die Teller und verkauft Scheiben von seinem Mailorder. Wie früher, als er noch selbst mit umgeschnallten Bauchladen über die Konzerte getingelt ist.

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Elektronische Lebensaspekte.

Arbeiten zwischen Elektroakustik, Pop und Minimaltechno: Das Kölner Label Staubgold von Markus Dettmer veröffentlicht Platten an der Schnittstelle von Genres und Denkstrukturen.
Text: florian sievers | florian.sievers@gmx.de aus De:Bug 53

elektronika

Wiedervereinigung von Spaß und Ernst
Staubgold

Das E und das U, sie wachsen zusammen. Denn eigentlich werden ernste und unterhaltsame Musik heute doch nur noch von FAZ-Feuilletonisten und Klassik-liebenden Oberstudienräten als getrennte Kulturbereiche wahrgenommen. In jenem alten Gegensatz – entweder Spaß ODER Bildung und Arbeit – klingen Puritanismus und konservativer Kleingeist nach. Dabei weiß inzwischen auch in Deutschland zumindest jedes Kind, dass Pop- und Hochkultur zusammengehören. Man lernt, arbeitet und amüsiert sich eben zugleich. Und genau darum bastelt ein Kulturpool wie das Kölner Label Staubgold an der Wiedervereinigung von E und U. Seit 1998 ist auf der Plattform des Kölner Journalisten und Musikers Markus Dettmer, 29, zwischen elektronischem Instrumentalpop und Neuer Musik, Krautrock, Tapeschleifen und Minimaltechno alles möglich. Um Grenzen niederzureißen nämlich. “Es ist durchaus der Anspruch”, sagt Markus, “mit diesem Label Töne zwischen bestimmten Einstellungen und Genres zu veröffentlichen und dabei gleichzeitig zu zeigen, dass diese Künstler trotzdem etwas Gemeinsames haben: Die Musik muss eine bestimme Glaubwürdigkeit zeigen und die Musiker verbindet die Begeisterung für unverbrauchte Klänge, um vorgegebene Strukturen und Denkweisen zu erweitern.”

Gold für die Domplatte

Staubgold-Betreiber Markus Dettmer ist 1993 aus dem Bergischen Land nach Köln gezogen, das er als Stadt der kurzen Wege schätzt. Nachdem er früher einige Jahre das Tapelabel “Progressive Entertainment” sowie seit 1996 einen Mailorder unter dem Namen Staubgold betrieben hatte, startete er 1998 das gleichnamige Label. Die beiden ersten LPs, von “Erixma” und “Tesendalo”, kamen in 500er-Auflage in liebevoll selbstgebastelten Papp-Covern. Doch passten die nicht in die Standard-Versandboxen der Vertriebe und beschertem ihm so neben der ganzen aufwändigen Handarbeit einigen zusätzlichen Ärger. Das nennt man dann wohl “Lehrgeld”. Danach fügte sich schnell eins zum anderen: Über eine Picture-10″ von Recnizek kam Markus dazu, auch dessen Kollegen Gunter Adler sowie deren gemeinsames Bandprojekt “Groenland Orchester” zu veröffentlichen. Releases wie “Mapstation”, das Soloprojekt von To Rococo Rots Stefan Schneider, oder die Compilation “Lume Lume”, eine Sounddokumentation vom Klangpark der Ars Electronica 2000, brachten das Label weiter voran. Letztere hatte ihm Schneider zugespielt, der dort aufgetreten war. Und auch ein eigenes To Rococo Rot-Album hat Staubgold im Programm: “Kölner Brett”, die akustische Untermalung eines Modul-Hauses im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Schneiders Freundin arbeitet bei dem ausführenden Architektenbüro b&k+, das von der Band die Klanguntermalung für eine Präsentation des Hauses erbeten hatte.

Bald…ganz bald

To Rococo Rot wiederum wollten die Platte auch anderen Menschen als Architekten zu hören geben und veröffentlichten, da ihr Heimatlabel City Slang gerade erst eine LP rausgebracht hatte, bei Staubgold. Markus’ eigene Band “Klangwart” äußert sich zwar ausschließlich auf dem bandeigenen Label “Klangstelle”. Sein Klangwart-Partner Timo Reuber allerdings poliert bei Staubgold unter seinem Nachnamen Krautrock auf. Inzwischen ist Staubgold bei Release Nummer 20 angekommen, einer Labelcompilation für Einsteiger. Anfang 2002 kommt dann eine CD mit Aufnahmen von Vladislav Delay, der in diesem Jahr auf der Ars Electronica in Linz den Klangpark beschallt hat. Und Staubgold 30 wird im März kommenden Jahres endlich eine langgeplante Triple-LP-Labelbox. Zwar verbindet Markus bei seiner Releasestrategie seine Begeisterung für moderne Klassiker wie Steve Reich, LaMonte Young oder Terry Riley mit jener für zeitgemäße elektronische Popmusik. Das kommt aber nur selten akademisch daher – etwa wenn Diedrich Diedrichsen in den Linernotes von Ekkehard Ehlers’ Albert-Ayler-Rekonstruktionen über das “Switchen zwischen den religiösen und den poetischen Zuständen” oder “Äquivalenzunmöglichkeiten” schreibt. Meist aber sind Staubgold-Platten ganz einfach ernst und unterhaltsam – zugleich.

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