Vom armseligen Bassspieler zum gefeierten House-Produzenten und Buddy von Luke Solomon und Dixon – so kann eine Karriere aussehen. Manchmal muss man nur gegen den Strom schwimmen, nach England zum Beispiel.
Text: Sven VT aus De:Bug 106

House

Stefan Goldmann
House auf Umwegen

Dass sich die britische Clubkultur aus der Sicht eines Kontinentaleuropäers lange Zeit wie ein seltsam todprofessionalisiert anmutendes, zuweilen hysterisches Paralleluniversum mit seinen ganz eigenen physikalischen Gesetzen darstellte, ist nichts Neues. Auch wenn man immer mal wieder fasziniert einen Blick auf das bunte Treiben auf der Insel wagte und die Blicke von dort meist Richtung Nordamerika wanderten, viel zu sagen hatte man sich nicht. Und das galt nicht nur für den erlebnisorientierten Rave-Jugendlichen, sondern auch für die meisten Produzenten diesseitig des Ärmelkanals. Umso erstaunlicher ist es, wenn jemand, noch dazu ein junger deutscher House-Produzent, im Mutterland von Handbag-House, Ibiza-Euphorie und Super-Clubs den Grundstein für seine musikalische Entwicklung legt, um dann ganz langsam ins Herz der heimischen Szene, in der man bis dahin nur peripher wahrgenommen wurde, vorzustoßen. Stefan Goldmann, Berliner House-Produzent, ist es genau so ergangen. Seine erste Platte erschien vor knapp fünf Jahren auf Luke Solomons und Derrick Carters Traditionslabel und House-Flaggschiff ”Classic“. Ganz zufällig und ohne geschäftstüchtige Hintergedanken. Seitdem ist er über ”Music For Freaks“ und ”Ovum“ erst bei ”Perlon“ und jetzt bei Dixons und Åmes Label ”Innervisions“ untergekommen. Auf dem Weg hat er sich einige Male stilistischen Häutungen unterzogen, die ihn als Produzenten aber immer wieder ein Stück weitergebracht und neu positioniert haben, fernab davon, berechnend zu wirken. Vom eher klassischen deepen House der Classic-Phase über die entschlackte minimale Darkness seines Perlon-Releases bis hin zum Sprühregen aus funkelnden Synthie-Melodietropfen jetzt auf Innervisions ist es ein langer Weg, den Stefan Goldmann in kurzer Zeit ziemlich überzeugend zurückgelegt hat.

”Ich hab eine ganze Weile Bass gespielt in ganz komischen Bands. Ziemlich planlos zuerst und dann völlig überambitionierte Geschichten, wo wir versucht haben, ganz besonders schlau zu klingen – mit ziemlich armseligen Ergebnissen. Das hat uns mal einer gesagt, vor dem wir Respekt hatten. Daraufhin haben wir die Proben eingestellt und allein zu Hause nichts anderes als Timing geübt. Das war zwar reichlich panne (meine Nachbarn waren völlig vor den Kopf gestoßen), aber man lernt unglaublich viel dabei. Andererseits kam ich so um 1995 auf den Drum-and-Bass-Flash. Da hab ich angefangen, mir ein paar Geräte zu kaufen, und bin irgendwie mal auf 126 bpm im Sequencer gelandet. Das war dann schnell ziemlich cool, so als Feeling. Als ich meine ersten drei House-Tracks beisammen hatte, hatte ich überhaupt keine Ahnung von House-Labels. Dem Namen nach kannte ich im allgemeinen Strictly Rhythm, Svek, F-Com und vielleicht MAW Rec. Ich habe dann irgendwie Kontakt zu Dixon gekriegt, der mir netterweise eine Liste mit Adressen von seiner Meinung nach geeigneten Labels zusammengestellt hat. Ich habe das dann verschickt, und Classic waren die ersten, die sich gemeldet haben. Irre, was? Ich habe das mal Luke Solomon erzählt, dass ich Classic vorher überhaupt nicht kannte – der lag unterm Tisch vor Lachen. Bei Classic konnte ich eigentlich nahezu machen, was ich wollte. Das war in der Hinsicht ziemlich einmalig. Das hab ich dann auch ausgiebig genutzt. Ich hatte auf einmal mehr Tracks, als die veröffentlichen konnten – so bin ich dann bei Ovum gelandet. Bei Perlon und Innervisions hat sich das so ergeben, dass ich Sachen hatte, die da plötzlich gepasst haben, ohne bis dahin im Bereich der Kernkompetenz der Labels tätig gewesen zu sein. Ich mag den Gedanken, etwas am Rand zu arbeiten, jenseits des Signature-Sounds eines Labels. Ansonsten war der Schritt von Classic zu Perlon sicherlich die eigentliche Wende, weil sich meine Arbeitsweise stark verändert hat. Weg von den Samples, hin zu den Synthesizern. Was mich besonders freut, ist dass all diese Stilgrenzen sich so gründlich aufgelöst haben, dass keiner mehr genau sagen kann: Das hier ist noch Techno, das ist schon House. Da ginge noch viel mehr, es sortiert sich ja schon wieder ein wenig in Mikrorichtungen. Für viele Labels ist es sicherlich sehr günstig, einen Trademark-Sound zu etablieren, aber ich persönlich werde viel lieber überrascht. Die DJs profitieren von der momentanen Lage am meisten, weil die Toleranz des Publikums hier gegenüber Stilvielfalt so hoch ist wie seit 10 Jahren nicht mehr. Auch in ehemals ganz festgefahrenen Szenen. Ich wundere mich, wieso das nicht viel mehr genutzt wird.
Es ist außerdem schön, dass viele ganz verschiedene Ansätze zugleich gerade auch international sehr erfolgreich sind. Das war ja auch mal anders. Eigentlich geht’s uns ganz gut, was?“

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Elektronische Lebensaspekte.