Detroit leuchtet über ihm. Für Daniel Stefanik ist das ein Leitstern, der ihn zu Höchstleistungen mit Herzblut antreibt. Zusammen mit Stefan Wesemann ist er Urban Force, alleine schlägt er gerade auf Moon Harbour Wellen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 95

Der Drang zum eigenen Gesicht
Daniel Stefanik

Daniel Stefanik kommt aus der Nähe von Dresden, wo er zusammen mit Stefan Wesemann das Projekt “Urban Force” gründete. Dresden bei Detroit versteht sich. In seinem Studio gibt es immer noch ein Tryptichon aus UR, Jeff Mills und Carl Craig. Er spielte lange Zeit Mittwochs im Tresor und auf den “Straße E”-Partys in Dresden und ist jetzt Resident bei den Moon-Harbour-Abenden in der Distillery. Die ersten Tracks von ihm waren Kollaborationen mit Matthias Tanzmann von Moon Harbour – “Like Shrubbery”, ihre zweite Kollaboration, räumt grade ab. Ende letzten Jahres startete er sein eigenes Netzlabel für Experimente wie sein Elektronika-Album “Silent Whisper” und die deepen dubbigen Tracks von Urban Force. Grade eben erschien – nach einigen Remixen – seine erste Solo-EP auf Moon Harbour, “Move Me”, und doch gehört er schon fest zu dem, was den Sound von Moon Harbour ausmacht. Wir trafen uns mit Daniel Stefanik und Stefan Wesemann zum Gespräch.

Wie habt ihr beiden euch für Urban Force getroffen?

Stefanik: Wir haben vorher schon Musik gemacht, aber wir haben dann irgendwann unsere gemeinsame Liebe zu Detroit entdeckt und dann haben wir irgendwann einfach auch zusammen Musik gemacht. Das war aber alles noch in den Kinderschuhen. 2001 sind wir zusammengezogen, haben alles Equipment in ein Zimmer gestellt und so ist dann das erste “Album”, die Instabil 02 entstanden. Damals hatten wir uns unterhalten, ob wir das ins Netz stellen, aber dann haben wir gedacht, dann klaut’s jemand. Oder so was. Wir waren sehr underground. Ich hab den “Knights of the Jaguar”-Ripoff im Karstadt zerbrochen und solche Sachen.

Wesemann: Wir hatten es zu Deepchord nach Detroit geschickt. Und wollten ein Release draus machen, waren auch knapp davor.

Stefanik: Irgendwie haben sie gesagt, geht klar, schickt mir mal was, aber auf einmal …

Wesemann: Ab 11ten September war richtig Ruhe.

Stefanik: Das war krass.

Wesemann: Er ist wohl aus Detroit weggezogen damals.

Stefanik: Das war schade. Ich bin dann wegen meiner Freundin nach Leipzig gezogen, hab natürlich trotzdem weiter Musik gemacht, und die ganzen Leipziger Leute kennen gelernt, Matthias Tanzmann, Frankman, die waren alle am Anfang skeptisch. Klar, da kommen sicherlich viele an. Ein Abend aber, da haben Matthias und ich über Musik gesprochen, das mache ich gerne, Platten analysieren und sich auch drüber lustig machen, und da wurden wir richtig heiß auf Musik machen und er hat sein Zeug geholt. So ist das Projekt “Tanzmann & Stefanik” entstanden. Dann kam der Drang, eigentlich auch ein eigenes Gesicht zu bekommen. Ich bin ja doch mehr Detroit. Das war schon immer für mich das Wesentliche. Wenn ich Musik mache, dann wird die Messlatte immer ganz hochgeschraubt. Das wird nie erreicht, klar, aber Detroit muss sein. Das hat ja zum Glück auch geklappt, war aber ganz schwierig. “Move Me”, A1, der Sollhit, sagen wir mal, war am Anfang ganz anders. Matthias meinte, das wird ein Hit, aber da musst du was machen. Ich hatte noch nie so produziert: “Das Ding muss im Club funktionieren.” Funktionalität hat sich ergeben. Für mich sowieso und wenn’s die anderen auch begriffen haben, juche! Aber ein Track auf Moon Harbour muss auf jeden Fall ja auch, jetzt kommt das Zauberwort, verkauft werden. Auch so ein Ding, woran man am Anfang nie denkt. Ich war froh, als der erste Track beendet war. Und ich mag ihn auch nicht mehr, selbst wenn er okay ist. Ich würde es jetzt ganz anders machen. “Deviant Behaviour”, die eigentliche Nummer, die für mich spricht, war gedacht für Delsin, die liebe ich ja schon lange, Marsel hatte aber kein Interesse. Matthias hatte ich den Track, bevor er nach Thailand gefahren ist, mitgegeben, obwohl er ihn nicht so passend fand. Er muss ihn aber irgendwann im richtigen Moment gehört haben und der Track hat ihn gekickt und so kam er dann glücklicherweise auf die EP. Wenn man jetzt das Feedback liest, von DJs wie Aquaviva, Ricardo Villalobos und anderen, von Typen, die ich damals angehimmelt hab, dann bin ich glücklich, dass sie genau den Track entdeckt haben. Der letzte Track sollte eigentlich auf dem Netlabel Thinner erscheinen, aber Matthias hat die erste Option auf alles, weil sie mich so wahnsinnig unterstützt haben. Ich kam mit meinem zu schwachen Rechner einfach nicht weiter. Dafür bin ich ganz dankbar, denn das gab musikalisch so einen Sprung, das ist Wahnsinn.

Ist es auch wichtig, mit den Moon-Harbour-Nächten in der Distillery gleich auch einen Club zu haben, in dem man immer auflegt?

Stefanik: Klar, im Club kann man immer die neuesten Sachen probieren und man merkt, wenn man Dinge falsch macht. Früher haben wir alles nur aus dem Bauch reingefadet, aber Tracks funktionieren ja auch nach einem Baukastensystem, man sieht, wie die Reaktion ist, und so entsteht dann auch Leipziger Sound, von den Leuten auf der Tanzfläche mitgemacht.
Mein großer Traum wäre aber, mal auf dem Detroit Electronic Music Festival zu spielen. Das wäre doch Wahnsinn, wenn man die ganze Zeit nur aus Zeitungen darüber liest. Wir kommen ja aus der Provinz, bei Dresden, 20.000 Leute, da war keine Stadt. Die Informationen kamen nur aus den Zeitungen, man hat alles gelesen, eingesaugt, das war eine richtige Schule. Und dann Geld gesammelt und zum Hardwax. Da konnte man sich dann eine oder zwei aus einem Stapel angekreuzter Platten aussuchen. Das war ganz, ganz wichtig für mich, weil man sich so intensiv mit dem Zeug auseinander gesetzt hat, das richtig gelebt hat. Das fehlt mir heutzutage bei einigen. Bei mir gibt es Freudensprünge, wenn ich etwas mache. Gestern haben wir z.B. die neue Instabil gemacht, mit Kyoto Sound zusammen wollen wir, Urban Force, auf Instabil ein Splitrelease machen. Musik zu machen, das ist wie wenn man verliebt ist. Das ist so schön. Das macht einen so wahnsinnig glücklich.

Wesemann: Man macht es einfach, wie es aus einem rauskommt. Da ist nix programmiert, das ist wie eine Session, die Nacht lang rumdrehen …

Stefanik: Wir haben uns gegenseitig überrascht. Das ist wie eine Jazzsession, jedes Instrument hat da seinen eigenen Part. Klar, dieses Ding, neu, neuer Sound, mal was anderes machen, wir machen vielleicht auch nix Neues. Basic Channel hat’s gegeben, Chain Reaction, Rhythm & Sound, Deepchord waren vielleicht schon etwas anders, aber ich liebe ja genau diesen Sound. Das ist für mich das Ding. Wie du gesagt hast, man kommt nicht weg davon, und ich will auch gar nicht weg.

Wie kam es zu Instabil?

Stefanik: Wir waren am Anfang sehr skeptisch gegenüber MP3s und digitalen Medien. Wir waren ja auch solche Vinyl-Nerds. Ich wusste nicht, ob der Artist noch etwas davon hat. Mir geht’s nicht so um Geld verdienen oder gar reich werden, sondern um Feedback. Netzlabel, das war mir damals zu anonym. Platten sind einfach schön, aber eine Festplatte in der Schrankwand, ich weiß nicht. Schon allein das Loch in der Platte und das Geräusch, wenn man sie auf den Plattenteller legt. Ach. Aber Instabil war dann unsere Annäherung, weil ich das Medium begreifen wollte. Ich hatte in der Debug gelesen, dass es Netzlabel gibt. Vorher kannte ich die gar nicht. Ich hab schnell rausgefunden, dass da doch eine professionelle Struktur hintersteckt, und dann wusste ich, dass da Leute sind, die sich mit Musik wirklich auseinander setzen. Ich wollte mit Matthias von Statik Entertainment, die es jetzt ja auch schon 10 Jahre gibt, ein Label machen, weil wir zusammen ein paar Tracks gemacht hatten. Ich dachte mir dann aber, er hat schon so viele Label, und im Endeffekt hatten wir auch nur Tracks für eine EP gemacht. Bei Moon Harbour hatte ich gesehen, dass die immer 2-3 Releases in Vorbereitung haben. Deswegen hab ich mich dann entschieden, Instabil zu starten. Und jetzt gibt’s uns so ein dreiviertel Jahr.

Du bist nicht so festgelegt auf einen Sound, mal Elektronika auf Instabil, Detroit bei den eigenen Tracks, Dubtechno mit Urban Force …

Stefanik: Es ist immer eine Erfahrung, auf ein Konzept hin zu produzieren. Weil man dabei etwas Neues lernt. Bei den Elektronika-Sachen frickle ich ja auch rum. Von dem minimalen Clicker-Clacker-Sound bin ich aber schnell weggekommen. Die Idee wie bei Akufen fand ich fett, aber irgendwann erschien mir das einfach nur noch so dahingesetzt. Ich finde es gut, wenn es eine Message gibt. Das fand ich schon bei UR gut. Ich brauche halt Gefühl. Ich liebe es so eine Fläche drinzuhaben. Vielleicht bin ich ein verlorener Romantiker. Soul, das ist ganz wichtig. Das Herz muss dabei sein.

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Elektronische Lebensaspekte.