Visionen aus der Vergangenheit
Text: Malte Kobel aus De:Bug 173

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Text: Malte Kobel

Die gebürtige Französin Christelle Gualdi aka Stellar OM Source hat sich bislang gekonnt abseits des Medien-Radars bewegt und war nur eingeweihten Synthie-Fans ein Begriff. Jetzt allerdings bringt sie auf dem New Yorker Label RVNG ein neues Album heraus und greift dafür tief in die Bassdrum-Kiste.

Stellar OM Source. Mit einer EP auf einem Rush-Hour-Sublabel erlangte dieses Pseudonym zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. “Image Over Image“ hieß die Platte auf “No Label”, bestückt mit vier Tracks, irgendwo zwischen funkigem Electro und oldschooligen Detroit- Spielereien. Blickt man allerdings tiefer in Release-Kataloge und Discogs-Einträge, so entdeckt man einen Fundus an selbstveröffentlichten und Kleinstlabel-Releases: eher angesiedelt im weiten Feld von Synthesizermusik und Ambient. Wie geht das zusammen? Auf der einen Seite diese verwaschene Synthie-Musik mit Referenzen zu New-Age-Titanen wie Klaus Schulze oder Jean Michel Jarre und einer Nähe zu Oneohtrix Point Never. Auf der anderen Seite eine Liebe für frühe Techno-Figuren: Drexciya, Mad Mike, Derrick May.

Anders als diese Referenzenshow vermuten lässt, kommt Christelle Gualdi alias Stellar OM Source nicht aus den Weiten Nordamerikas, sondern wuchs in den Suburbs von Paris auf und lebt mittlerweile in Antwerpen. Hineingeboren in ein musikalisches Umfeld, blieb ihr gewissermaßen keine andere Wahl als die Musik. Ihr Vater, Gitarrist und Besitzer zahlreicher alter Synthesizer und Drum Machines, saß schon früh mit Christelle zusammen vor dem Atari-Computer und eher im Studio als im Sandkasten. Einige der väterlichen Geräte befinden sich nun im Maschinenpark der Tochter, die in unserem Skype-Interview – genau wie mit ihrem Künstlername – stets versucht, einen nebulösen Schleier um sich zu wahren: “Stellar OM Source ist auf der einen Seite mit meinem Namen Christelle verbunden – Stellar. Aber ich bin auch schon immer an Sci-Fi- und Weltraum-Kram interessiert gewesen und auch daran, wie Musik ihre Hörer in andere Welten, in höhere Ebenen bringen kann – alles, was außerhalb von uns und irgendwo spirituell ist. Der Name entstand aus diesem Gemisch. Außerdem mochte ich einfach das Wort ‘Source’ und die Silbe ‘OM’, die aus dem Sanskrit kommt, als Urklang gilt und all die Konnotationen, die da mitschwingen.”

Konservative Komposition und Kontrabass
Nach konventioneller Musikschulkarriere und ausgiebigem Kontrabassspielen in Schulorchestern studierte Christelle Musikwissenschaften in Paris. Ihre Faszination für die Arbeit im Studio mündete dann folgerichtig in einem Studium für elektro-akustische Komposition. “Dort lernte ich alles über Studiotechnik. Es wurde extrem viel Wert auf Details gelegt, davon habe ich sehr profitiert, auch, wenn das Studium manchmal fürchterlich konservativ war.”

Neben der Musik begeisterte sie sich schon immer für Architektur. Vor allem für die radikalen, italienischen Gruppen wie Superstudio oder Archizoom, die in den 60er- und 70er-Jahren monumentale Visionen entwarfen und ihre Kunst als moderate Utopien verstanden. Zumeist wurden diese Gedankenspielereien, die dem Zeitgeist eines offenen Kunstwerks entsprachen und eine mehrdeutige Lesart von Kunst und Kultur forderten, aber nur auf dem Papier entworfen. Die Begeisterung führte zum Studium der Architektur und ermöglicht ihr heutiges Leben als Architektin und Musikerin. Mittlerweile lebt Christelle in Belgien, auch, so sagt sie, um einer kulturellen Übersättigung aus dem Weg zu gehen. “Belgien ist irgendwie chaotisch, und ich mag das, ich hab das Gefühl, hier steckt jede Menge Potential. Es ist ein sehr merkwürdiges Land, drei Kulturen, drei Sprachen, und alles prallt innerhalb dieser engen Landesgrenzen aufeinander. Man kann machen was man will, es gibt keine Strukturen, keine Gruppen, in die man sich einordnen muss. Ich bewundere, dass manche Leute in versteckten Ecken leben und trotzdem aktiv sind.”

Trotz dieser vermeintlichen Abgeschiedenheit pflegt Stellar ihre Verbindungen zu Labels und Künstlern, vor allem in den USA. Dort erschienen bisher auch fast all ihre Produktionen. Seit einigen Jahren aber hat sie nur noch spärlich von sich hören lassen und die wenigen Releases – besagte 12″ auf “No Label” 2012 und zwei 7″s auf “Big Love” 2011 – kehren den bisher beatlosen New-Age-Impressionen den Rücken und öffnen sich der Bassdrum mit all ihren Konsequenzen. Mit den New Yorkern von RNVG Intl. sei sie zwar schon länger befreundet, das jetzt erscheinende Album “Joy One Mile” aber die erste gemeinsame Ausbeute. Gut aufgehoben scheint sie dort zu sein, in einem Labelraster, das zwar äußerst facettenreich daherkommt, allerdings einen klaren Fokus auf die ausgefalleneren Momente des 4/4-Kontinuums setzt (Holly Herndon oder Maxmillion Dunbar geben bestens davon Auskunft). Für das Arrangement der Stücke, die allesamt von Christelles Live-Sets stammen, wurde kein Geringerer als Kassem Mosse angeheuert.

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Joy One Mile
Der Titel des Albums beziehe sich auf einen Track von Erik Travis, den sie, wie viele andere unbekanntere Detroiter Produzenten, sehr verehre. “Sie haben einen so starken Glauben an Musik. Das bewundere ich”, schwärmt sie. Und so bekomme ich langsam das Gefühl, zu verstehen, was ihre bisher eher vagen Aussagen und ihr Pseudonym eigentlich beinhalten könnten.

Durch ihre Formulierungen, Einflüsse und ihre Musik zieht sich ein Moment des Utopischen und Visionären. New Age, Detroit, Sci-Fi, Architektur. Sie spielt eine Zukunftsmusik, die aber keine Zukunftsmusik mehr ist. Musik, die sich aus der alten Hoffnung auf eine bessere Welt speist. Die sieben Tracks auf dem Album sind dabei Begleiter von Vergangenheit und Zukunft zugleich. Klanglich wird ungehobelt und dennoch feinfühlend vorwärts marschiert und eine Sorte Techno präsentiert, die ständig unerwartete Wendungen macht, in abstrakten und klaustrophobischen Räumen ansetzt, um wie aus dem Nichts mit offener, umarmender Rave-Geste daherzukommen (“Elite Excel”). Mal wird über die Liebe gesungen (“Par Amour”), mal bewegen wir uns schwerelos im Outer Space (“Fascination”) oder schwelgen in schmierigen Acid-Träumereien (“Natives / Most Answers Never Unveiled”). Es ist keine Vision aus dem Jahr 2013, sondern eine, die sie in ihren Kindheitstagen mit den New-Age-Platten ihres Vaters aufgesaugt hat und die sich ihr später, in den 90ern auf Raves in Form von Techno-Musik äußerten. Aus analogem Equipment wird eine nostalgische Vision zusammengezimmert.

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Die anfängliche Frage, wie diese beiden Richtungen denn zusammengehen, ist damit obsolet und löst sich auf dem Album in verträumten Passagen auf der einen und stoischen Bässen auf der anderen Seite auf. In dem Moment, in dem sie sich vom Ambient löst, gewinnt sie Techno noch eine neue, ungezwungene und spielerische Seite ab.

Stellar OM Source, Joy One Mile, ist auf RVNG Intl. erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.