Stereo Total sind der Inbegriff von charmant lustig neben der Spur. Aber auch neben der Spur gelangt man mal an die Crossroads des Blues, wie Stereo Total bei genauerem Hören mit "Do the Bambi" belegen.
Text: Frederik Schikowski aus De:Bug 90

Europa neurotisch
Stereo Total

Das neue Album von Stereo Total klingt so wie all die bisherigen Alben von Stereo Total auch. Man mag diese Band lieben oder eben nicht, aber auf sie ist Verlass. Schepperndes Schlagzeug, Schrammel-Gitarren, billige oder obskure Synthies (unter anderem mit “vor kurzem in, jetzt wieder out, nun doch wieder in?“-Asbach-uralt-Exoten namens Theremin oder Trautonium), der stets gekonnt derangierte Gesang von Francoise Cactus und die seit eh und je von ihm selbst wohl am meisten unterschätzte Stimme Brezel Görings bilden die Ingredienzen des steten Erfolgs. So lässt sich sorglos feiern, tanzen oder auch mal mitgröhlen. Das neue Album von Stereo Total klingt also so, wie all die bisherigen Alben von Stereo Total auch – so meint man zumindest.
In Wahrheit ist “Do the Bambi“ zugleich das düsterste Werk bisher, da mag auch das titel- und identitätsstiftende, im gesamten Booklet auftauchende Hirschkitz mit seinem rundem Kopf und den sprichwörtlichen Rehaugen nicht drüber hinwegtäuschen. Wir sollten uns erinnern: Starb nicht Bambis Mutter einen frühen und vor allem gewaltsamen Tod? Und so fallen wir nicht mehr darauf herein: Hinter all dem süßen, lustigen und oberflächlich Verspielten bleibt Bambi doch eigentlich eine tragische Figur, dabei sensibel, wehrlos und zerbrechlich.
Neben nur wenigen Liedern aus der Sparte “lustige Unterhaltung“ dominieren weit dramatischere Sujets: zerborstene Liebe, vergebliches Warten beim Rendez-Vous, Frustfressen aus Liebeskummer, die Pädo-Prostitution einer Christiane F., Clockwork-Orange-Beklemmung und schlimme Teenager-Party-Außenseiterängste, wie sie auch eine Kevin Blechdom wahrhaftig durchlebt haben könnte – kurzum, das Leben in einer entmenschlichten Welt. Dieses mag zwar laut und erheiternd verpackt sein, besitzt aber in all diesen besungenen Facetten einen bitteren, oft auch autobiografischen Kern. Vor allem die psychische Störung mit ihren mannigfaltigen Ausprägungen rückt bei vielen Liedern auffallend in den Mittelpunkt: Europa neurotisch. Und selbst jegliche Fluchtversuche aus dieser Situation scheitern: Entweder enden sie profan im Stau oder sind ein unoffensiver oder gar selbstdestruktiver Rückzug nach innen. Cinemanie, Rauschmittel, subterrestrisches Partytreiben oder ein Exil auf dem Mars (letzteres übrigens aus der Feder von Jacno, der französischen, paranoiden „jeunes gens moderne“- Legende aus den frühen Achtzigern) beinhalten nur eine kurzweilige Ablenkung von einer absurden Welt. “Ich kann nicht mehr, und ich will nicht mehr, ich hab genug vom Leben“ aus dem Stück “Helft mir“ bringt es eigentlich unmissverständlich auf den Punkt, doch – und das ist die Tragik – wer stets nur scherzt, wird auf Dauer nicht mehr ernst genommen. Das ewige Dilemma des Klassenclowns.
Dieses Problem scheinen Stereo Total jedoch inzwischen selbst begriffen zu haben. Denn Francoise Cactus schreitet schon zur Tat, wenn sie in “Ne m’appelle pas ta biche“ in Bezug auf gängige animalische Koseworte offenbart: “Nenn mich nicht ‘Reh’ … all diese Spitznamen lächerlicher Tiere … ich hasse dich.“ Nun ist es also raus. Ob sich Frau Cactus verplappert hat oder aber tatsächlich einen verzweifelten Appell an uns, die Hörerschaft richtet, sie doch nun endlich auch für voll zu nehmen, vermag nur sie zu entscheiden. Nichtsdestotrotz sollten wir Stereo Total die Chance geben, sie als Band anzuerkennen, die hinter all der tatsächlich auch Spaß machenden Musik zeitgleich eine potentielle Tiefe besitzt.

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Elektronische Lebensaspekte.