Stereolab übersetzen seit 18 Jahren den technischen Fortschrittsglauben der 1960er in retrofuturistischen Psychedelic Pop. Jetzt klingen sie fröhlicher denn je.
Text: Nina Franz aus De:Bug 125


Stereolab übersetzen seit 18 Jahren den technischen Fortschrittsglauben der 1960er in retrofuturistischen Psychedelic Pop. Im Vergleich zu Spiritualized und Mercury Rev sind sie die süßlichen Space-Age-Ästheten, die den Sound der mittleren Beach Boys in die 90er übertragen haben. Jetzt klingen sie fröhlicher denn je.

Stereolab ist der Soundtrack zur Utopie. Man hört zwei Takte und fühlt sich erhoben und zu allem möglichen fähig. Projekte machen, Marx lesen, Martinis trinken in futuristischen Hotellobbies, modern wirken in Cordhosen, eine Expedition zum Mond wagen oder noch weiter weg. Nicht umsonst läuft diese Musik seit fast zwei Jahrzehnten in den Ateliers ungezählter Kunststudenten und wirkt etwa wie ein Gefühl von himmelhohen Glasfassaden inmitten mickriger Klinkerbauten.

Da ist diese aristokratische Französinnenstimme von Lætitia Sadier, die sich mal über einen geschäftig blubbernden Krautrock-Sound erhebt, mal im loungig-kühlen Jazzklang der 70er auf dem perfekt gepflegten Shag-Teppich bleibt. Dazu fiepen die Vintage-Synthesizer wie zufriedene Marssonden auf ihrem langen Weg durchs All. Diese Musik scheint nicht alt zu werden, sie will sich genauso wenig in die 90er Jahre des Post-Rock und Avant-Grunge einsperren lassen, wie man unmöglich sagen kann, welcher aufbegehrenden Jugendbewegung man ihren Klang zu verdanken hat.

Denn Stereolab haben nie verärgert geklungen oder pessimistisch. Immer haben sie eher ästhetisierend gewirkt als irgendeinem negativen Gefühl Ausdruck zu verleihen. Stattdessen ist da dieses optimistische Weltbild, entlehnt einer Zeit, als dem Moog-Oszillator noch zugetraut wurde, durch das Umlegen eines Schalters jede musikalische Errungenschaft seit Bach mühelos zu übertreffen. Einer Zeit auch, als erfolgreiche Weltraummissionen wie Volksfeste gefeiert wurden und Menschen in knapp geschnittener Kleidung sich in kapselartigen Wohnzimmermöbeln räkelten, in der zufriedenen Gewissheit, dass bald alle vom Fortschritt der Technik erfasst und dabei gut und wohl-designed aussehen würden.

Auf früheren Alben wurde der Zukunftsenthusiasmus der Space-Age-Ära subtil durch die Vibraphone und elektrischen Orgeltöne transportiert. Nie klangen Stereolab dagegen so enervierend fröhlich und aufgedreht gut gelaunt wie auf ihrem neuen Album “Chemical Chords“.

Wir treffen Stereolabs Tim Gane an einem sonnigen Samstagmorgen in einem Prenzlauer Berg Café, wo er sich gekonnt dem in diesem Stadtteil unvermeidlichen Kinderwagen-Bashing entzieht, zum Gespräch über das Weltraumzeitalter, Youtube und dem System hinter Stereolabs guter Laune.

De:Bug: Ich finde, dass die Musik von Stereolab sehr nach Architektur klingt, Chicagos Downtown-Bezirk etwa, LeCorbusier oder städtische Autobahn-Highways bei flüssigem Verkehr.

Tim Ganes: Tatsächlich denke ich über unsere Musik auf diese architektonische Art. Auf dem neuen Album gibt es ein Lied, das sehr dicht ist, und ich würde mir die dazugehörige Stadt wie Manhatten vorstellen oder wie das Zentrum Chicagos, sehr hoch und mit vielen Dingen, die sich hinein und heraus bewegen. Ich habe die Vorstellung, dass die Musik nach weit oben reicht und darunter dicht mit Leben angefüllt ist und nicht ausgebreitet ist und leer wie eine Vorstadt.

De:Bug: Seit zwei Jahren lebst du in Berlin. Der Rest der Band ist in die Welt vertstreut. Wie macht man da Musik zusammen?

Tim Ganes: Wir müssen das gut organisieren. Aber da wir für eine neue Platte praktisch nie proben, sondern bloß für Live-Shows, treffen wir uns meistens nur zum Aufnehmen neuer Alben im Tonstudio. Seit 2001 haben wir unser eigenes Studio in der Nähe von Bordeaux. Manchmal gehen wir auch in das Studio unseres Schlagzeugers in London. Vorher haben wir viel zusammen mit Jim O’Rourke und John McEntire in Chicago gearbeitet, aber zum Aufnehmen immer nach Chicago zu reisen, wurde uns auf Dauer zu aufwendig. Es hat so etwa neun Monate gedauert, dieses neue Album aufzunehmen. Wir sind dabei ständig hin und her gereist.

De:Bug: Ihr zieht euch also öfters aufs Land zurück, um zu arbeiten. Trotzdem klingt ihr sehr städtisch. Würdest du eure Musik als urban bezeichnen?

Tim Ganes: Ja, obwohl sie auf dem Land aufgenommen wurde. Der größte Teil der Musik, mit der ich aufgewachsen bin, angefangen mit Punk, ist sehr urban. Oder zumindest handelt sie von urbanem Verfall oder von Dingen, mit denen du ständig zu tun hast, wenn du in einer großen Stadt wohnst.

De:Bug: 1992 erschien ein Album von Stereolab, das “Space Age Batchelor Pad Music” hieß, also Space-Age-Musik für die Wohnungen allein stehender Männer. Wie würde die Musik heute heißen?

Tim Ganes: Auf jeden Fall anders. Dieses ganze Album handelte von ausgedachten Arten von Musik oder Genres. “Space Age Batchelor Pad Music” heißt, ein Mann legt diese Space-Age-Musik in seiner Jungesellenbude auf, um damit die Frau zu beeindrucken, die er mit nach Hause bringt, um sie zu verführen. Der Name bezieht sich speziell auf eine Stimmung Ende der 50er Jahre bis zur Mitte der 60er Jahre, als die neuen Hifi-Technologien aufkamen und mit einem neuen urbanen Lebensstil zusammentrafen.

Tim Ganes: “Space-Age” bedeutet ja, dass etwas bestimmtes in die Zukunft projiziert wird, und hat eigentlich nicht sogleich etwas zu tun mit allein stehenden Männern. Als Name für dieses ausgedachte Genre funktionierte die Kombination ganz gut. Aber das war 1992, jetzt leben wir in einer völlig anderen Zeit, einer Zeit, in der man sehr viel informierter ist, allen möglichen Musikrichtungen gegenüber offen ist, sei es über Tonträger oder durch das Internet.

De:Bug: Es scheint, als ob diese ganze Vorstellung eines “Space Age” von Anfang an reine Nostalgie war. Auch eine Art Versprechen einer mit geschmackvollem Design und genialer Technik angefüllten Zukunft, die allerdings niemals eintrat.

Tim Ganes: Ja, aber es war tatsächlich das Versprechen einer Zukunft. Und damit ging es immer um die Gegenwart, um eine optimistische Sicht nach vorn. Und darum mochte ich es so gerne, denn damals Anfang der 90er, und scheinbar sogar noch stärker jetzt, hatten die Leute oft so eine negative Sicht auf die Zukunft. Heute sind wir tatsächlich in der Zeit angekommen sind, die die Leute sich früher als Zukunft ausgemalt hatten. Damals stellte man sich Geräte vor, aus denen Musik kommen würde wie Wasser aus dem Wasserhahn oder Strom aus der Steckdose. Das gab es damals nicht, aber 50 Jahre später ist all das selbstverständlich.

De:Bug: Könnte es sein, dass das neue Album besonders fröhlich klingt und optimistisch?

Tim Ganes: Ja, ich wollte, dass es optimistisch klingt, ich wollte definitiv keine langsamen Lieder haben. Ich wollte kurze, schnelle Lieder, die fröhlich klingen.

De:Bug: Mitte der Neunziger gab es eine Menge Bands, die sehr verschieden voneinander waren und doch etwas bestimmtes gemeinsam hatten, eine gewisse Smartheit und gleichzeitige Verschrobenheit. Etwa Pavement, Mouse on Mars, The Sea and Cake oder Stereolab. Ich kann es nicht richtig erklären, doch diese Bands einte eine gewisse Zerstreutheit, die man heute seltener antrifft.

Tim Ganes: Mir ist aufgefallen, dass in Zeiten von MySpace Bands von Anfang an eine eingebaute Kommerzialisierungs-Antenne haben müssen. Dieses Element der extremen Selbst-Präsentation gab es nicht vor 10 oder 15 Jahren. Ich glaube nicht, dass wir, als wir anfingen Musik zu machen, dabei in irgendeiner zielgerichteten Weise an unser Publikum dachten oder wie wir uns selbst am besten vermarkten. Heutzutage benutzt niemand mehr die Phrase “Selling-Out”, weil das absolut gängige Praxis geworden ist. Es bedeutet nichts mehr – Selling-Out ist ein Begriff aus den 70er Jahren, stimmt’s? Sogar Bands, die nicht kommerziell sind, denken in hohem Maß an die Wirkung, die sie nach außen hin haben, und wirken dadurch natürlich gleich viel weniger verschroben und exzentrisch. Durch das Internet fließt so viel mehr Wissen in den Entstehungsprozess mit ein. Das war definitiv anders, als wir angefangen haben, Musik zu machen.

De:Bug: Das Gegenteil dieses permanent abrufbaren musikalischen Gedächtnisses wäre möglicherweise so etwas wie Innerlichkeit? Dass man von dem erzählt, was in einem selbst vorgeht, statt erst mal nach außen orientiert zu sein und sich dort direkt in ein Bezugsfeld rücken zu müssen.

Tim Ganes: Ja natürlich. Man hat sich mehr an den Leuten in der direkten Umgebung orientiert statt an den Leuten, die einen potenziell auf YouTube sehen. Bands sind immer kleinen Communities entsprungen. Nun ist die soziale Welt globalisiert, was ja überhaupt nicht schlecht ist. Es hat auch damit zu tun, wie Musik kommuniziert wird. Inzwischen ist der Prozess der Kommunikation und des Verkaufens genauso wichtig wie der tatsächliche Inhalt der Sache selbst.

De:Bug: Stereolab sind oft in Bezug auf ihre Einflüsse besprochen worden. Welche Rolle spielt das Fan-Sein im Prozess des Musikmachens für euch?

Tim Ganes: Es ist das Lebensblut, es fließt durch alles, was du machst. Ich habe gestern noch “Never Mind the Bullocks” von den Sex Pistols auf Platte gekauft, weil ich unbedingt diese Musik noch einmal hören wollte.
http://www.stereolab.co.uk

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Elektronische Lebensaspekte.