Dass in Wien die Uhren anders ticken, weiß man nicht erst seit ”Bum Rush The Discotheque“: Auf der Suche nach dem dritten Mann ist man bei G-Stone nicht etwa Orson Welles-mäßig im Siel-Untergrund fündig geworden. Vielmehr hat sich eines Sommers ein Mann bei den K-&-D-Gesellen eingefunden, alte Freundschaftsfäden aufgenommen und später das edle Goldschmiedehandwerk auf Soundarchitekturen übertragen. Stefan Moerth heißt der Mann.
Text: kay meseberg aus De:Bug 62

Fusion

Der Dangerous Guy mit den Nebelkerzen
Stereotyp

Darf man mit einem Abstand von vier bzw. zwei Jahren schon von damals sprechen? Es drängt sich bei Stefan Moerth aka Stereotyp irgendwie auf. Vor vier Jahren hat er mit der “Stash It“-EP einige Zeitgenossen verwirrt, die ersten Nebellichter gesetzt. Komplexe Beats, volle Sounds, nur haben es zu jener Zeit die wenigsten verstanden. Und zwei Jahre später rappelt es wie aus dem Nichts in der Kiste. Die Ode an die Dub-Club-Abende im von der FPÖ bedrohten ”Flex” machte die Floorgemeinschaft hibbelig – aus der “Was ist das denn“-Erstarrung heraus gab es kein Halten mehr und das große Schubsen um den besten Platz auf der Tanzfläche setzte ein. Ein Track, so pogonah und deep und lefty. Verdammt: Wer ist dieser Typ, der hier das Soundsystem neu erfunden zu haben schien. Diverse Remixe später nun “My Sound“ von Stereotyp. Und wieder dreht es sich im Kopf, weil schon wieder nicht das Erwartete abgeliefert wurde: sondern erst in Nebel gehüllt und dann nach vorne geprescht. Songs, Songs und noch mal Songs statt einer Perlenkette der Floorkiller. Es dreht sich so sehr, dass Tikiman nicht anders kann, als “Stereotyp You Are Dangerous“ zu singen. Tja, und so schnell hat der Stefan seinen unerhört spaßig gemeinten Spitznamen weg: Der Dangerous Guy. Ob das so ohne sein erlerntes Handwerk gewesen wäre? “Vielleicht habe ich durch die Goldschmiederei keine Scheu vor dem Zerschneiden. Es geht darum Dinge zu verkleinern, zu konzentrieren, genau zu arbeiten. Es war im Nachhinein eine Vorbereitung aufs Sample-Schnitzeln, kleine Cuts machen. Und Sitzfleisch habe ich bekommen.“ Und gerade das braucht er bei seiner Arbeitsweise: “Die Konstruktion ist oft zu überladen. Dann fange ich an zu schneiden und trotzdem sind es dann noch 60 Spuren. Weniger ist mehr. Den Satz habe ich gern, alles auf das Wesentliche runterarbeiten. Ich bin von dem Verspielten weggegangen und bin minimaler und freier geworden.“

Zurück zum Dom trotz Green Card

Zur neuen Freiheit hätte es aber nicht kommen müssen. Als der eher extrovertierte Stefan Moerth 19 Jahre alt ist, lernt er den eher leisen Peter Kruder kennen. Damals steckte noch wirklich alles in den Kinderschuhen und die Jungs werden noch nicht zu dem, was man dicke Freunde nennt. Der Stefan geht für fünfeinhalb Jahre nach New York, entdeckt mit Green-Card-Heirats-Syndrom Dancehall und Ragga für sich und der Peter macht mit dem Richard eine EP, die schlicht einen High Noon der elektronischen Musikgeschichte bedeutet. Alle drei lies das Entdeckte und Erschaffene nicht mehr los. Doch während sich die Herren Kruder und Dorfmeister seitdem mit Händen, Füßen und allen anderen Mitteln gegen Cliches verteidigen müssen, kreuzt Stefan Moerth mir nichts dir nichts in Wien wieder auf. Man lernt sich richtig schätzen. Bzw. wächst da ein neuer G-Stone-Künstler heran, der das Downbeat-Duo neu verlinkt. Stereotyps Sound macht aus der alten Dub-Liebe des Richard Dorfmeister und der Zukunftskonsequenz Peter Kruders etwas, was den Marsch durch die Institutionen antritt, alle Wiener-Melange-Sound-Besitzergreifer mit Unkenntnis straft. Im K-&-D-Sommer-Camp lernt der Stefan vom Peter, der ihm weiland so viel wie der Bruder einer anderen Mutter bedeutet, die ersten Skills. Hier richtet er sein erstes eigenes Studio ein. Das liegt aber nicht an dem mutmaßlichen Hauch, der hier nun legendengleich schweben sollte. Nein. Das Sommer-Camp befand sich im ”Zirkus Moerth”, wie Peter Kruder dieses urbane Fleckchen mit Vorderhaus, Hof und Hinterhaus nennt: Dort, wo drei alte und sechs junge Katzen mit einer Schildkröte und Mutter Moerth und ihren zwei Söhnen und Enkeln leben. Doch statt Nesthockerei bei Moerthens geht es um Aufrichtigkeit, wie Stefan Moerth versichert: “Meine Mutter ist super frei. Sie weiß alles. Sie gießt meine Pflanzen, wenn ich mal wegfahre. Sie freut sich über das Album.“

Ich habe eine Platte gemacht

Das Album hat das gebaute Ensemble mit neuem Leben gefüllt, denn jeder Track hat einen Vokalisten. Doch statt heftigem Türenklappen ging alles seinen Wiener-Gang. “Wenn wir im Studio etwas aufgenommen haben, dann sah das meist so aus, dass wir erst zum Italiener bei mir an der Ecke gegangen sind. Nach einem guten Essen und gutem Wein und einer Tüte haben wir uns dann in aller Ruhe ins Studio gesetzt. Die Grundidee ist, dass man sich bei dem, was man macht, gut fühlt.“ So also landet man nicht in der erwarteten hektischen Breakbeat-Dub-Techno-Komplexität. Vielmehr hat sich Stereotyp mit seinen wichtigsten Einflüssen aufs Boarding vorbereitet. “Als ich angefangen habe Musik zu machen, fand ich Rhythm & Sound super, wie eine Bombe. Das ist so genial. Mit so einem Typen musst du was machen, habe ich mir gedacht. Und drei Monate später saß Tikiman bei mir im Studio. Bei Rhythm & Sound geht es nicht um einen Track. Es geht um Mood. Deshalb habe ich einen der Burial-Mixe für eine Zeit immer in der Frühe zum Aufstehen gehört.“
Begeisterung entfiel bei den Aufnahmen auch auf Hubert Tubbs, der 54-jährige Gast auf “My Sound“. Der Mann, der den guten Stefan Moerth im Basketball schlecht aussehen lässt, fühlte sich bei Moerthens wohlig überrascht: “I was surprised. It was a little bit of another orbit for me.“ Und die Arbeit hat sich gelohnt: “Stefan got soul now.“ Für den 30-jährigen Stereotyp ist das Album noch mehr. “Das ist das erste Teil, das ich zu Ende gebracht habe, das ich mag.“ Doch die Nebelschwaden sind schon wieder gelegt, denn der letzte, der hidden Track auf “My Sound“ deutet den nächsten Schwenk an: soundtracklike.
Ende gut, alles gut? Nicht ganz! Denn Stereotyps Teststrecke ist in Gefahr. Im Flex testet er seine Tracks, die er eigentlich für das dortige Soundsystem programmiert. Hier checkt er, ob es den “Subwoofer zerhaut“. Blöd nur, dass eine FPÖ-Zeitung gerade gegen das Flex kampagniert, Unterschriften für die Schließung sammelt. Die üblichen kleinbürgerlichen Verdächtigungen: Drogenumschlagplatz und so. “Die wollen das Flex zusperren, aber daraus ist alles in Wien entstanden. Es herrscht ein komplett geschissener politischer Vibe hier.”

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Elektronische Lebensaspekte.