Text: tjoss may/jörg calsen aus De:Bug 22

Dr. med. Schnittstelle “Neuroprothesen auf die Toilette” Jörg Clasen ”Der blinden Augen öffnet sich dann, der Tauben Ohren tut sich auf. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf…” (Jesaia) Wer kennt nicht das resignierte Gemaule der eigenen Großmutter, auf den Mond könnten sie fliegen, aber machen, daß sie besser sieht, das gehe nicht? Und wozu solle sie denn erfahren, was der Ötzi zuletzt gegessen hätte, wenn sie nicht mal mehr ihre Defäkation im Griff habe? Ja und hat sie denn da nicht irgendwie auch recht? Es erscheint uns doch wirklich so, als würde das technologische Fortkommen der Menschheit in erster Linie an Errungenschaften von Pathfinder-Marssonden über immer noch schnellere Prozessoren bis hin zu elektrischen Brotmessern mit Schärfegarantie gemessen. Es gibt sie aber, die technisch-medizinischen Schnittstellen, und es gibt sie schon lange. Bereits seit über 40 Jahren übernimmt ein elektrischer Baustein die Impulsgebung am Herzen, der Herzschrittmacher, dem allein in Deutschland 210.000 Menschen ihr Leben verdanken. Beim Cochlea-Implantat übernehmen Mikrophon und Sprachprozessor die Funktion von Trommelfell und Hörknöchelkette, was ehemals Tauben alltagstaugliches Hören ermöglicht. Durch den Einsatz elektronischer Sensoren, dem sogenannten Retina-Implantat, soll es in Zukunft möglich werden, Blinden zu neuem Augenlicht zu verhelfen, man ist hier bereits so weit, daß die Patienten hell und dunkel unterscheiden können, und glaubt in naher Zukunft soweit zu sein, daß beispielsweise eine Tür von einem Fenster unterschieden werden kann, was ja auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheint. Einem besonders ehrgeizigen Projekt hat sich allerdings eine Forschergruppe im englischen Surrey verschrieben. Sie versucht, bestimmte muskuläre Körperfunktionen wiederherzustellen. Hierbei sollen Mikroelektroden die Arbeit von zerstörten oder geschädigten Sinnesorganen übernehmen. Beispielsweise könnten so motorische Endplatten ersetzt werden, die die Information vom Nerven an den Muskel weiterleiten, oder einfach gesagt, Lahme könnten wieder gehen – später mal irgendwann. Das Problem, das sich stellt, ist aber wohl weniger die Umsetzung einzelner Funktionen als vielmehr die Koordination eines Bewegungsablaufes, denn das bloße Krümmen des kleinen Fingers erfordert die Verarbeitung einer Vielzahl von Informationen, so etwa der Stellung einer Gliedmaße im Raum, des Spannungszustands und der erforderlichen Vorspannung der betroffenen Muskeln, der gleichzeitigen Erschlaffung der Gegenspieler und einiges mehr – eine Aufgabe, die im menschlichen Organismus von der Vernetzung von Spindelapparaten, Großhirn und Kleinhirn übernommen wird. Man hat in dieser Hinsicht ganz erstaunliche Fortschritte zu vermelden. Bereits heute können Patienten mit einer Querschnittslähmung, die ihre Blasenfunktion nicht mehr willentlich beeinflussen können, die Kontrolle darüber mithilfe des Einsatzes elektronischer Sensoren zurückerlangen. Der Füllungszustand der Blase wird mittels Sensoren gemessen und dem Patienten angezeigt, der dann per Knopfdruck einen mechanischen Sphinkter am harnableitenden System betätigen kann. Damit wird infektionsträchtige Dauerkatheterisierung überflüssig, was nicht nur eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität bedeutet, sondern sich gleichfalls lebensverlängernd auswirkt, denn durch das “Überlaufen” der Blase beziehungsweise durch Infekte im Bereich des Katheters kommt es nicht selten zu lebensbedrohlichen Entzündungen der Harnwege und der Nieren. Leider noch völlige Zukunftsmusik ist der Chip im Hirn, der entweder cerebrale Funktionen übernimmt, die im Argen liegen, oder den Intellekt des Menschen erweitert, so eine Art Arbeitsspeicher-Aufrüstung im Kopf. Die damit beschäftigten Forscher gehen in ihren kühnen Träumereien sogar soweit zu hoffen, man könne Chips entwickeln, die die cerebral ausgegebenen Befehle – zum Beispiel zur Bewegung einer Extremität – aufnehmen und weiterleiten. Je nach Lokalisation der Schädigung kämen Hirnprozessoren oder Nervenleitungsüberbrückungen zum Einsatz, die tatsächlich Gelähmten das Laufen ermöglichen könnten. Eines der Hauptprobleme bei der Umsetzung: die Impulse aus dem Hirn werden getragen von Ionen, die der Siliziumchips dagegen von Elektronen, ein Austausch der Information ist also extrem schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Ein anderes großes Problem ist die Frage nach dem Material. Wenn man bedenkt, daß es bei Mensch-zu-Mensch-Transplantationen schon häufig zu Abstoßungsreaktionen kommt, wird klar, daß dies Phänomen bei körperfremden Materialien noch viel größer ist. Hinzu kommt noch, daß die Chips möglichst klein sein müssen und keine giftigen Bestandteile enthalten dürfen. Leider weiß man auch noch nicht, wie man die milliardenfache Vernetzung zwischen Mensch und Prozessor bewerkstelligen soll. Aber mit Sicherheit ist das alles nur eine Frage der Zeit. Die Zukunft könnte so aussehen: Ich rufe dich nicht an, um dich um einen Gefallen zu bitten, ich schicke dir einfach eine Mail, die über die Infrarotsensoren deiner Retina ins Hirn gelangt, sperre deine Zugriffscodes auf deinen eigenen Cortex, und du wirst für den definierten Zeitraum zum Spielball meiner Willkür. Der Preis für Großmutters fröhlichen Toilettengang könnten also willenlose Kampfmaschinen sein, ferngesteuerte Killermaschinen und eigenantriebsamputierte Werkzeuge der Bourgeoisie – aber keine Angst, Oma, daß ist es uns wert.

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Elektronische Lebensaspekte.