Poker Flat- und Dessous-Labelchef Steve Bug hat seine Arbeitsfelder gebündelt und seine Sounds gleich mit. Auf seinem neuen Album ”Sensual" klingt er so aufgeräumt wie nie. Der Mann hinter einem der stilbildensten und umtriebigsten Houselabel Deutschlands gibt Auskunft über die fette Lücke.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 64

Vom Käfer zum Phaeton
Steve Bug

Kaum etwas ist so schwierig, wie fett zu klingen. Ok, man mag es einfacher haben, wenn es um Breaks geht, um Basslines, wenn die Speaker einen so einmümmeln und die Augenlieder schwer sind, aber wenn allein eine klare Bassdrum schon so dermaßen nach Groove klingen soll wie z.B. auf Steve Bugs neuer EP “That Kid” von seinem Album ”Sensual”, dann beißt man sich eher die Zähne aus, als dass man irgendeine vernünftige Erklärung dafür findet, was das eigentlich ist. Fett.

Steve Bug kommt aus einer Generation von Producern, die lange genug Zeit hatten, genau darüber nachzudenken. Als einer der ersten, die Minimales und House irgendwie zusammenbrachten, noch bevor überhaupt groß die Rede von Minimal House war, und in einer Szene, in der House aus Deutschland mehr noch erahnt werden musste, standen Steve Bug-Tracks immer für diese Mischung aus Reduktion und Groove. Der Mut zur Lücke. Mittlerweile ist man es ganz schön leid, über Minimalismus zu reden, einfach schon, weil es so aufgeplittert ist, dass da kaum noch ein Phänomen draus zu machen ist und sich eh jeder Track ganz anders anhört, glücklicherweise, denn man weiß ja, wo man ist, nach einem Genre.

Nachdem Raw Elements, das Label, auf dem seine ersten Tracks erschienen, eingestellt wurde und (er hatte damals schon mit seinem housigeren Offshot Dessous begonnen) mit Poker Flat ein Label entstand, auf dem nicht nur er releast, sondern eine Gruppe von Leuten, für die aber dennoch Steve Bug steht, weil er mit seinem Geschmack und seiner Geschichte den Sound des Labels zusammenhält, macht er einen Hit nach dem anderen. Und erst Märtini Brös, dann Martin Landsky und jetzt Glowing Glisses folgten schnell. Und selbst in einem Umfeld von knarzenden Plattenverkäufen geht es ihm, wie den meisten der Label, die sich irgendwo über Jahre ein sicheres Profil erarbeitet haben, sehr gut. Nachdem er sich aus dem geschäftlichen Handling von Dessous ausgeklinkt hat und sich nur noch um die Artists und die Tracks kümmert, kommt Steve Bug auch immer mehr dazu, sich um seine und die Musik anderer zu kümmern und treibt diese Idee von House weiter, die sich um eine Tiefe und Phattness kümmert und die Funktionalität eher von dort aus entstehen lässt, als sie als Ideologie zu kalkulieren, wie es bei vielen, die eher aus einem Techno-Umfeld kommen, nahe liegt, dennoch aber mit einer Klarheit rangeht, die sie komplett von deeperen Houseansätzen aus Amerika, Frankreich und vielen anderen Szenen unterscheidet.

DeBug: Wohin glaubst du geht es musikalisch mit Poker Flat?

Steve Bug: Schwer zu sagen. Ich weiß ja, was an Material kommt und auf was ich so stehe zur Zeit, aber ich hab das Gefühl, dass Poker Flat immer breiter gefächert wird. Es geht immer weiter weg von einem bestimmten Sound, aber für mich passt es trotzdem immer noch alles sehr gut zusammen, ohne dass es alles das Gleiche sein muss. Label wie Forcetracks haben das enger gestrickt, da sind wir eher weit, aber dennoch in einem Topf. Vielleicht kommt es auch nur mir so vor, weil es eben mein Geschmack ist.

DeBug: Bei dir wird es aber dennoch immer konzentrierter. Man hat bei jeder neuen Platte immer das Gefühl, es ist noch aufgeräumter, noch klarer.

Steve Bug: Ehrlich gesagt, finde ich, dass ich wesentlich mehr Elemente als vorher habe. Ich arbeite nicht mehr mit Samples, also abgesehen von Beatsamples, die nehm ich immer, weil ich einfach keine 909 habe und die Sounds ja auch nicht mehr hören kann. Und alle anderen Sachen mache ich mit Synthies. Früher habe ich auch Basssounds gesampled, aber wenn es aus dem Synthie kommt, dann kann man viel mehr damit machen. Sie klingt dann auch in allen Tonhöhen gut. Das war so der größte Schritt für mich. Es klingt einfach alles besser. Es klingt vielleicht dichter, aber eigentlich ist es voller als vorher.

DeBug: Könnte wirklich an den Sounds liegen. Aber auch die Effekte: Wenn sie kommen, dann sind sie sehr spärlich.

Steve Bug: Das stimmt. Das kann auch sein, weil mir ein Effektgerät ausgefallen ist. Das hat mir manchmal gefehlt. Ich will jetzt nicht weinen, aber wenn ich es gehabt hätte, weiß ich, dass einiges anders geklungen hätte. Eigentlich bin ich aber eh immer schon sehr vorsichtig mit Effekten.

DeBug: Vor allem klingen deine Tracks aber extrem ausproduziert.

Steve Bug: Das finde ich nicht. Ich bin noch lange nicht zufrieden. Martin Landsky meinte auch vorm Mastern zu mir, dass die alle schon fertig klingen würden, aber mir reichte das noch alles nicht. Nach dem Mastern ist es immer noch nicht ganz so. Aber das ist auch gut so. Wenn man wirklich zufrieden ist, 100%, dann kann man auch aufhören. Glaube ich.

DeBug: Naja.

Steve Bug: Doch, das ist so ein Punkt …

DeBug: … aber auch eine sehr theoretische Geschichte …

Steve Bug: … na klar. Aber so hat man immer noch etwas, woran man feilen mag. Wenn man weiß, woran man feilt, dann entwickelt sich auch etwas. Für mich ist es wichtig, dass ich mich selber gefordert fühle. Sonst bin ich schnell gelangweilt von Sachen.

DeBug: Es ist auffällig, dass ein paar Tracks in Richtung frühe 90er gehen.

Steve Bug: Weil da mein Herz tatsächlich auch immer noch hängt. Ohne auf der Zeit hängen geblieben zu sein. Da gab es sehr viele Tracks, die mir extrem viel gegeben haben, wonach ich heute suche. Das habe ich versucht, in die heutige Zeit umzusetzen.

DeBug: Kannst du da Beispiele nennen?

Steve Bug: Ja, aber es ist schwer, manches sind ja auch noch End-80er-Tracks. Mr. Fingers “Can You Feel It” z.B. Es geht eher um Wärme, die fehlt mir. Basslines fehlen mir auch oft. Ein wenig das, wofür Nu Groove stand, damals. Tracks, die einfach auch mal lange laufen können, die total deep sind und einen wegtragen, die nicht so gleich nach vorne gehen. Wobei manchmal auch die Leute mit solchen Tracks auf der Tanzfläche schwer zu kriegen sind, aber wenn, dann hat man sie richtig.

DeBug: Dafür gibt es ja auch richtige Ravenummern auf “Sensual”. Der erste Tracks z.B.

Steve Bug: Ja, definitiv. Ich hab zwischendurch schon überlegt, ob ich das noch releasen will. Als es dann um das Releasedate ging, war mir das schon zu spät.

DeBug: Wie entstehen die Tracks mit Richie Hawtin?

Steve Bug: Die haben wir in Amerika gemacht. Auf meiner letzten USA-Tour. Er hatte gefragt, ob wir nicht was machen wollen. Da ich vier Tage Zeit hatte, bin ich bei ihm vorbeigefahren und wir haben 3 Tracks zusammen gemacht. Einen hat er geeditet, (“Lowblow”), an zwei anderen hat er sich versucht, ich sitze an einem. Lowblow ist mehr Richie pur, bei den anderen hört man mehr von mir. Es war eine super Zusammenarbeit. Manchmal ist das ja nicht so leicht.

DeBug: Wie macht ihr es?

Steve Bug: Da es in seinem Studio war, konnte ich nicht ganz so viel machen, da er sein Studio ganz anders aufgebaut hat als ich. Bei ihm läuft alles über die 909 und er spielt auch die Samples darüber. Für die letzten Tracks habe ich aber dann doch Sachen über Computer eingespielt. Er benutzt auch andere Synthies und sein Modularsystem, und wenn man sich mit Sachen nicht auskennt … Mit Nick von Common Factor habe ich auch etwas gemacht. 2 Tracks hier und einen in Chicago. Kurz danach ist der “Mix and Moods” entstanden, der einiges noch von dieser Zusammenarbeit hat. Die Art, Beats zu setzen, und dass einiges da übereinander liegt, was ich sonst nicht übereinander spielen würde. Weil ich ja eher nach der Lücke suche, um den Sound zu spielen.

DeBug: Amerikaner suchen eh nicht so oft nach der Lücke.

Steve Bug: Grade die Houser nicht, ja, aber das macht dann auch grade das aus, was es ist bei denen. Mehrere Sounds auf der gleichen Zeit, das finde ich selber auch sehr gut, mache es aber alleine komischerweise selten. Ich muss mich dazu zwingen.

DeBug: Die ganzen digitalen Geschichten, das Clickrige, das DSP-Zeug, vermeidest du das absichtlich, magst du das gar nicht hören, oder ist es einfach auch nicht in deinem Setup?

Steve Bug: Ich mag es teilweise hören, weil ich finde, dass es einen sehr eigenen Sound hat, manchmal ist es mir auch zu kühl, aber ich habe auch nicht die richtige Audiokarte, um fette Sounds aus dem Computer zu holen. Es gibt so ein paar Sounds, die ich mal benutzt habe, aber eher so im Hintergrund, aber ich bin dabei, weiter aufzurüsten und eine neue Soundkarte zu holen und den Sampler dann etwas zu befreien. Die Filterfunktionen sind ja dann doch einfacher, und der Sampler auch. Oft finde ich die Produktionen aber auch alle etwas zu ähnlich. Man hört schwer raus, wer es gemacht hat, aber ich weiß noch nicht, woran das liegt. Vielleicht ist es die Ästhetik, die der Computer vorschreibt, und dass dann doch eigentlich wenig Spielraum da ist. Oder die Soundvorlieben sind einfach ähnlich bei vielen. Es gibt Tracks, die spiele ich gerne, aber viel hab ich davon nicht.

DeBug: Es geht ja bei vielen DJs zur Zeit auch wieder stärker in eine klassische Houserichtung.

Steve Bug: Definitv. Aber sie waren auch nie wirklich weg. Es gab nur weniger Tracks eine Zeit lang.

DeBug: Wie sieht das Schedule für dein Label in nächster Zeit aus?

Steve Bug: Es kamen ja jetzt die ganzen Alben, Märtini Brös, meins, Vincenco, und dazu wird es eine Reihe von Remixen geben. Brooks und Detroit Grand Pubahs machen “Hot” von den Märtini Brös, Charles Webster und JT Donaldson Tracks vom Vincenco-Album, von “November Girl” gibt es Rob Mello- und Martin Landsky-Remixe, dann erscheint im Herbst das Album der Glowin Glisses mit Larry Heard- und Justus Köhnke-Remixen, wir machen eine neue Serie, die Tournament heißt mit Acts, von denen wir erst mal nicht eine ganze 12″ releasen müssen, und auf Dessous gibt es noch ein Vocal-Projekt von einem schwedischen R&B Produzenten namens David Panda.
Für Dessous ist es grade schwieriger, Leute zu finden. Auf Poker Flat ist es einfacher, da kommen auch viel bessere Demos. Mit Glowing Glisses, Martin Landsky, mir und den Märtinis haben wir ja vier Leute allein aus Berlin. Dessous ist schwer auf der Suche. Coole Tracks mit Vocals, ohne dabei cheesy zu werden, das ist schwer. Ein Act ist uns grade vom Major weggekauft worden. Grade in Deutschland ist es auch sehr schwer in dieser Richtung. Aber es kommt ja das Album von Vincenzo und immerhin haben wir die Tojami Sessions, auf die zähle ich da im Moment. Gamat haben sich mehr oder weniger getrennt, Tanzmann hat auch sein eigenes Label und sein Soloalbum kommt wohl nicht so richtig.

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Text: jan joswig [janj@de-bug.de] aus De:Bug 34

Minimale Struktur, maximales Rocken Steve Bug COVERTEXT VORLÄUFIG Wenn jemand mit der Partytür ins Minimalhouse fällt, dann Steve Bug. Rave, Trance, Minimal: Ein Loverboy muss nichts ausschliessen. House über allen Stühlen. ANFANG Stop! In the name of Psychologie. Ist man darauf konditioniert, sich der Kontrolle der Musik auszuliefern, oder darauf, die Musik der eigenen Kontrolle zu unterwerfen? Konditionierung 1 treibt einen auf den Trance-Floor, Konditionierung 2 auf den Minimal-Floor. Trance: Verschleierung der Produktionsweisen und der musikalischen Reizmuster zur maximalen Verführungsleistung für Tänzer, die von sich selbst befreit werden möchten. Auch eine bewusste Rezeptionsentscheidung, sich unbewusst überwältigen zu lassen. Minimal: Transparentmachung der Produktionsweise und radikale Reduktion bekannter musikalischer Reizmuster für Tänzer, die so intellektuell eitel sind, auch im Tanz die geistige Selbstkontrolle nicht verlieren zu wollen. Hoppla, schon wieder gegen die ästhetische Grenze gestossen und aufgewacht. Die Entscheidung für eines von beiden hängt davon ab, wie emphatisch man einem Begriff wie Aufklärung anhängt resp. wie zwangsdiszipliniert man ist. Ist der Trance-Hörer der wahre transaufklärerische Aufgeklärte, der Preussens Gloria endgültig überwunden hat? Tanzen Minimal-Hörer hingegen mit der Pickelhaube auf dem Kopf und dem Vatermörder um den Hals? Die verinnerlichte Kontrollgesellschaft? Dieser Grundsatzfragen wegen müssen nordeuropäische Bürgerkinder Drogen nehmen – und Steve Bug hören. Niemand hilft einem so beim postaufklärerischen Überwinden KantÕscher Ressentiments wie der Magier of Minimal, Steve Bug. Vade retro, affektfeindliche, körperskeptische Kontemplationshaltung. Steve Bug radikalisiert das nackteste Ausstellen der Produktionselemente, aber dennoch erreicht er die volle Überwältigungsleistung: minimale Struktur, maximales Rocken. Und unmerklich ist der Minimalhörer in der Willkür des Steve Bug-House dem Trance-Effekt ausgeliefert. Mayday Eigenkontrolle, ich übergebe an die Musik. COVERENDE Minimalhouse und Trance liegen bei Steve Bug ganz dicht aneinander, psychologisch und nicht musikästhetisch festgehalten. Mit seinem minimalen Rocken ist Steve Bug der Führer ins gelobte Land für alle verklemmten Brillenträger, die selbst nach drei infantilen Martinis noch zusammenzucken, wenn man ihnen erzählt: “Das mache ich alles aus dem Bauch.” Für mich zum Beispiel. Und spätestens seit dem monumentalen “Loverboy” sind die Pillenbibis mit Schnuller und gelber Stachelfrisur schon vorher da. Trance im Kopf, nicht in der Musik Liegt das daran, dass Steve Bug nie wirklich einen Grund gesehen hat, eine Grenze zu seiner Vergangenheit bei Superstition, Hamburgs Tranceausfalltor Nummer 1, zu ziehen? Von Anfang an, von “Bugwahn” und “Mein Bug Dein Bug” auf Superstition Special, bestimmt eine persönliche Vorliebe für die Reduktion auf die Basics, von der Wohnzimmereinrichtung bis zur Musik, und die notgedrungene Beschränkung durch das spartanische Equipment seine Produktion, nie der aufklärerische Drang, reflexiv über die eigenen Arbeitsmethoden Rechenschaft abzulegen. Minimalhouse ist nicht das konträre Akademikerangebot zu Trance. Trance ist Hedonismus, Minimalhouse ist Hedonismus, da bedarf es keiner Dialektik. Steve Bug denkt bei seinen Produktionen immer den “extrem hysterischen Partyabend, bei dem man auf Alarm spielt” mit. Als Tänzer und DJ will er den “Film beibehalten, der einen in Trancezustand versetzt”; “Trance im Kopf, nicht in der Musik”. Sein erstes eigenes Label Raw Elements startet er 96 als Autorenlabel mit gelegentlichen Gastauftritten. Neben Steve Bug etabliert sich vor allem der Hamburger Vincenco als Raw Elements-Künstler. Zwischen Mitdenken und Durchsetzen der Gleichsetzung von Maximalexzess und Minimalhouse besteht allerdings ein Unterschied. So verläuft die Anfangszeit von Raw Elements nicht ganz schattenlos. Steve Bug muss Kommentare einstecken wie: “Was ist das denn, da ist ja gar nichts drin in der Musik.” Immerhin arbeitet er zu einer Zeit – seit 95 mit Tracks unter eigenem Namen – mit dem Reduktionsmodell im Housegenre, zu der dieses Modell noch exklusiv in Techno eingesetzt wird. Mit jemandem wie C-Rock hätte er sich glatt als die deutsche Houseantwort auf die Detroiter Belleville Three fühlen dürfen: die German Flachland Two (na gut, eine wirkliche Verbindung gibt es zwischen Hamburg und Frankfurt nicht). Aber sich trotzig hinter einem Avantgarde-Selbstverständnis zu verschanzen, widerspricht Steve Bug völlig: “Avantgarde? So habe ich mich nie gesehen. Eher von der lustigen Seite: man macht Tanzmusik.” Und spätestens 97 mit dem “Volksworld”-Album und den zwei Mix-CDs “Steve Bug presents: Da Minimal Funk Vol 1+2”, deren Titel völlig korrekt die verbindende Klammer eines Sets nennt, der sich gegen die Trennlinie zwischen House und Techno stellt, hat auch die Hörerwelt begriffen: das ist Tanzmusik. Vincencos und Steve Bugs Musikentwürfe driften allerdings stetig auseinander. Während Vincenco seinen Deephouse immer flauschiger auspolstert, entrümpelt Steve Bug seinen Minimalhouse immer kühner. Sie verletzen das erste Gebot jedes Labels: “Halte dein Programm stilistisch zentriert.” Bevor das Labelprofil ganz zerrissen wird, splittet Steve Bug Raw Elements Ende 98 in zwei neue Label auf: Dessous und Poker Flat. Dessous ist auf die Vincenco-Linie ausgerichtet: Deephouse bis Triphop, so die dickwollene Winterunterwäsche, aber mit Plauener Spitzenverzierung. Bei Poker Flat hält Steve Bug die Trümpfe in der Jackettinnentasche parat. Musikalisches Klarschiff knüpft er an visuelle Rundumerneuerung. Raw Elements war in Detroit-Motortown-Referenz auf sprödes Industriedesign angelegt: Schraubenmuttern in Grauschwarz. “Die Raw Elements-Ästhetik wurde zu leer, zu unbestimmt. Ein Label wie 430 West kann so perfekt das Detroit-Flair repräsentieren. Aber wir sitzen hier nicht in einer kleinen Autostadt. Ich wollte ein aggressiveres Branding, das mehr Anknüpfungspunkte zum Spielen bietet. Poker Flat, der ganze Las Vegas-Komplex. Ich fühle mich auch mehr Las Vegas-mässig.” Das funktionalistische Design des Volkswagen Käfer (Käfer = Bug) wird gegen den verwegenen Glamour illegaler Spielzimmer ausgetauscht. “Die Optik ist mehr elektro, mehr macho. Der Spieleraspekt ist wichtig, das Auschecken, Hustlen, James Bond, Hinterzimmertreffen von Gangstern. Pokern ist ein toughes Spiel für toughe Musik. Mit Discohouseästhetik hat das gar nichts am Hut, die sollen an den einarmigen Banditen hängenbleiben, ich gehe straight durch die ledergepolsterte Tür. Disco ist schalla.” Extrem nach vorne schuben Die Abkehr vom Blaumannn-Design bei Raw Elements hin zum blauen Dunst dicker Zigarren bei Poker Flat folgt auch die Musik. In den zwei Jahren Raw Elements wird der charakteristische Steve Bug-Track, “deepe Sounds mit Rhodes-Anspruch plus Technoschub-Perkussion”, auf immer skelettierendere Weise leergefegt. “Superlova loves you allnight & day” war nur noch für Abstraktdenker mit der “hysterischen Party” in Verbindung zu setzen. Doch da schlägt “Loverboy” von der ersten Poker Flat-Veröffentlichung mit Thors Donnerhammer ins Kontor. (Bei der grundlegenden Reform der Berufsbilder geht natürlich niemand mehr ins Kontor, also stattdessen auf die Tanzfläche, von wo aus alle mit Vibraalarm-Mobiles hustlen, voll Poker Flat.) Loverboy langt zu und markiert nicht nur für Steve Bug sondern für die gesamte Minimalhousezunft, was sagÕ ich, für House allgemein, einen Meilenstein, den man nicht ignorieren kann, sonst stolpert man darüber. Loverboy transformiert ohne jegliche populistische Anwandlung mit rollendem Suspencepiano, repetitivem Ravesignal und bezwingend schlichtem Additivaufbau die abstrahierte Version von Wildpitch-Monstern in Minimalhouse. Lakonischer Kommentar: “Ich mag im Moment gerne rocken.” Das Rezept? “Loverboy ist in extrem kurzer Zeit entstanden, brauchte aber etwa zwei Wochen Vorbereitung, in denen ich mit den Sounds in anderen Nummern herumprobiert habe. Ich testete vier Ansätze, die in völlig unterschiedliche Richtungen gingen. Fast wäre Loverboy eine 303/ Rhodesnummer geworden. Das Rückwärts-Piano war der entscheidende Zufallsfaktor, schubt als Auftakt extrem vor der Hihat. Ich habe dann auf einmal den Groove gespielt, dieses ravige Signal, das durchläuft. Das Sample, der eine Akkord, war dann auch irgendwann klar, der Bass lief so gut wie automatisch dazu. Dann das Reversepiano umgedreht, zwei Noten dazugespielt, und das warÕs. Das war die Nummer. Ging flott von der Hand.” Der Erfolg von Loverboy sorgt allerdings dafür, dass für ein halbes Jahr gar nichts mehr von der Hand geht. Ein tastenhämmernder Freejazzpianist als Nachbar blockiert zusätzlich die Kreativität, so dass das Steve Bug-Album auf Poker Flat, “The other Day”, 1 1/2 Jahre bis zum Erscheinen braucht. Wie zur Selbstvergewisserung ist als Auftakt gleich noch einmal Loverboy vorangestellt. Dagegen müssen sich die folgenden Tracks behaupten. Bloss keinen Nachfolgehit hinterherkopieren. “Ich mache lieber was Neues, als das Eingeführte besser umzusetzen, neue Wege mit neuem Ziel.” Aber vom antisesselhockerigsten Downtempo über Elektro bis zum entschlacktesten Trockenfunk will die Wirkungslatte von Loverboy nicht untersprungen werden. Mit diesem Ehrgeiz schafft Steve Bug das Paradox einer hochgradig dynamisierten In ya face-Transparenz, die neue Zuständigkeiten im Minimalhouse aufruft: Rocken, Abfahren, extrem Schuben. Wie war das noch mal mit der Gleichung zwischen Trance und Minimalhouse: “Der Film; der Film darf nicht abreissen.” Bei “The other day” läuft der Film und läuft und läuft – wie der VW Käfer. Steve Bug trägt seinen Namen wahrlich als Auszeichnung.

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Text: gregor wilderman aus De:Bug 04

Steve Bug – Und er rollt und rollt

Gregor Wildermann
gregorw@berlin.snafu.de

Deutschland im Endsommer. IAA in Frankfurt. 4,3 Millionen Arbeitslose fahren mit dem Bus zum Arbeitsamt und trotzdem boomt die Autowirtschaft, was nicht nur an den Präferenzen diverser amerikanischer Sprachsänger liegt. Des Deutschen liebstes Kind wird gehaßt oder geliebt, hat aber auf jeden Fall um die 4000 Kinder auf dem Gewissen. Sie bringen uns jedoch von A nach B, vielleicht auch nach C, sind Teil unseres Lebens oder unserer Flüche und werden in Ballungsgebieten gerne ohne Erlaubnis ausgetauscht. Manch einer behauptet sogar, daß jedes Auto für einen gewissen Typ steht und wie der letzte Monat zeigte, mußten selbst deutsche Edelkarossen ab einem bestimmten Tempo einen Vertrauensverlust hinnehmen. Doch wo gibt es den Zusammenhang zwischen Auto und Musik? Ist der aufgemotzte Manta das Pendant zu Hardtrance? Wäre ein Porsche das richtige Auto für Speed Garage? Und warum ist der BMW so beliebt unter den Drum&Bass-Harsadören?

Eine Antwort könnte von Stefan Brügesch kommen, der Vielen unter dem Namen Steve Bug bekannt sein dürfte und gerade sein Album “Volksworld” vorgelegt hat, das seine Interpretation von Minimalismus im Jahre ’97 ist. Der stolze Eigentümer von bisher vier VW Käfern erzählt seinen Bezug zum Wagen aus Wolfsburg so:
“Ich war damals mit Henry zusammen auf Pseudonymsuche und irgendwie entstand aus einem Scherz dieser Name. Diese erste Platte war dann “Phax feat. Steve Bug”. Nach einer Zeit ergaben sich aber auch gewisse Zusammenhänge; der Purismus des Autos und das Flair, das dieser Wagen hat, sicherlich auch der Funktionalismus. Mit möglichst wenig das Maximalste erreichen. Irgendwie ist das auch meine Lebensphilosophie.”
Seit Namensfindung geistert der Witz in diversen Releases wie “Bugwahn” oder “Mein Bug Dein Bug” herum, wobei Brügesch zuerst noch bei den 4 Rädern von Superstition releasete. 1995 dann das erste eigene Equipment, an dem sich prinzipiell nichts geändert hat und aus simplen Basics wie altem Atari, Mackie Pult, Alpha Juno, S-950 von Akai (“ist immer noch sehr druckvoll, gerade für Drums”) besteht und neuerdings auch einem EMU-Sampler sein Eigen nennt, um wie er sagt “gewisse Filtergeschichten nutzen zu können”.
1996 auch Gründung des eigenen Outlet Raw Elements, bei dem er wichtigster Werkfahrer ist und von dem es ein Dutzend Vinyl-Releases und zwei CD-Sampler gibt. Wie würde er aber selber seinen Fahrstil beschreiben? “Oft passiert es mir, daß ich Musik mache und dabei merke, wie es mich total kickt, ich aber gleichzeitig auch weiß, warum es kickt. Weil eben bekannte Technostrukturen vorkommen und es fehlen einfach neue Sounds, ein wenig auch neue Grooves. Es reicht nicht, bei MPC 2000 einfach nur den Swing einzustellen. Sowas kann man sich drei Stunden anhören, ist ganz nett, aber ausproduzieren muß ich das nicht. Wenn mich aber eine Nummer noch zwei Wochen später fesselt, dann bringe ich diese Platte heraus.”
Und weil eben im Kofferraum des Kopfes immer wieder Ideen übrig bleiben, ist das Albumformat ein gerngesehener Karierrestop. “Hauptding bei einem Album ist wohl die Tatsache, daß man da die Sachen machen kann, die auf 12″ eben nicht möglich sind. Überhaupt sind die Möglichkeiten eines eigenen Albums sehr interessant. Die Minimal Funk Mix-CD war in der ungemixten Version schon irgendwie ein Listening-Album und das hatte nicht nur mit Minimalität zu tun, sondern ist meine Auffassung von dem, was für zu Hause funktioniert.”
Die 10 Tracks des Volksworld-Albums sind jedoch keine Recyclingrückstände, sondern alle neu und bestimmt mehr als nur ein musikalisches Drei-Liter-Auto. Alle Tracks besinnen sich auf einfache und doch groovenden Elemente und erinnern, im Vergleich zu Studio-Platten, eher an ein Elektroauto aus Balsaholz. Der Zustand der Szene selbst ist eher ein Defizitgeschäft und das hat ausnahmweise nichts mit japanischen Importen zu tun. “Es hat nie wirklich mehr Leute gegeben, die wirklich auf die Musik gestanden haben. Da war ein völliger Über-Hype am Gange. Für mich selber hat sich die Musik sehr viel weiterentwickelt, aber manche gehen auch schon gar nicht mehr auf eine Party, weil sie glauben, dort auf die und die Leute zu treffen. Somit ist das Schlagwort Techno oft leider ein Abstellgleis.”
Bei der Inlandsflaute sorgen auch DJs für einen meßbaren Außenhandelsüberschuß und so sind Gigs wie in Pamplona (Spanien) lobenswerte Erinnerungen im Leben des Herr Brügesch. Auch die künstlerische Zusammenarbeitet feiert im Ausland Erfolge, wo z.B. sein Projekt “Clever N’Smart” im Rennstall von Mosaic-Records (England) aufgenommen wird. Der Grand Prix für jeden Musiker soll jedoch der Live-Auftritt sein, auch wenn sich Steve Bug dabei von einem Sequencer eher ein wenig eingeschränkt fühlt und überhaupt sehr selten sich das Vergnügen gibt, vor Publikum am Regler zu stehen. Anlässe wie Clé’s Geburtstag kommen da ganz recht und der Abschlußabend des E-Werks war ihm im Live-Set noch zwei Nummern mehr wert. “Der Liveauftritt sollte wie ein DJ-Mix funktionieren, in dem die Stücke fließend übergehen. Ich mag es nicht, wenn wegen einem Live-Act die Stimmung unterbrochen wird.”
Und was bringt die mobile Zukunft? Kann es ein Zufall sein, daß der auf dem Genfer Automobilsalon ’96 gezeigte “neue Beetle” den Projektnamen “Concept 1” hatte? Worin besteht die Verbindung zwischen Detroit und Wolfsburg? Könnte Brügesch nicht auch noch in der Jugendmannschaft von VFB Wolfsburg spielen?

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