Die Welt schaut auf uns
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 174

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Besser spät als nie. Den Big Bang in Chicago und Detroit erlebte Tang hautnah mit, erst jetzt erscheint sein Debüt-Album. Eine sehr reflektierte Angelegenheit mit Überholspur-Potenzial.

Vor vielen Jahren, als Techno gerade anfing die Welt zu erobern, gab es auf dem britischen Early-Technoadopter-Label Network eine Compilation mit dem schönen Namen “Dance Music With Bleeps”, die Detroiter und Chicagoer Pioniere wie Derrick May, Mark Kinchen und Derrick Carter mit den ersten Techno-Adepten aus dem Vereinigten Königreich zusammenbrachte. Dance music with bleeps, das könnte das inoffizielle Motto des mittlerweile 41-jährigen Produzenten Steven Tang aus Chicago sein.
Wenn man sich durch seinen Backkatalog hört, begegnet einem ein Überfluss an Bleeps: mal aggressiv zwitschernd, mal als schwebendes melodisches Ornament, mal zur Bassline aufgepumpt – und fast immer begleitet von darübergeschichteten Sterneguckerflächen. Steven Tang ist ein Meister darin, den mitunter rohen Maschinenfunk seiner Rhythmustracks zum Schweben zu bringen und so ganz tief in die Schnittstellen von klassischem Chicago-House und Detroit-Techno abzutauchen.

1981 zog der damals zehnjährige Tang mit seinen Eltern nach Chicago. Genau rechtzeitig, um die Geburt und den kometenhaften Aufstieg von House Musik mitzuerleben. Allerdings nur als Plattensammler und Hörer, denn in Clubs wie das Warehouse, die Music Box oder auch ins Bismarck Hotel, wo Lil Louis mit seinen legendären Partys Hof hielt, kam er aufgrund seines Alters nicht rein. Aber dafür gab es im Chicago der Achtziger ja Radioshows wie die der sagenumwobenen Hot Mix Five um Farley Jackmaster Funk, Mickey Oliver, Ralphi Rosario, Kenny “Jammin” Jason, Scott “Smokin” Silz und Julian “Jumpin” Perez, die den Sound direkt aus den Clubs in die Radios der Stadt pumpten. Und der junge Steven Tang hörte fasziniert zu: “Bis dahin hatte ich Musik, wie die meisten Menschen in meiner Familie, eher passiv wahrgenommen, als Hintergrundbeschallung”, erzählt er. “Erst 70s Rock und dann die frühen Synth-Pop-Sachen und Madonna. Musik war nie ein wirklich wichtiger Faktor in meinem Leben – bis ich zum ersten Mal House gehört habe.”

 
http://www.youtube.com/watch?v=Nnq2TCbuOsU

 
Die tradierte Zukunft
“Ich versuche mit meinen Tracks da anzuschließen, wo die Originators irgendwann aufgehört haben, und die Musik von dort aus in eine neue Richtung zu entwickeln. Ich hatte das Gefühl, dass es Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger vor allem in Chicago einen Bruch gab. Eine ganze Reihe von House-Produzenten sahen, dass sie mit der Musik Geld verdienen konnten und schlugen eine kommerziellere Richtung ein, die für mich nicht dem Kern der Musik entsprochen hat. Versteh mich nicht falsch, Chicago hatte immer das Polierte. Steve “Silk” Hurley und all die anderen hatten Zugang zu großen und vor allem mit teurem Equipment ausgestatteten Studios. Sie haben es nur irgendwann übertrieben, um noch Mainstream-tauglicher zu werden. Deswegen fing ich an, Musik aus Detroit zu hören. Das war eine neue Szene und die Musik war wirklich underground. Außerdem hatten dort alle ihr eigenes Label. Dieser Do-It-Yourself-Ethos hat mich sofort angesprochen.”

Seit 1998 betreibt Steven Tang sein Label Emphasis – längere Pausen inbegriffen. Aufgrund von Vertriebsproblemen und notorischem Geldmangel musste Tang sogar einen Großteil seiner geliebten Studio-Hardware verkaufen, um 12″s pressen zu können. Dementsprechend hat es das Label bis heute auf lediglich zwölf Releases gebracht, von denen nicht wenige gar nicht oder erst später dank Discogs in größerer Stückzahl in Europa gelandet sind. So richtig los ging es mit seiner Karriere eigentlich erst 2010 mit der “The Verged Sessions”-EP, die erste Platte, die er nicht auf seinem eigenen Label, sondern auf Keith Worthys Aesthetic Audio veröffentlichte. Kennengelernt hatte er den Detroiter durch seinen Job beim Vertrieb Crosstalk, der damals für beide Labels die Platten in die Läden brachte. In eben jenem Lagerhaus stolperte Keith Worthy über die Platten von Steven und war begeistert.

“Ich hatte bis dahin nie daran gedacht, meine Musik auf einem anderen Label herauszubringen; ich hatte ja mein eigenes, wo ich alles unter Kontrolle hatte”, erinnert sich Steven. “Aber Keith und ich kamen gleich super miteinander klar, also willigte ich ein. Und dank der Platte tauchte ich auf dem Radar einer ganzen Menge Leute, vor allem in Europa, auf. Plötzlich bekam ich alle möglichen Anfragen von Labels, die Tracks von mir wollten. Das war mir dann erst mal zu viel.”

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Auf Smallville, seit längerem schon glühende Verehrer von Steven Tangs Musik, veröffentlicht er jetzt sein Debütalbum “Disconnect To Connect”. Einige der Tracks sind über zehn Jahre alt, erzählt Steven. Sie waren immer für ein Album gedacht, aber erst durch den Kontakt zu Smallville, der vor zwei Jahren durch seine erste Europatour, auf der er auch auf einer Party des Hamburger Labels und Plattenladen spielte, wurden die Pläne konkret: Er holte die Tracks aus der Schublade und stellte endlich sein Debütalbum fertig.

Seit ein paar Jahren ist eine neue Generation von Produzenten aus Chicago dabei, mit ihrer Modifikation des musikalischen Erbes der Windy City ordentlich Staub aufzuwirbeln. Neben Steven Tang zählen dazu Chicago Skyway, Specter, Innerspace Halflife, bestehend aus Ike Release und Hakim Murphy, und natürlich der nimmermüde Techno-Mystiker Jamal Moss aka The Sun God aka Hieroglyphic Being. Das Lustige ist: bis vor kurzem kannten sie sich alle nicht. “Ich kann mich daran erinnern, wie ich zum Beispiel Jamal in den Neunzigern oft auf Raves gesehen habe. Er hat nie viel geredet, sondern eher herumgehangen und zugeschaut – mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Ich habe ihn auch nie tanzen sehen. Meistens stand er in einer dunklen Ecke und hat sich die Leute angeschaut, als ob er sie studieren würde, als ob er einen konkreten Auftrag hätte. Dass er auch Musik gemach hat, davon wusste ich nichts. Wir haben uns alle erst via Myspace kennen gelernt und sind dadurch Freunde geworden. Lange gab es einfach keinen Ort, wo man sich regelmäßig über den Weg gelaufen wäre. Seit Mitte der Neunziger läuft in den Clubs in Chicago eigentlich fast ausschließlich ‘Bottle service Music’. Also schlechter HipHop oder Trance. Mittlerweile gibt es einen Club, die Smart Bar, wo wir hin und wieder Nächte veranstalten können, und das funktioniert auch ganz gut. Aber es ist der einzige Ort, wo man unsere Musik in Chicago hören kann.”

Auch wenn es vor der eigenen Tür noch an breiter Aufmerksamkeit mangelt, eine Tatsache, die in den USA fast schon eine traurige Tradition ist, verfolgt der Rest der Techno- und House-affinen Welt umso begeisterter die Entwicklung dieser neuen Generation. Nicht ohne ein bisschen Stolz sagt Steven dann auch abschließend: “Die Welt schaut auf uns. Früher drehte sich in Chicago alles um die großen Egos der Produzenten. Ichichich war das Mantra. Dabei geht es darum, zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Als sie aufgehört haben, haben sie die Szene wie eine Leiche liegen lassen. Die nächste Generation musste dann die Teile aufsammeln und neu zusammensetzen. Das war schmerzhaft und langwierig. Es ist Zeit für uns, aus der Vergangenheit zu lernen.”

Steven Tang, Disconnect To Connect, ist auf Smallville/WAS erschienen.

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