Stewart Walker und die ewig wiederkehrende Bassdrum des Techno haben sich wechselseitig die bedingungslose Partnerschaft aufgekündigt: Von nun an speist sich Walkers Musik allein aus seiner eigenen Existenz.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 95

Sich die Blöße geben

Stewart Walker war einer der zentralen Protagonisten des nordamerikanischen Minimal-Techno-Sounds der zweiten Generation, er gehörte zu den ersten US-Produzenten, in deren Musik der Einfluss europäischer Entwicklungen aus der Mitte der Neunziger explizit wurde. Ab 1997 veröffentlichte er eine Serie sehr guter, pointenreicher Singles und Alben. Jetzt gibt es in seiner Entwicklung einen biographischen und künstlerischen Bruch: Seit anderthalb Jahren wohnt Walker in Berlin, und musikalisch ist Techno nicht mehr das stilbildende Paradigma, sein neues Album “Grounded In Existence” macht einen großen Schritt in Richtung eines anderen Soundverständnisses. Er müsse sein Verständnis der elektronischen Musik immer wieder neu bestimmen, erzählt Walker: “Jetzt, wo ich schon viele Jahre Musik mache, habe ich das Gefühl, dass ich die Formeln, mit denen ich lange gearbeitet habe, nicht mehr benutzen kann. Ich hatte mich sehr auf meinen eigenen Sound konzentriert, habe meine Platten gehört, bin immer präziser und zugleich auch limitierter geworden. Jetzt möchte ich mich neu positionieren: Das, was ich in den Neunzigern gemacht habe, wird nun aus einer neuen Perspektive bewertet.” Walker hat eine rocksozialisierte Jugend hinter sich, auf elektronische Musik brachte ihn das von Andy Weatherall produzierte “Screamedelica” von Primal Scream. Jetzt wird das Rock-Paradigma wieder wichtig: Walker interessiert sich für Musik aus der Postpunk-Zeit: Dort habe man ähnlich zur Revolution von Punk gestanden, wie die aktuelle Musik zum Techno der Neunziger steht: Die Explosion hat stattgefunden, aber wie geht es danach weiter? Es überrascht Walker selbst, dass ihm auch die aktuellen Bands gefallen, die den Sound um 1980 wieder aufnehmen, Bloc Party etwa: “Die Rohheit, die Lockerheit dieser Musik habe ich als angenehme Abwechslung gegenüber dem Minimalismus und der Präzision von Techno empfunden. Ich finde es spannend, dass Techno nicht mehr funktioniert. Die Musik ist zu formal geworden, und ich habe mich musikalisch sehr begrenzt. Ich bin gerade dreißig geworden, musikalische Regeln sind mir nun egal. Ich möchte jetzt mehr riskieren, ich will den Punkt erreichen, an dem ich mir selbst die Blöße geben kann.”

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Text: felix denk aus De:Bug 29

Die grosse Dezentralität Stewart Walker Irgendwie scheint es, dass die derzeit spannendsten amerikanischen Produktionen, egal welchen Genres, da herkommen wo man es gerade nicht vermutet. In der letzten De:Bug behauptete Nick Holder, dass die New Yorker heimlich nach Toronto fahren um sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Florida etabliert sich mit Chocolate Industries als das Rosenheim/Sheffield der Staaten. Plötzlich tauchen Orte wie Ohio dank Todd Sines und Titon Duvanté auf der Technolandkarte auf und sogar in San Francisco tragen, wenn man Kit Clayton als Rolemodel einspannt, die Leute nicht mehr Blumen in den Haaren sondern eher Powerbooks unterm Arm. Da auch dem geneigten Betrachter bei New Jersey eher Morgan Geist als Wild Pitch in den Sinn kommen dürfte, verhärtet sich der Verdacht, dass das ehemalige elektronische Niemandsland von Bedroomproducern mit Festplatten voll von neuen Sounds bevölkert wird. Naja, ganz so ist es wohl (noch) nicht, schliesslich ist die USA gross, und man fristet wohl ein ziemlich einsames Dasein wenn man als Technoproduzent nicht gerade in Detroit ansässig ist. Allerdings sind die Zeiten wo die heissen Importscheiben nur aus den Metropolen kamen auch vorbei. Stewart Walker, an dem man im minimalen Technobereich seit seinen Produktionen für Force Inc, Tresor und Background nicht mehr vorbeikommt, hat schon überall gewohnt. In Atlanta geboren, hat er in Athens (ja, da wo REM herkommt) studiert, ist dann nach Wisconsin gezogen, wo er anfing Musik zu produzieren. ãIch kannte da niemanden, der Musik gemacht hat, bis ich eines Tages Jake Mandell traf.Ò Über Washington ging es dann nach Boston, wo von einer Szene auch nicht gesprochen werden kann: ãFred Gianelli lebt in der Gegend, aber ich habe noch nie mit ihm gesprochen. Ich arbeite in einem Vakuum. Deswegen spiele ich auch gerne live, weil man da unmittelbar Resonanz bekommt und sich mit den Leuten austauschen kann. Mit meiner Freundin kann ich auch nicht über Musik reden, weil sie das schon nicht mehr hören kann.Ò Trotzdem scheint es, als wäre es nicht nur ein Nachteil, eben nicht in eine der einschlägigen Metropolen zu leben. Wenn man nicht immer tonnenweise Mythos mit sich herumschleppen muss, lässt es sich vielleicht unbefangener mit musikalischen Einflüssen umgehen und einen distinktiven Style entwickeln. Und Style bedeutet bei Stewart Walker nicht ein auf Lebenszeit abgeschlossener Knebelvertrag mit einem speziellen Schlüsselreiz in der Endlosschleife, deckt er doch die ganze Palette des Minimaltechno von Clubkompatibel bis Ohrensesseltauglich mit spielerischer Leichtigkeit ab. Auffällig ist, dass Stewart Walkers Produktionen durchaus eine Soundästhetik aufweisen, die man sonst eher aus dem europäischen Techno gewohnt ist und so an einer Schnittstelle arbeitet, die seit den glorreichen Tagen von Basic Channel von amerikanischen Produzenten leider selten beackert wurden. ãEs ist nicht mein Ziel besonders Europäisch zu klingen. Ich kaufe genausoviele Europäische wie Amerikanische Platten, wobei ich im Grunde eh kaum Platten kaufe, da ich ja kein Dj bin, und nur dann etwas kaufe, wenn ich davon etwas lernen kann. Vielleicht klingt meine Musik europäisch, weil sie etwas zurückgenommener sind als die meisten amerikanischen Produktionen. Ein Gefühl, das auch Basic Channel oder Kölner Produktionen vermitteln.Ò Steward Walkers Platten schweben also bei aller Liebe zur Abstraktion nicht irgendwo im luftleeren Raum. Sie lassen schon Bezüge zu und weder Detroit noch Kölscher Klüngel sind Fremdwörter für ihn. Dennoch steht mehr eine Atmosphäre steht bei Stewart Walker im Vordergrund als die detailgetreue Nachahmung der Vorbilder. Ein Ambiente schaffen, aber dennoch nicht gleich Ambient. Das ist dann doch zu nahe an der New Age Schiene. Auch Ingredienzen wie Minimalismus und Dub sind weniger Vorgaben als Resultate: ãIch mag keinen Reggae und ich habe mir nie einen Dubproduzenten genauer angehört. Ich denke ich sollte das mal tun, habe es aber nie gemacht. Es liegt mir sehr daran eine Räumlichkeit mit meiner Musik zu entwerfen und was mir an Dub noch gefällt ist er Bass. Bei meinem Album (Stabiles) habe ich eher Brian Eno gehört und Seefeel. Nicht mal so sehr den Kölner Sound, der ziemlich gerade ist. Ich versuche diese geraden Beats zu nehmen und etwas zu unterwandern, so dass sie spannender zu hören sind. Es geht von der Kickdrum aus und allmählich werden die Strukturen grobmaschiger, was etwas den Fokus von der Bassline nimmt und einen speziellen Puls ergibt. Es gibt zwei Möglichkeiten minimale Musik zu machen: Die eine ist nie die Rhythmus zu wechseln, die andere ist den Rhythmus zu modulieren, aber mit möglichst wenig Instrumentierung. Ich mag Minimalismus, sehe aber oft das Problem, dass die Platten sehr auf einer Ebene funktionieren. In meinen Produktionen mag ich etwas mehr Tiefe und mehr Drehungen und Windungen.Ò Mangelnden Facettenreichtum kann man Stewart Walker auch wirklich nicht vorwerfen. Und so kann man nur hoffen, dass die amerikanische Provinz noch mehr so überzeugende Produzenten hervorbringt.

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