Text: h oliver köhler aus De:Bug 07

Stieber Twins: Two Blue Brothers Standing Side by Side Oliver Koehler okoehler@rumms.uni-mannheim.de An einem Montagnachmittag treffen sich zwei Brüder in einem Tonstudio im Heidelberger Stadtteil Bergheim. Der eine, Martin Stieber, zieht gerade die Schrauben an einem der vielen Tunes an, die er in den letzten Wochen zusammen mit D-man und dem Ton Experten Tom Trommler komponiert hat. Sein Zwilling, Chris Stieber, hört fixiert zu. Sie stehen sich gegenüber, gucken sich vertieft in die Augen und merken mal wieder, daß sie beide denselben Beat surfen. Mit beinahe demselben Erfahrungsfundus bis aufÕs tiefste in den Genen der Zwillingen verankert, versteht sich ihre Musik als geteiltes Inventar einer Jugend, die auf engstem Raum zusammen verbracht wurde. Auch dieses Inventar hat seinen Platz auf der D-Man’schen Festplatte. Hip Hop als Inspirationsfaktor wird dort angesiedelt, wo er vielleicht schon seit Monaten gebraucht wird: In der “Avant-Garde”. Kein einseitiger Prozeß jedoch. Die Stiebers werden als wichtiges Bindeglied in der HD-800 Umgebung aufgenommen; gleichzeitig nutzen sie aber die Chance, ihren eigenen musikalischen Erfahrungshorizont zu erweitern. Galt die “Stieber Formel”, gleich ob getrennt oder im Doppelpack, als eine besonders Explosive in der deutschen Hip Hop Landschaft, so ist sie durch den expliziten Kontakt mit Tom Trommler und Barjazz mit Begleitautomat (BMB) um einiges brisanter geworden. In Bergheim hat man den Kurzschluß zwischen Puff Daddy, Robert Hood und Miles Davis bewältigt. Die Frage ist nur: Wie steht’s mit dir? Checkst du es oder checkst du es nicht? De:Bug: Der Werdegang eines Homies wird sich wohl etwas von dem eines Technoheads unterscheiden: Wie sind die Stieber Twins ins Leben gerufen worden? Stieber Twins: Angefangen hat alles im Elisabeth Krankenhaus, Heidelberg. Irgendwann sind wir in der Weststadt gelandet und da steht jetzt unser Studio. Wir sind davor dreizehn Jahre zusammen aufgewachsen und dann lief im Fernsehen, ein ganz blöder Zufall, “Buffalo Girls” von Malcom Maclaren. Da kam einfach Adrenalin hoch. Das war Ronny’s Pop Show 1983, als der Affe noch im Hintergrund saß. Etwas später haben wir angefangen, Gleichgesinnte kennenzulernen. Das war dann ganz komisch. Um1983 ging’s schließlich los: auf der IGH (Internationale Gesamtschule Heidelberg) trafen wir Torch (Advanced Chemistry). Die IGH hat uns auch geprägt: Umfeld, Leute, das Multikulturelle… Da hat sich gleich so’n eingeschworener Verein herauskristallisiert, wie bei euch. Damals waren es aber gerade zehn Mann, die haben dann angefangen Beats zu machen und den Hip Hop abgeravt. Torch fing an, Musik zu machen und wir waren eben auch immer dabei, nicht bei der Musik, aber wir haben alle abgecheckt, was abging… De:Bug: Seit wann macht Ihr Musik? Stieber Twins: Uns hat Stone, der früher auch Freestyle bei VIVA moderierte, beigebracht, wie man ein AKAI S1100 bedient, wie man ein Sequencer dazu laufen läßt, etc. Was halt so abgeht im Studio. Genau, November 1991 haben wir uns dann unseren ersten Sampler gekauft und seit der Zeit sitzen wir davor und samplen Loops, legen Breakbeats drunter und versuchen auch zu rappen… De:Bug: Warum habt Ihr bis 1997 gewartet, bevor Ihr eine Platte rausgebracht habt? Stieber Twins: Im Hintergrund haben wir schon immer mit Advanced Chemistry gearbeitet und im Untergrund getüftelt. Ich glaube viele Gruppen brauchen eine lange Entstehungsphase, bis ihre Platten fertig sind. Die “Fenster Zum Hof” Tracks sind gesammelte Werke von 1991 an… De:Bug: Ihr werft ja auch vielen deutschen Acts vor, nur eine kurze Gärzeit zu haben Stieber Twins: Es ist halt die Story. Dein Leben ist ein Entstehungsprozeß wie deine Musik, die du dann irgendwann hast. Du bist immer super kritisch zu dir selbst und auch super kritisch mit deinem Umfeld. Wenn man Hip Hop seit 1983 hört, muß man ganz klar sagen, was Sache ist: Daß man sich keine Baseballkappe aufzieht, sondern versucht, etwas zu sagen. Die meisten Leute, die heute mit Hip Hop Geld verdienen, sind solche Typen, die sich überschätzen. Darum geht’s halt, sonst bist du irgendwie immer die zweite Nummer. De:Bug: Wen schätzt ihr denn so an Nummer-Eins-Künstlern? Stieber Twins: Da gibt’s einen ganzen Arsch voll. Alleine schon in New York ist so viel Untergrund. Wir können uns schon mit dem amerikanischen Mainstream anfreunden, Puff Daddy und so. Was glaubst du, was wir dann mit dem Untergrund machen können? Da ist Potential ohne Ende. Die meisten Leute, die in New York fett werden, die sind auch aus dem Untergrund gekommen… Hier in Deutschland ist das schon mittlerweile so, daß die Leute wissen, daß sich Hip Hop verkauft und sie fangen jetzt auch deshalb an, Musik zu machen. Unsere Props gehen auf jeden Fall an Leute wie Freundeskreis und Maximilian raus! In New York ist das Publikum viel anspruchsvoller. Die checken das sofort, wenn jemand “fake” ist und nicht von der Pike auf gelernt hat, bzw. in der Klasse 13 einsteigt. Da ist kein Fundus. Das ist Bullshit. Musik ist einfach Erfahrungswert. De:Bug: Wollt Ihr mit Eurem Studio diesen Erfahrungshorizont vielleicht auch weiter trainieren? Stieber Twins: Wir wollen auf jeden Fall ein Studio machen, damit das Ding einfach angeht. Man soll sich damit qualitativ identifizieren können, nur irgendwie setzen wir die Qualitätsmerkmale. Imgrunde dürften wir das nicht machen. Die Leute wissen schon genau, was sie machen. Wir wollen nicht jemanden da drin stehen haben, bei dem wir wissen, die machen da irgendwas, weil’s sich verkaufen kann und können eigentlich gar nichts, beispielsweise fragt man keinen mal schnell ob er singen kann und dann singt der. De:Bug: Wie unterscheiden sich die Arbeitsweisen im Studio von euch und bspw. Dirk Mantei? Stieber Twins: Wir arbeiten für Hip Hop Verhältnisse eher herkömmlich. Zwei Sampler und ein Sequencer. Hip Hop sind einfach Samples. Dirk arbeitet recht ähnlich, nur stehen hier noch Synthis rum. Die Hip Hop Beats dienen mehr oder weniger als Gitter unter dem Rap Song, wie ein Schema oder ein Pattern. Du machst mit der Musik die Striche, wo du deine Sprache drauf schreiben kannst. Bei Techno ist dagegen, weil keine Stimme da ist, die Aufmerksamkeit mehr auf die Musik gelenkt. Man merkt auch, daß bei Techno im Bereich “Producing” die Leute wesentlich weiter sind als bei Hip Hop. Was wir davon in den Hip Hop rein bringen wollen, ist das Overflipping, z.B. einen Knackser reinbringen, ein bißchen experimentieren usw. So eine kommerzielle Nummer zu fahren ist easy: ein schöner, smoother Sample, du legst einen Beat drunter, der einigermaßen tanzbar ist und schon hast du vertickbare Musik. Normalerweise arbeiten wir voll herkömmlich: auf die 1 die Bassdrum, auf die 2 die Snares. Weißt du: ein bißchen Swing rein bringen und flippen…! Warum sollen wir nicht mal auf die 1 und die 3 gehen? De:Bug: Werden die Stiebers je wieder die Gleichen sein? Stieber Twins: Die nächste Platte wird nach wie vor noch ähnlich sein, weil wir uns nicht ändern. Wir fahren immer noch auf dieselben Beats ab. Der Style ist ja gleich, nur weiterentwickelt. Du schmeißt ja deinen Style nicht weg, du nimmst ja nur was Neues auf und kombinierst es. ZITATE Wir sind davor dreizehn Jahre zusammen aufgewachsen und dann lief im Fernsehen, ein ganz blöder Zufall, “Buffalo Girls” von Malcom Maclaren. Es ist halt die Story. Dein Leben ist ein Entstehungsprozeß wie deine Musik, die du dann irgendwann hast. Man zieht sich keine Baseballkappe auf, sondern versucht, etwas zu sagen.

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Elektronische Lebensaspekte.