Der Wahl-Hamburger Martin Stimming schlägt seine Claps per Hand und wenn die Rührung Purzelbäume schlägt, fühlt sich sein House zu Hause.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 131


Der Wahl-Hamburger Martin Stimming schlägt seine Claps per Hand und wackelt auch emotional ganz gerne. Wenn die Rührung Purzelbäume schlägt, fühlt sich sein House zu Hause. Trotz Schranz-Sozialisation.

Wer hätte gedacht, dass in den letzten Jahren ausgerechnet Hamburg zu einem der Epizentren einer neuen House-Bewegung in Deutschland aufsteigen sollte. Und wer hätte vermutet, dass ausgerechnet ein Exil-Hesse für einige der prägendsten Produktionen aus dem neuen Umfeld verantwortlich zeigt.

Denn als Martin Stimming vor knapp sieben Jahren aus Mittelhessen an die Alster zog, wollte er eigentlich nur studieren, doch Dank einiger glücklicher Zufälle, einem Talent für komplexe Grooves und ergreifende Harmonien und letztendlich der Schirmherrschaft von Diynamic Music hat sich Stimming im Verlauf des letzten Jahres endgültig vom talentierten Newcomer in die obere Produzenten-Liga gespielt.

Seine Tracks auf Diynamic, liebe*detail und Buzzin‘ Fly waren Dauergäste in den letztjährigen DJ-Charts und nun steht mit “Reflections“ sein erstes Album in den Startlöchern. Ein Album, das nach einem sowohl privat als auch musikalisch sehr bewegten Jahr zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen könnte, wie er gut gelaunt erzählt. “2008 war auf jeden Fall das beste Jahr und man kann auch von einem Durchbruch reden. Es war das erste Jahr, in dem ich auch wirklich rein von der Musik leben konnte. Das ist natürlich das, was ich mir schon immer gewünscht habe, aber ich denke auch, es ist erst der Anfang.“

Startrampe Spacenight

Stimmings persönliche Anfänge und das Interesse für elektronische Musik lassen sich in die Downbeat-Szene zum Ende des letzten Jahrtausend zurückdatieren, jener Zeit, als die Spacenight noch zur allwöchentlichen Bedroom-Afterhour in ländlichen Gebieten gehörte. Doch obwohl er sich ein Faible für relaxte Grooves vorbehalten hat, kam er letztendlich über Drum & Bass schließlich zum Frankfurter Hardtechno-Sound der Nullerjahre.

Auch wenn seine eigenen Produktionen glücklicherweise nichts mehr mit dem mittlerweile als Unwort verschrienen Schranz gemeinsam haben, hatte dieser Sound maßgeblichen Anteil an Stimmings Sozialisation mit Techno und den tanzbaren Facetten elektronischer Musik. “Wer aus der Nähe von Frankfurt kam, hat irgendwann mal Schranz gehört. Das waren zwar einfach zig Loops übereinander und es klang meistens wie Scheiße, einige Sachen haben aber gerockt.

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Mit 16 habe ich aber überhaupt erst gemerkt, dass man auch mit dem Rechner Musik machen kann. Davor habe ich Drums und Gitarre gespielt, auch in Bands, aber das war alles nicht so das Wahre, da ich immer nur ein Teil des Ganzen war. Ich hatte schon damals genau wie heute eine Vision, wie ich Dinge machen würde, wenn ich über alles bestimmen kann, und da kam der Computer natürlich gerade recht.“

Es ist vielleicht kein Zufall, dass sich Stimmings Vision nach seinem Umzug nach Hamburg scheinbar nahtlos mit jenem Label in Verbindung bringen lässt, das sein Arbeitsethos schon im Namen trägt: Diynamic Music. Do it yourself. Hier erschienen 2006, damals noch als Duo unter dem Namen Gebrüder Ton, die ersten beiden Platten mit der Handschrift von Stimming und zugleich die ersten beiden des Labels überhaupt.

Es war sein damaliger Produktions-Partner, über den er das erste Mal mit Diynamic-Gründer Mladen Solomun in Kontakt kam – der Startschuss für eine mehr als erfolgreiche Zusammenarbeit, die Diynamic in den folgenden Jahren sowohl als Label, Künstler- und Partykollektiv auch außerhalb von Hamburg etablierte und Stimming zu einem der gefragtesten Produzenten auch abseits der Waterkant machte. Eine Entwicklung, für die er mehr als dankbar ist: “Solomun, H.O.S.H. und ich sind, zusammen mit Adriano [Trolio, Anm.], der Kern von Diynamic.

Wir sind auch persönlich sehr gute Freunde, was ich wichtig finde. Wir hören unsere Tracks untereinander noch mal gegen, und gerade Solomun hat mir viel geholfen am Anfang. Er hat mir auch diesen eigenen, etwas entspannteren ‘Hamburg-Sound’ gezeigt, diesen reduzierten Ansatz von House, auch wenn ich kein Freund von Schubladen bin.“

Echolot Deepness

In der Tat fällt es schwer, den Sound von Diynamic und Stimming klar zu verorten, entzieht er sich doch scheinbar spielend jeglicher Kategorisierung. Er verkörpert die treibende Tanzbarkeit von Techno mit der eleganten Deepness von House und scheut sich nicht, auch gelegentlich mit opulenten Streicher- und Pianoeinsätzen auf die ganz großen Gefühle abzuzielen. Auch Stimmings Musik bewegt sich zwischen diesen Polen, dem Versuch, die “Energie von Techno mit dem Groove von House“ zu vereinen.

Auf “Reflections“, dem ersten Künstleralbum auf Diynamic überhaupt, finden sich dementsprechend auch Tracks, die in unterschiedlichen Aggregatzuständen funktionieren, ohne dabei einen durchgängigen Groove vermissen zu lassen. “Jeder Track kann auf dem Dancefloor funktionieren, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Ich habe überlegt, auch den ein oder anderen Downbeat-Track einzubauen, aber das hätte das dann wieder überworfen. Ich mag es, wenn Alben ein bestimmtes Grund-Thema haben, wenn alles aus einem Guss kommt.“

Die Thematik ist dabei, für ein Album an der Schnittstelle von House und Techno, überraschend melancholisch. Am deutlichsten wird dies vielleicht bei “The Loneliness“, einer kraftvollen achtminütigen Vocal-Nummer über den Trennungsschmerz, deren Text Stimming in zwei Tagen selbst geschrieben hat und die mit Mundharmonika und durchdringenden Vocals sich einmal mehr gängigen Konventionen zu entziehen weiß. Oder bei “Sunday Morning“, wenn kurz vor Schluss eine geradezu epische Streicherwand mit voller Breitseite auf den Hörer trifft.

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Es sind Momente wie diese, in denen seine Musik das alte Credo von House aufgreift, auf Emotionen nicht nur abzielt, sondern sie vor allem auch verarbeitet. Oft vergessen, dass elektronische Musik auch eine starke emotionale Note haben kann, ist für Stimming seine Musik stets auch das Ventil persönlicher Erfahrungen: “Es geht um Reflektionen über mich und die Dinge, die ich im letzten Jahr so erlebt und verarbeitet habe. Ich hatte über einen sehr langen Zeitraum eine Freundin und als dann damit Schluss war, hatte ich das Bedürfnis, auch einige Dinge neu anzugehen.

Aus dieser Situation heraus ist auch sicherlich das Album entstanden. Der Kampf mit den eigenen Geistern quasi. Das hat mit ‘The Loneliness’ angefangen. Die Nummer ging relativ schnell, ich hatte den Sänger am Start und der hatte die Mundharmonika dabei. Allerdings brauchte ich danach auch ein paar Tage, um mich wieder zu regenerieren, weil mich die Nummer doch ziemlich runtergezogen hat, ich habe da mein Herz doch ziemlich weit geöffnet.“

Doch es sind nicht nur die melancholischen Harmonietupfer, die Stimmings Produktionen ausmachen, sondern auch die komplexe Percussion, die nicht selten aus Field-Recordings entspringt und fast ausschließlich live eingespielt wurde, was den Tracks einen sehr organischen und geerdeten Hintergrund verleiht: “Meine Claps und die Percussion sind meistens selbst eingespielt, deswegen klingen die auch immer etwas wackelig.

Wenn ich zehn Loops einspiele und mir einer gefällt, dann nehme ich den auch genau so, weil da mein persönliches Feeling drin ist. Es sind weniger Field-Recordings im klassischen Sinne, sondern der Ansatz, so viel wie möglich mit Dingen zu arbeiten, die ich im Studio habe. Draußen etwas aufzunehmen, ist immer schwierig, weil man ein wirklich gutes Mikrofon braucht und dabei auch immer total bescheuert aussieht (lacht).“

Stimming scheint wie kaum ein anderer den aktuellen und “neuen” Sound von Hamburg zu verkörpern: Es ist Musik mit einem Hauch wetterbedingter Melancholie und eleganter Ästhetik, ein wenig Understatement vielleicht, aber trotzdem mit einer großen Portion Herz und, was natürlich nicht zu vergessen ist, Clubtauglichkeit versehen.

Und darum geht es ja letztendlich. Bleibt also nur noch die Frage, ob das nächste Album dann vielleicht doch fröhlicher ausfallen wird, wo es doch augenscheinlich stetig bergauf geht in Stimmings Karriere, der nun nach Veröffentlichung des Albums auf Tour durch Australien und die Staaten gehen wird. “Ich glaube, wirklich fröhlich werde ich nie. Ich steh einfach viel mehr auf Melancholie.”
http://www.myspace.com/stimming

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Elektronische Lebensaspekte.