Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 02

Stock, Hausen & Walkman

Mercedes Bunz
bunz@buzz.de

Vor Stock, Hausen & Walkman ist nichts so recht sicher. Bewaffnet mit Cello, Sampler und Orgel stecken sie Sounds, Sätze, Geräusche und Beats ineinander, seien es Hits, Fernsehen, Geräusche, Klassik, Beats oder auch mal eine ganze musikalische Richtung. Obwohl sie seit sieben Jahren die hörbare Welt auseinandernehmen, kennen viele sie erst seit ihrem Album “Organ Transplants Vol.1” und zwar durch ein Mißverständnis.

“Man kennt uns zumeist wegen dieses Albums. Es ist eigentlich ein langer Witz über die Easylistening Szene. Zumindest dachten wir, wir produzieren einen Witz, aber dann nahmen die Leute das ernst, sie fanden das richtig gut.” erzählt Matt. Und Daniel ergänzt: “Als wir das Album zusammenstellten, konnte man schon absehen, daß es gut gehen wird. Ich dachte nicht, daß es so erfolgreich werden würde, aber es war irgendwo offensichtlich ein Hit. Es war auch einfach die richtige Zeit dafür, eben ein bißchen vor seiner Zeit.”
Bezeichnender Weise wirken sie nicht sonderlich interessiert, an den Erfolg von “Organ Transplant” anzuschließen. Nicht, weil Musik ihnen zu wichtig, zu ehrlich, zu ernst etc. wäre, vielleicht eher, weil sie sich noch genug an die “Kultur”-Seite (das muß man hier in Anführungszeichen schreiben, damit auch das richtige Gewicht der Sache rüberkommt) der Musik erinnern können, also derjenigen, bei der Musik von Institutionen (die Stadt, das Goethe Institut, etc.) finanziert wird. Institutionen, die davon leben, irgendwas pflegen zu müssen, weil es Bildung ist, von dem wiederum nicht klar ist, wer es genau definiert, was dann Geld bekommt, damit es auch noch da ist.
Andererseits enstand Stock, Hausen & Walkman als Antwort auf das Selbstverständnis der Improvisationsszene – ein Terrain allerdichtester Hochkultur – , mit der sie sich – vielleicht mangels anderer Alternativen, wie sie selbst vermuten – zusammenfanden. Genervt von der Ernsthaftigkeit, mit der Musik und eigener Ausdruck dort verstanden wurde (und wird), beschloß man dem wahrhaften Ausdruck nicht allein die Öffentlichkeit zu überlassen und zu zeigen, daß auch alles Musik sein kann, wenn man es dabei nicht so ernst nimmt. “Giving Up with Stock, Hausen & Walkman” von 1993 hört man deutlich diesen bestimmten experimentellen Faktor an, der für Musik, die sich in der Nähe von Unterhaltung aufhält, untypisch ist: das blitzartige, unvorbereitete Wechseln von Atmosphären oder anderen Elementen: Beats und darke Sounds, dann wieder spielerische Melodie, bestimmt den Rhythmus aus DaDaDa von Trio, Textfetzen, wildgewordenen Cellos, unglaublich viel und mit Sicherheit genau dann, wenn man beim Hören irgendwo angekommen ist, aprubter Wechsel zu etwas anderem, Fragmente eben, eher.
Live sind sie noisy und man kann sich fragen wer eigentlich härter ist, der Alec (Empire) oder diese hier, was wir aber nicht lösen können, jedoch vermuten. Angenehm dissonante Insektenklänge, ruhiger gleichzeitig, weil mehr Zeit, widmen sie sich der Entwicklung, Modulation oder Kombinierung von Klängen und sonstigem Hörbaren. Obwohl hier mehr ineinander übergeht als bei den kurz angerissenen Studiostücken, kann man sicher sein, am Ende woanders rauszukommen und dazwischen Sachen zu hören, von denen man nicht so recht glauben konnte, daß sie wirklich da sind (Chabadaba du).
Wahrscheinlich haben sie sich das bei Easy Listening auch gedacht. Schon in den älteren Platten finden sich immer wieder Versatzstücke, bei denen sich schlagartig Plüschsofas in Regenbogenfarben durch die Stereoanlage beamen. “Organ Transplant” arbeitet genau damit, und nur damit, und genau das ist eigentlich non-typical sh&w, weil sie innerhalb eines Genres bleiben und intern stören, anstelle es, wie sonst, gegen unzählige andere Arten von Klangkategorien zu setzen. Hier hält die Ratespielmusik an Momenten an und wird mit verwandten Variationen kombiniert, was das Ganze interessant macht, ein bißchen so, wie man es vom Label Rather Interesting kennt.
Trotz alledem und wie gesagt, auch das ein Ausflug nur. Stock, Hausen & Walkman sehen sich nicht so oft, Daniel wohnt mit seinem Cello in Potsdam und begleitet Dancecompanies, bis er es mal wieder leid ist, die Kunst anderer Leute zu untermalen. Der Rest wohnt in England, Matthew kümmert sich um sein Label “Hot Air”, schafft damit Platz für weitere Experimente von anderen Menschen und der dritte Bunde ist Besitzer einer Orgel, was bestimmt eine Aufgabe fürs Leben.
Ab und zu kommt ein Projekt vorbei und eine von vielen Ideen, die sie haben, materialisiert sich oder tut etwas ähnliches, wobei es deutlich so scheint, als ginge es dabei um ein Ausprobieren, ob das, was man sich vorgestellt hat, hinhaut, während weitere Faktoren wie Verkauf, Feedback und Resonanz sich hinten anstellen können, was nicht unbedingt reich macht, einen aber bestimmt mehr erleben läßt.
Neue Medien (alte wahrscheinlich ebenso) gehören dabei genauso zu den Spielplätzen wie Easy Listening oder Kunst (Kurz und dann zurück: In einer Liverpooler Gallerie hat Mat “Good Vibrations” von den Beachboys auf einem manipulierten Plattenspieler laufen lassen, der mit einer Umdrehung per Minute rotierte (insgesamt dann eineinhalb Stunden), wobei die abgespielten Plattenrillen durch das Objektiv eines Mikroskops abgenommen und projeziert wurden. – Zurück, (wirklich kurz oder?)) CD-ROM zum Beispiel, obwohl sie bei diesem Projekt in Kooperation mit Leipziger Künstlern für eine Münchner Firma getan haben, was sie nicht gerne tun, wie Danny erzählt: “CD-ROMs können eine spannende Sache werden. Aber ich glaube, solange man nicht selber lernt, das zu programmieren, landet man genau da, wie ich mit meinem Cello vor der Dancecompany. Ich arbeite ziemlich oft für Tanztheater und das ist meist keine besonders gute Kollaboration. Man stellt Musik für Kunst von jemand anderem zur Verfügung.” Und Matthew ergänzt: Wir kommen eigentlich alle aus dem visuellen Bereich, Filmemacher und so. Ideen hatten wir also viele, aber leider hat das nicht so richtig geklappt. Ich glaube das kommt daher, weil die Künstler, mit denen wir kooperierten, ihr eigenes Ding daraus gemacht haben. Wir würden gerne eine CD-ROM mit unseren eigenen Ideen machen, mit jemandem, der das technisch umsetzen kann, aber das ist teuer.
Wir würden was mit einem großen Friedhof machen, bei dem man in den Stammbaum von Familien eingreift, und zwar rückwärts. Interaktiv könnte man verschiedene Leute zusammenführen, eine eigene Dramaturgie erstellen und der Computer kreiert dann eine Geschichte aus den Entscheidungen, die man dadurch gemacht hat, wer wen trifft. Man könnte eine Art spirituelle Information über die Leute erstellen. In dieser Struktur könnten wir jede Menge Spiele und visuelle Jokes ebenso wie Sounds einarbeiten, die uns interessieren. Wir haben noch viel mehr Ideen, aber es ist alles nicht so einfach.
CD-ROMs sind weniger interaktiv, als man behauptet.
Es ist ein weiter Weg, das programmieren zu können und wenn man jetzt da nicht hineininvestiert und damit wächst und lernt, ist es schwierig. Wir haben mit Samplern begonnen, als sie noch richtig teuer waren, mittlerweile benutzen fast alle einen, aber wir haben in der Zwischenzeit sehr viel gelernt. CD-ROM, das ist nochmal ein anderer Weg.” Vorerst dann vielleicht doch erst nochmal Musik von Stock, Hausen & Walkman.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.