Ein etwas ungewöhnliches Fanzine. Statt auf Papier gedruckt zu sein, klebt das Wall Street Journal an der Wand. Hauptsächlich in Berlin, mittlerweile aber auch an anderen Orten.
Text: Clara Völker aus De:Bug 92

Wall Street Journal
Ein Forum für urbanes Design

“Das Wall Street Journal ist eine Wandzeitung und ein Fanzine. Die Themen, die wir behandeln, haben hauptsächlich mit Street Art zu tun – wobei Street Art ein Begriff ist, den wir nicht so leichtfertig in den Mund nehmen. Wir sind selber aktiv und haben irgendwann gemerkt, dass wir die Szene auch kennen lernen und interviewen wollen. In diesem Rahmen haben wir uns getroffen und die Idee entwickelt, Interviews gemacht und wild rausgeklebt“, so Heike Jäger, neben Antonia Schulz eine der beiden grundlegenden Kräfte des Wall Street Journals. Seit Ende 2003 kann man alle zwei Monate eine neue Ausgabe des Journals auf der Straße lesen. Es schmückt nicht nur die Mauer des Berliner Underground-Clubs “Lovelite“, sondern auch andere Wände, insbesondere in Berlin-Friedrichshain. Zunächst wurden nur lokale Aktivisten interviewt, inzwischen kommen aber auch internationale Straßen-Spieler zu Wort. Eine Zeitung im klassischen Sinn ist das Wall Street Journal allerdings bewusst nicht: “Es ist ein Forum, das wir irgendwo installieren und an dem dann weitergearbeitet werden kann. Es gibt in dem Sinne keinen Druckschluss. Klar, es gibt den Moment, in dem wir im Kopierladen stehen, aber dann ist die Zeitung noch nicht fertig. Wir installieren die irgendwo und versuchen, dabei Freiräume zu lassen, die dann weiterbearbeitet werden können. Es haben Leute mal Artikel dazugeklebt, es kommen Plakate hinzu …”, so Antonia. Das Wall Street Journal befindet sich, wie so ziemlich alles auf der Straße, in konstanter Entwicklung, es ist tendenziell unabgeschlossen und unbegrenzt. Die verschiedenen Orte wirken in je anderer Weise auf die Zeitung, die nach einem Baukastensystem geklebt wird. Beispielsweise ist der legale Spot vorm Lovelite neben einer visuellen Kommunikationsfläche auch ein realer Sozialraum. “Wenn man so einen Ort hat, dann kann man ganz in Ruhe Konzepte entwickeln. Am Anfang gab es dadurch, dass es da ja einen Ansprechpartner gibt, recht viel Feedback, was auf der Straße selten ist“, erklärt Heike. Antonia meint: “Manchmal waren die wilden Ausgaben schöner als die Hauptausgabe, weil sie natürlicher gewachsen waren. Die Hauptausgabe ist ja in gewisser Weise gemütlich: Wir dürfen das da machen und können uns Zeit lassen. Da kommt die soziale Komponente rein, man kann da Leute kennen lernen, zusammen weitere Dinge planen und weiter ziehen. Ich glaube, wenn wir die Wand nicht gehabt hätten, wären ganz viele andere Sachen nicht entstanden. Trotzdem ist es dann natürlich reizvoll, aus dieser Gemütlichkeit wieder rauszugehen und es woanders zu installieren, wo man mehr Leute erreicht.“

Raus aus der Print-Schublade

Mit dem Wall Street Journal ist vieles möglich und gerade anfangs ging es hauptsächlich ums Ausprobieren und Herumexperimentieren: “Am Anfang war es so, als hätte man das Feuer gefunden und wüsste noch nicht, was man damit machen kann. Man kann damit Sachen niederbrennen, kochen, sich damit wärmen etc. Und wir hatten natürlich alle so unsere Vorstellungen“, so Antonia. Als “politisch” versteht sich das Wall Street Journal nicht direkt, es ist vielmehr ein im Aktionismus implizit mitgetragenes politisches Motiv, das durchscheint. “Es ist eher so das Prinzip, dass das Persönliche stark politisch ist. In dem Rahmen, den wir praktisch begehen und ausstatten, vertreten wir natürlich unsere Meinung. Aber auf Text-Ebene sind wir ein Magazin, das sich den Aktivisten widmet. Und die haben wiederum nur manchmal einen politischen Anspruch. Ich glaube, es sollte nicht in erster Linie politisch sein, da es als Medium schon politisch genug ist“, so Heike. “Der Impuls, weswegen wir das überhaupt angefangen haben, war ganz stark, dass man den öffentlichen Raum bespielt. Das ist eine Variante, die sich optisch und inhaltlich verändern kann. Für mich ist das ein interessanteres Experiment als ein Print-Heft zu machen, das in der Schublade landet und mit dem man etwas repräsentieren muss, was wir definitiv nicht tun. Wir nähern uns den Sachen persönlich und haben keinen Anspruch, die Szene zu repräsentieren.“ Außerdem wollen sie gerade auch die Leute erreichen, die zufällig vorbeilaufen, stehen bleiben und sich wundern. Antonia: “Es soll kein Egoding sein. Wir versuchen so gut es geht, hinter dieser Zeitung zurückzutreten. Wir haben das Gefühl, dass sie nicht nur über diese Straßenkunst-Sache berichtet, sondern dass sie auch selber Teil davon ist. Weil sie an den gleichen Orten passiert und teilweise vielleicht auch dieses Plateau herunterholt, so dass die Leute vielleicht einen schnelleren Zugang bekommen, weil sie sich über jemanden informieren können und seine Ansichten mitbekommen.“ Als eine informierende Überraschung und eine Art Tafel für die Aktiven sucht das Wall Street Journal seinesgleichen. Dass die beiden, die einen künstlerischen Fanzine- und einen kleinstädtischen HipHop-Background haben, noch keine Website hergestellt haben, erklärt Antonia: “Bei unserem Tempo wird das noch etwas dauern, da für uns die Straße wichtiger ist. Aber wir arbeiten an einer Internetseite, die vor allem für die Texte gedacht ist.“ Zudem soll man sich auch die Wallstreet-Papers runterladen und in der eigenen Stadt modifiziert ankleben können.

Und wie steht das Wall Street Journal zur Street-Art-Explosion und zum Hype der letzten Jahre? Heike: “Wir sind ziemlich abgestumpft. Wenn es immer mehr wird, wird es irgendwann schwierig, die eigene Wahrnehmung scharf zu halten.” Antonia: “Es ist halt sehr leicht, einen Aufkleber oder ein DIN-A4-Papier irgendwo an eine Wand zu kleistern. Beim Writing gibt es ja noch diese illegale Hemmschwelle und allein deswegen machen das nicht alle. Wenn man sich selber Mühe gibt, Sachen genau zu umschneiden oder die Kanten genau zusammenzukleben, fällt einem manchmal auf, dass andere Leute das lockerer handhaben. Das kann gut sein, ist aber oft lieblos. Ich gehe fast immer nur dann nach draußen, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Sachen irgendwo hingehören. Ich sehe das immer als einen Tausch an: Die Leute geben meiner Arbeit eine gewisse Aufmerksamkeit und im Gegenzug bekommen sie vielleicht ein kleines Kopfkino, ein Lächeln. Ich sehe darin immer eine Möglichkeit und gleichzeitig auch eine Verantwortung.“ Die Verantwortung besteht darin, Liebe in die Dinge zu stecken und ein Auge aufs Detail zu werfen. Statt einem kurzlebigen Werbeeffekt steht bei Antonia und Heike eine länger wirksame Tiefe im Vordergrund, eine eigene Perspektive, die den Leuten etwas gibt: Bewegungen in der Stadt festhalten und nachzeichnen, Linien sichtbar machen, umlenken und neue hinzufügen, die eine Eigendynamik entfalten können.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.