Streetart ist auch in Venezuelas Hauptstadt Caracas nicht zu übersehen. “Hase” ist der Star der Szene, “La Lucha” sein neuestes Projekt gemeinsam mit der Künstlerin Pian.
Text: Apolonia Clara Guilarte aus De:Bug 92

Scharfschützen an der Wand
Streetart in Venezuela

Bis vor etwa zehn Jahren waren Graffitis in Caracas vor allem Sache pseudopolitischer Studenten, zorniger Anonymer oder Verliebter. Dann tauchten vier große Buchstaben auf den Wänden der Straßen der venezuelanischen Hauptstadt auf. Und zum ersten Mal zeichneten sich die Malereien durch etwas aus, verbrämten etwas Bestimmtes in der Stadt …

Die vier Buchstaben gehörten “Hase”. Inzwischen ist es nahezu unmöglich, sich Caracas ohne seine Unterschrift/seine Signatur vorzustellen. Seine Arbeit ist ein Aushängeschild für Beharrlichkeit und Kontinuität und gleichzeitig eine kleine kommunale Revolution in der venezuelanischen Kunstszene. Hase ist wahrscheinlich Venezuelas bekanntester Autor. Seine Arbeiten als Grafikdesigner sind unter anderem in mehreren Publikationen des Gestalten Verlages vertreten. Daneben ist er Dancehall- und HipHop-DJ. Sein jüngstes Projekt heißt La Lucha, der Kampf. Er hat es zusammen mit der Designerin und Mitbegründerin des Künstlerkollektivs simpl3, Pian, ins Leben gerufen. Die Bilder von La Lucha stehen für den ungebrochenen Willen, den Kampf nicht aufgeben zu wollen in einem Land, in dem es aufgrund der politischen Situation mehr als schwer fällt einfach weiterzumachen.

Wie Soundsystems in Caracas die Streetart beeinflussen, wie Präsident Chavéz, Protest und Graffiti zusammenhängen und welche neuen Tendenzen es gibt, erzählen beide im Gespräch:

Hase: ”Als ich 1996 mit Graffiti anfing, war die Stadt noch jungfräulich. Damals ging es mir vor allem darum, überall in der Stadt meine Spuren zu hinterlassen und mich dabei abzusetzen. Eddings, spezielle Kappen, das gab es alles nicht. Es war nicht der Kick alleine, der mich dabei faszinierte, es war vor allem die Art des Komponierens, also das ‘Was passiert, wenn ich es an dieser Straßenecke oder auf dieser Statue mache? Wie nehmen das die Leute wahr?’. Mittlerweile ist Caracas mit den unterschiedlichsten Arten von Bildern überhäuft: Tags, Sticker, Bombas, Schablonen und auch große Arbeiten sind darunter. Als sich dann mit dem Gemetzel vom 11. April schließlich die innenpolitische Situation unter Chavéz zuspitzte, dachte ich mir, dass ich auch meinen Graffitis einen sozialen Inhalt geben muss, nicht mehr nur für ein kleines Publikum arbeiten kann, sondern es für die gesamte Öffentlichkeit tun muss. So machte ich eine Schablone, die die Leute direkt ansprach, und entschied mich dabei für das Motiv des ‘Francotiradors’ (Scharfschützen). Und ungefähr ein Jahr später wurde dann La Lucha geboren.“

Pian: ”Ich habe mich intensiv mit Plakatkunst beschäftigt. Vor allem die kubanische begeisterte mich, der chinesische Revolutionär, der Russe von Rodchenko. Aber auch die Plakate von Toulouse Lautrec bis hin zu den typografischen Arbeiten der verschiedenen Soundsytems, die man überall in Caracas findet, verzauberten mich. Als ich Hase begegnete, führte er mich in die Bildsprache der urbanen Kunst ein und zusammen entdeckten wir so unsere gemeinsame Vorliebe für die Serigrafie. So wurde La Lucha geboren. Der Name La Lucha ist ein kommunaler Begriff: Bei uns zu Hause führten wir den ‘Kampf um den Cent – La lucha por la locha’. Genau diesen Satz habe ich auch auf einem Plakat von mir verwandt, das ein bewaffnetes, traurig schauendes Mädchen zeigt. Es ist eine Kombination aus einem Design, zu dem mich Zirkusplakate inspirierten, und Sozialkritik. Ich begann, Kinder als Thema zu lieben, weil sie für mich die Sanftheit, Unschuld, Unverdorbenheit und die Schönheit des Momentes repräsentieren, wenn man unvoreingenommen durch die Welt geht.”

Hase: ”Meine Arbeit geht auf ein Plakat zurück, das einen Boxkampf ankündigte. ‘Hase vs. Hase – La lucha continua’ (Der Kampf geht weiter) stand darauf. Die Leute sollten sich durch das Plakat animiert fühlen, ihren Weg trotz des politischen Schlages in Gestalt der Massenarbeitslosigkeit, der die gesamte Bevölkerung in den Stillstand versetzt hatte, einfach weiterzugehen …”

Das Projekt stieß in der Öffentlichkeit auf viel positive Resonanz. Eine Ausstellung und die Entwicklung seines Projektes mit Pian folgten.
Derzeit setzt Hase seine Arbeit mit der Serie “Herramientas” (Tools) fort, in der er das Handwerkszeug der Graffiti-Künstler wie Farbrollen, Eddingstifte und Pinsel auf überdimensionierten Postern verewigt. Und gerade vor ein paar Monaten hat er unter seinem Musiker-Pseudonym DJ Castor die Platte “Real y Medio” produziert, gestaltet und auch finanziert. Damit erweist er seiner anderen großen Liebe seine Referenz: dem HipHop.

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Elektronische Lebensaspekte.