"Graffiti" heißt nicht mehr Graffiti. Seit dem Jahrtausendwechsel muss man "Street Art" sagen, wo man einst noch Graffiti, "Piece", "Stencil" oder "Sticker" sagen durfte. Plötzlich gibt es zwei Sorten illegaler "Kunst im öffentlichem Raum". Die Unterschiede sind fein, aber wiegen schwer.
Text: Clara Völker aus De:Bug 100


Absurderweise ist das Internet zu einer der Schlüsseltechnologien im Graffiti bzw. in der Streetart geworden. Absurd ist das insofern, als dass Graffiti mit digitalen Technologien eigentlich nur sehr wenig gemeinsam hat(te). Noch vor etwa zehn Jahren war Graffiti etwas, das man außerhalb seiner vier Wände auf Mauern, Zügen oder Toiletten sah. Skizzen davon verbargen sich in Blackbooks, Fotos waren heiß begehrt, gefährlich und garantierten irgendwann ein klein wenig Fame über einschlägige Magazine, die einen monatlichen Überblick gaben. Wer allerdings wirklich etwas sehen wollte, musste die Füße in die Hand nehmen und unterwegs, vor Ort sein. Das ist heute zu gewissen Teilen zwar noch immer so, aber das digitale Netz hat eine Menge verändert: Ohne das Internet wäre Streetart nicht das, was sie heute ist.

Aber was ist das überhaupt, “Streetart”? Eigentlich könnte man ja denken, dass alles, was irgendwo im öffentlichen Raum halb- bis illegalerweise untergebracht wird und künstlerisch-rebellische Spuren irgendeiner Art trägt, Graffiti genannt werden darf. Früher war das auch mal annäherend so: Es gab Graffiti (bunte Schriftzüge und Figuren auf Zügen oder Mauern) und dem entgegengesetzt Kunst (siehe Museen, Galerien und Künstler) und Straßenkunst (Pantomimekünstler, kreidegemalte Marienbilder auf dem Pflaster der Fußgängerzone etc.). Irgendwann durfte “Graffiti” dann auch auf Leinwänden und in Galerien stattfinden, rückte also in die Nähe der Kunst, was natürlich nicht unumstritten war. Tja, und dann tauchte Streetart auf (Character, Figuren und Botschaften auf Stickern, Stencils, Cutouts etc.). Es schlichen nicht mehr nur verschönerte Paketaufkleber über die Laternen und Ampeln, sondern ein ganzes Heer an Gestalten überwucherte die urbanen Mauern und Stahlträger. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann man, Zeichen auf der Straße als Teil der Kunst und nicht mehr nur als Schmiererei zu lesen – denn man konnte sie lesen und ihre Verwandtschaft zur bildenden Kunst und Comics deutlich sehen. Der Interessentenkreis wuchs, und voilà: Man nannte es Streetart. Dank des Wissensvorsprungs und Famebrutkastens des WWW entwickelte sie sich flink um den ganzen Globus, Stylekopien inbegriffen.

Zwei Fronten bauten sich auf: Graffiti versus Streetart. Graffiti ist “the real thing”, das, was Neuköllner Nike-Asis machen: vulgäre bunte Wandsprüherei und Scheibenkratzerei. Urbanes Revierpinkeln mit sehr dürftigem Kunst-Gehalt, aber massiven Testosteron- und Adrenalinschüben. Streetart hingegen ist das, was Studenten der bildenden Künste in ihrer Freizeit machen. Zu Hause zurechtgeschnitten, angemalt oder entworfen und dann irgendwo angeklebt. Niedliche Figuren und nach Kunst riechende putzig-rebellische Botschaften. Grob zugespitzt ist das der Graben, der zwischen diesen beiden Spielarten liegt. Während Graffiti die Mauer mit Farbe durchtränkt oder sich für immer in die U-Bahn-Fenster eingraviert, hat Streetart oft etwas Temporäreres. Denn was geklebt ist, kann im Prinzip entfernt werden, die Sprühdose oder der Marker sind nicht mehr essentiell. Insofern ist die Sachbeschädigung weniger schlimm und damit das Risiko einer Strafe geringer, weswegen sie mehr Nachahmer findet. Gleichzeitig ist Streetart vergleichsweise statisch, auch wenn der erfolgreiche Streeatartist dank Billigflügen und Kunstförderungen unterwegs ist und seine Character in der ganzen Welt verstreut: Für Streetart-Fame brauchen keine Züge durchs Land zu rollen, es genügt, wenn ein Foto durchs Netz kursiert und sich das entsprechende Icon oft genug in der Nachbarschaft wiederfindet. Während Graffiti meistens mit Buchstaben und Namen arbeitet, besteht Streetart oder Post-Graffiti zumeist nicht aus einer dem Alphabet geschuldeten Schrift, sondern aus Icons, Charactern. Damit sind sie theoretisch sogar für Laien entschlüsselbar. Dass man einen Streetart-Style weltweit wiedererkennen kann, ist unabdingbar für seinen Erfolg. Ästhetische Repetition ist der Schlüssel der Streetart. Dagegen geht es beim Graffiti gerade darum, zwar einen Style zu finden, sich jedoch nicht unnötig zu wiederholen. Streetart bricht also mit Graffiti, obgleich es Graffiti voraussetzt und weiterführt.

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Elektronische Lebensaspekte.

5 Responses

  1. nike-asi

    Leck mich anne tesch do knallidiot!

  2. m b

    dieser bericht ist elendig schlecht. desinformation. bullshit.