Mit "Has it come to this" hat Mike Skinner als The Streets den Hinterhofkonsenshit der lakonisch verregneten Saison geschrieben. Direkt aus dem Schlafzimmer und aus der Volksseele. 2 Step wird zur Folk-Musik.
Text: stephen lumenta aus De:Bug 59

2 Step

Ein Cockney aus Birmingham

The Streets

Die englische Musikpresse liebt Hypes, sie spricht gerne in Superlativen, sie braucht für das nationale Selbstverständnis neue, frische Vorzeigekünstler, um der Überschwemmung des heimischen Marktes durch US Produkte Einhalt zu gebieten. Jetzt schicken sie ihr neuestes Pferd ins Rennen, “The Streets”, und küren ihn – anders als der Plural suggeriert handelt es sich hier um eine einzelne Person, nämlich Mike Skinner (22) – einfach zum “britischen Eminem”. Bei so einem Titel wird man von Natur aus skeptisch, und wenn man die Liste der Preise, die da eingeheimst werden (u.a. Album des Monats im Ministry, The Face, The Telegraph, The Times) sieht, verliert man letztendlich den Glauben, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.

Im letzten Sommer hatten die oben bereits erwähnten Medien dank enervierender Dauerpräsenz 2 Step in das von ihnen, wenn auch ungewollt, geschaufelte Grab geschubst. Erst recht in deutschen Gefilden nahm das Interesse an dieser Musik stetig ab. Und auf einmal geisterte dieses eine Lied durch die Playlists von unterschiedlichsten Leuten wie Gilles Peterson, Jazzanova, einschlägigen Garage-Crews und Deep-House DJs: “Has it come to this”. Es hatte definitiv einen 2 Step Groove, war aber viel zu ruhig, um in den hektischen Kanon der glitzernden, kitschigen Stücke eingereiht zu werden. Und vor allem war dort die Stimme von jenem Mike Skinner, der mit rohem, nasalem Englisch auf sehr ironische Weise von seinem Leben erzählte. Ein Leben mit Raves, Piraten Radio, Playstations, McDonalds und Drogen. Straßenleben, aber ohne dieses Gangster Image zu suchen, wie es die englischen Kollegen von So Solid oder jeder übermäßig heterosexuelle US-Rapper gerne tut, sein Leben in Brixton/Süd-London, aus seiner Sicht beschrieben.

Speeded-Up HipHop

Mittlerweile ist es März 2002, das Debut-Album von “The Streets” ist fertig und es knüpft dort an, wo “Has it come to this” aufgehört hat: keine Club Hymnen, sondern einfach Kopfnick-Garage, der stark Ragga und HipHop beeinflusst ist. In einem dieser unerträglichen Büroräume über der Berliner Spree sitzt nun der fleischgewordene Hype: bleich, milchgesichtig, ziemlich dünn und unheimlich darauf bedacht, so wenig Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken wie möglich. Hier übt sich jemand in Bescheidenheit, in diesem Genre, das sonst von hochtrabendem Gepose lebt und in dem der Champagner literweise fließt. “Ich war nie wirklich Teil dieser Szene. Ich habe in dem Ganzen eher eine Außenseiterrolle, viele Leute kamen nicht damit zurecht, dass sich ein weißer Junge dieses Etikett “The Streets” gibt.” Wirklich stören tut es ihn aber anscheinend nicht: “Wenn ich in einen Club gehe, reicht es mir, wenn es was zum Lachen gibt und ich mir die Vögel anschauen kann. Die Musik, die dann läuft, spielt eher eine untergeordnete Rolle”, sagt er mit einem ordinären Lachen. Erschreckend authentisch und bodenständig der junge Herr, er erinnert an gleichaltrige Engländer, die man betrunken auf Mittelmeerinseln trifft.
Aber keineswegs unsympathisch, er ist ein aufmerksamer Zuhörer und wird zugleich ernsthaft, wenn es um seine Musik geht. “Mir ist egal, wenn ich mit Eminem verglichen werde. Das sind alles nur Aussagen, die keinerlei Grundlagen haben. Ich wollte auch nie die Stimme einer Generation sein, mir geht es hauptsächlich darum, gute Tunes zu machen und etwas Neues auszuprobieren. Ehrlich gesagt ist das Leben in Birmingham (wo Skinner aufgewachsen ist) nämlich nicht so exciting.” Das ist es aber gerade, was seine Texte ausmacht. Es werden keine aufgesetzten, unrealistischen Szenarien entworfen, sondern man erhält ein nüchternes Zeitzeugnis, das mit unheimlich viel Humor und Ironie angereichert wird. Er bezeichnet sich selber auch als “Piss-Taker”, jemand der die Umstände nicht sonderlich ernst nimmt und über vieles Witze macht – “Ich will nicht politisch sein” (Wenn man es überspitzt formuliert, könnte man ihn den Bob Dylan der Fast-Food Generation nennen). Die Gefahr, dass seine Lieder von Nicht-Engländern nicht verstanden werden, da er fast nur lokalspezifische Themen anspricht, sieht er nicht: “Ich bin selber mit der Musik und den Texten von Leuten aus New York aufgewachsen. Vielleicht ist das ja auch gerade der Anreiz dabei: Man hört lieber von Menschen aus anderen Gesellschaften, als das Neueste vom Nachbarn zu erfahren.” Dass vor allem die Musik aus New York einen großen Einfluss auf ihn hatte, bestätigt er selber: “Ich habe mir immer die Beastie Boys- und Run DMC-Sachen von meinem Bruder angehört und später versucht, mit zwei Tapedecks einen Loop aus den Beats zu kreieren, um darüber zu rappen. Auch heute noch mache ich Garage aus der Sicht eines HipHop Produzenten. Man könnte es Speeded-Up HipHop nennen.” Gegen Ende des Gesprächs zeigt sich, dass er sich, selber auch nicht zu ernst nimmt: “Ab und zu nehme ich meine Musik mit in die Badewanne”, sagt er auf die Frage, wo er mit seiner Musik hin möchte. Has it come to the Quietscheentchen?

the streets co uk

1. turn the page

2. has it come to this?

3. lets pusht hings foward

4. sharp darts

5. same old thing

6. geezers need excitement

7. its too late

8. too much brandy

9. dont mug yourself

10. who got the funk

11. the irony of it all

12. weak become heroes

13. who dares wins

14. stay positive

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Elektronische Lebensaspekte.