Text: ekrem aydin aus De:Bug 20

Falsche Götter? DJ Stretch Armstrong bedient sich im Ober- und im Untergrund, denn die Musik ist alles, was zählt. Ekrem Aydin wa0076@stud.uni-wuppertal.de DJ Stretch Armstrong heißt eigentlich Adrian Bartos, ist ungefähr zwei Meter groß, ruinierte als Vierjähriger die elterliche Plattensammlung und entwickelte seine ersten Skills auf dem College. Nebenbei Weißer, Ex-A&R Sucker bei Loud Records und inzwischen Besitzer des eigenen Labels Tastemaker mit profitablem Majoranschluß. Heute gilt er für viele als die Personifizierung des “Underground HipHopÒ. Dazu beigetragen hat massiv die Stretch Armstrong & Bobbito Radioshow auf WKCR, dem Campusradio der Columbia Uni, deren Mitschnitte hierzulande wie Gold und Safran gehandelt wurden (s. nebenstehenden Artikel über Bobbito). Mittlerweile hat er eine eigene Show auf Hot 97 FM New York. Das paßt mit Underground zwar eigentlich gar nicht mehr zusammen, was Stretch aber gut wegsteckt. DE:BUG: Wann wurde DJing für dich zum Business? S: Ungefähr ’89/ ’90, als ich langsam damit anfing, in Clubs aufzulegen. Ein Freund und ich veranstalteten Parties im College. Wir waren ziemlich erfolgreich, und so brachten wir die Party vom Campus in die Downtown-Clubs. Es kamen Leute aus der ganzen Stadt – es fing an, immer straighter zu werden. DE:BUG: Du bist jetzt 29. Ich glaube kaum, daß du bereits mit vier Jahren zum eingefleischten HipHopper wurdest. Was waren oder sind über die Jahre deine musikalischen Einflüße gewesen? S: In den 80ern wurde zwischen Hautfarbe und Musik nicht unterschieden. Du konntest in einen Club gehen und Sounds wie HipHop, House, Reggae oder Electro hören. Für mich als DJ war diese Zeit sehr interessant, da ich überall hingehen und auch überall nach neuer Musik Ausschau halten konnte und man kaufen konnte, was immer einem paßte. Zu dieser Zeit galten sämtliche urbane Sounds wie HipHop oder Club-House bereits als Untergrund. Die Leute waren viel offener für alles und wollten hören, was der DJ zu bieten hatte. Es war egal, ob gerade ein neuer Chicago House-Track lief, ein neuer HipHop Track aus New York oder neuer Reggae-Sound aus Jamaica. Die Leute erwarteten einfach vom DJ, Musik zu spielen, die sie noch nicht kannten. Heute ist es gerade in New York so (und nicht nur dort, Anm. d. Verf.), daß eine Drehung um 180 Grad stattgefunden hat. In den Clubs wird vom DJ erwartet, daß er die aus Radio und Fernsehen bekannten Tracks spielt. Die Leute gehen nicht mehr in den Club, um neue Sachen zu hören. Für den DJ ist diese Entwicklung besonders hart. DE:BUG: Die von dir gemixten Compilations “Lesson 1” und “Lesson 2” beinhalten nur Underground Artists… S: …halt, halt. Das ist nur so, weil die Compilations auf einem Indielabel erschienen sind und deshalb auch nur Indiekünstler drauf konnten. Mittlerweile läuft mein Label über 550 Soul (Sony). Würde ich jetzt eine Mix-CD aufnehmen, so wären nur Mainstream Artists drauf. Jetzt habe ich das Budget und den Vertrieb, um ein solches Projekt zu verwirklichen. Du kannst schließlich nicht zu Jay-Z gehen und ihm 500 Dollar dafür bieten, daß er einen Song für deine Compilation macht. Ich definiere mich selbst nicht als jemand, der nur Musik und Künstler vertritt, die nicht unter Vertrag sind. Von meinen derzeitigen Lieblingsscheiben ist keine einzige eine Indieplatte. Ich weiß, daß dies einige Leute überraschen wird, vor allem jene, die mich von meinen Radiosendungen her kennen oder nur von meinen eigenen Platten. Wenn sie mich in einem Club hören werden sie wahrscheinlich enttäuscht sein, daß Jay-Z und Big Pun genauso wie DMX zu meinem Set gehören. DE:BUG: Das funktioniert auf reinen Hip Hop Parties nur bedingt in Deutschland… S: …Du kannst die Musik von meinen CDs nicht in Clubs spielen. Bei uns würden dich die Leute auslachen. DE:BUG: Es ist schwierig, anspruchsvolle HipHop Events zu machen und auch noch Party dabei zu haben. S: Man braucht gute Leute dazu. Ich habe Parties erlebt, die gut organisiert waren und brechend voll, und dann standen die X-ecutioners an den Plattentellern und ihnen wurde mit Mord gedroht, falls sie nicht endlich ein Stück zum tanzen spielen würden. Als Fat Beats eröffnete und noch völlig unbedeutend war, luden sie DJ Spooky zu einer DJ-Convention ein. Stell Dir das vor: knapp 100 Battle-DJs sehen DJ Spooky Ð sie mußten den Laden beinahe evakuieren. Die Leute sind so festgefahren in ihren Meinungen. Ich habe meine eigene Unterteilung dafür. Für mich gibt es den “Rucksack-Rap”, der vornehmlich von Weißen gehört wird. Für die ist Rawkus das Maß der Dinge. Auf der anderen Seite gibt es den “Ghetto HipHop”, vertreten durch Künstler wie Noreaga, Big Punisher und Co. Ehrlich gesagt gefällt mir dieser Sound besser, weil er einfach viel härter ist. Ich habe Schwierigkeiten ein Dutzend Underground-Tracks zu finden, die gut produziert, gut abgemischt, hart und mit guten MCs versehen sind. Fat Beats ist der Laden in dem man diese Scheiben findet. Aber letztens war ich dort, und fast alles ging mir auf die Nerven. Es ist schade, daß die Independentszene im Moment so hinterher hinkt. Sie sollte den Trend angeben. Aber es ist leider anders. Im Moment vergiften ein paar Leute in New York mit ihren Einstellungen die Umgebung, indem sie alles für unwürdig befinden. Eigentlich sind sie noch nicht einmal lange genug dabei, um solche Kritiken zu verteilen. Auch ich werde dafür beschimpft, daß ich kommerziellen HipHop in den Clubs spiele oder einfach nur für die Tatsache, daß ich auf Hot 97 bin. DE:BUG: Wie ist es als weißer DJ in einer Stadt wie New York HipHop aufzulegen, eine Musik, die dort zu neunzig Prozent nur von schwarzen gehört wird? Bekommst Du böse Blicke? S: Es interessiert sie überhaupt nicht. Mir ist es schon oft passiert, daß Leute, die mich zum ersten mal sahen einen Schritt zurück machten und fragten: “Das ist Stretch? Oh shit”, als ob sie ihr Gehirn danach erst einmal reorganisieren müßten. Im Verlauf des Gespräches stellt sich immer mehr heraus, daß Stretch Armstrong bei weitem nicht der Untergrundprotagonist ist, zu dem er hier stets gemacht wird. Im Gegenteil Ð mehr und mehr outet er sich als Anhänger der kommerziellen und dadurch auch clubtauglicheren HipHop Musik. Er selbst sah sich nie als Verfechter der Untergrundbewegung, sondern vielmehr als ein DJ, der neues mit altem zu verbinden sucht und dabei Musik von bekannten und unbekannten Künstlern einbringt. Künstler aufgrund ihrer Bekanntheit auszugrenzen. hält er für dumm und intolerant. Trotzdem ist er kein Tupac-Fan, doch er versteht seine Bedeutung. “Tupac spricht hauptsächlich zu den Schwarzen und diese schwören nicht umsonst auf seinen Namen.” Er schätzt Funkmaster Flex als Freund und Kollegen, der erreicht hat, was vor ihm keiner geschafft hat. Er hält seine Arbeit für bahnbrechend und zögert nicht, bei ihm im Zweifelsfall um Rat zu fragen. Und auch wenn es laut Stretch kein Geheimnis ist, daß DJ Clue seine ersten Mix-Tapes aus Mitschnitten der Stretch & Bobbito Show gemacht hat, so hält er Clues Album für einen absoluten Hit. DMX, ein Rapper, der seit seiner “Wiedergeburt” hauptsächlich durch seine Hundegebell-Imitationen zu identifizieren ist, ist für Stretch Armstrong ein Künstler, der es nach jahrelangen Anstrengungen endlich zum verdienten Ruhm geschafft hat. Laut Stretch müßten die Deutschen DMX eigentlich lieben, da wir ja so aggressiv veranlagt sein. Ein Gig in Berlin vor etwa acht Jahren, bei dem sich einige Leute in die Haare bekamen, verleitet ihn zu dieser Annahme. Ich sage ihm, daß Berlin schon immer etwas anders war, bevor wir auf seine Tätigkeit beim Radio zu sprechen kommen. S: Ich war bereits ein etablierter Club-DJ als ich die Gelegenheit bekam, Donnerstags eine Radioshow zu machen. Ich kippte dafür einen wöchentlichen Gig in einem großen New Yorker Club, aber es war die richtige Entscheidung. Ich fragte dann Bobbito, ob er nicht Lust hätte, mitzumachen, da ich kein Freund des Mikrofon bin und er ein prima Host ist. Der Nachteil war, daß nun mehr und mehr Leute anfingen die Sendung als die Bobbito-Show zu bezeichnen. Funkmaster Flex gab mir damals den Tip, daß ich daß Mikro nicht vernachlässigen soll, damit die Leute auch wissen, daß es mich gibt. Auf Hot 97 bin ich jetzt der alleinige Host. Bobbito und ich sind total unterschiedlich in unseren musikalischen Ausrichtungen, das hätte für den Sonntag auf Hot 97 nicht funktioniert. Außerdem ist die Arbeit viel komplexer und professioneller. D: Was steht uns in Zukunft von Dir ins Haus? S: Ich denke, ich werde ein Album rausbringen, doch das wird mindestens noch ein Jahr dauern. Außerdem möchte ich ein Mix-Tape machen. Nicht so wie die “Lessons”, sondern mehr wie ein richtiges Mix-Tape. Ich bin einfach zuviel im Radio und nehme mir zu wenig Zeit dafür, aber es wird ein erstes Mix-Tape im Januar geben und dann werde ich versuchen alle zwei Monate ein neues heraus zu bringen. Kenny Ruggid von den Dutchmin wird auf meinem Label Tastemaker sein erstes Album veröffentlichen und außerdem werde ich mir zwei Häuser zulegen (lacht). Unser Interview geht nach über einer Stunde zu Ende. Es war das erste seiner Art mit einem amerikanischen Künstler, der eben nicht die Arroganz so vieler anderer seiner Landsleute teilte. Noch dazu das witzigste überhaupt. Am Abend legt er im Museum Ludwig unter dem Kölner Dom im Zuge der New York-Ausstellung auf und ich bekomme gerade noch mit, wie die Leute zu seinem Stuff feiern. Viele davon mit Rucksäcken…

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Elektronische Lebensaspekte.