Mark Finkelstein will´s noch einmal wissen
Text: Felix Denk aus De:Bug 114


New York war Ende der 80er, Anfang der 90er der Taktgeber der Housewelt, das Label Strictly Rhythm der Hauptdirigent. Ab 94 war künstlerisch Sense. Jetzt geht der ehemalige Gründer Mark Finkelstein mit neuem Businessplan an die Wiederbelebung des Labels. Für Dancemusic interessiert er sich heute so wenig wie damals.

Eine halbe Stunde lang war Mark Finkelstein kaum zu unterbrechen. Er hat eine Menge vor und sehr viel zu erzählen. Als das Gespräch beendet ist, steht er vom Sessel auf, sucht nach einer Visitenkarte, findet keine und sagt einfach “C’mon I give you a hug!“. Und schon schließt er einen fest in die Arme, dieser einnehmende Geschäftsmann mittleren Alters, der Cowboy-Stiefel zu seinem anthrazit-grauen Anzug trägt und dessen Lebensgeschichte so reich an Wendungen ist, als stammte sie aus einem Schelmen-Roman. Finkelstein baute an der Mondlandefähre der Apollo 11, kokste im Studio 54, beriet Björn Borg in Business-Angelegenheiten und stellte mit Strictly Rhythm das erfolgreichste House-Label aller Zeiten auf die Beine – ohne auch nur einen blassen Schimmer von House zu haben. Dann setzte er es in den Sand. Und jetzt nimmt er zum zweiten Mal Anlauf.

Strictly Rhythm war immer mehr als ein Label. Schon vom Umfang her. Stolze 627 Maxi-Singles erschienen, die Veröffentlichungen auf den unzähligen Sublabels nicht mitgerechnet. In der Frühphase hat das Label House definiert. Egal ob Garage, Deephouse, Vocal-House, Wildpitch – überall waren die New Yorker ganz vorne. Wer in der House-Music Rang und Namen hatte, musste hier veröffentlichen, auf dem Label von Masters at Work, Todd Terry oder DJ Pierre. Zwischen 1994 und 1998 war Strictly Rhythm auf dem kommerziellen Höhepunkt. “I like to Move it” von Reel 2 Real und “Free” von Ultra Naté verkauften sich in sechsstelliger Höhe. Danach das traurige Ende. Unterirdische Dancefloor-Acts wie die Vengaboys (“Boom Boom Boom“) kamen auf dem Sublabel Groovilicious raus. Der kreative Kollaps, Beschallung für die Schaumparty. Das Mutter-Label gehörte da schon zur Hälfte dem Major-Label Warner und als 2002 dann ganz die Lichter ausgingen, geschah das fast unbemerkt. Der letzte Fan war längst vergrätzt.

Es ist also eine wirklich mausetote Leiche, die hier wieder ausgebuddelt wird. Zumal New York schon lange nicht mehr der Nährboden für interessante Musik ist. Ohne Reiz ist der zweite Anlauf von Strictly Rhythm dennoch nicht. Finkelstein macht ernst: Er hat ein ungewöhnliches Geschäftsmodell. Und neue Partner an seiner Seite. Allen voran Simon Dunmore von Defected, der für den künstlerischen Bereich zuständig ist. Und zweite Chancen hat Mark Finkelstein schon oft zu nutzen gewusst.

Von der Luftfahrt …
De:Bug: Mr. Finkelstein, Sie haben Strictly Rhythm gegründet, das erfolgreichste House-Label aller Zeiten. Weniger bekannt ist eine andere Leistung: Ihren Namen kann man auf dem Mond lesen. Wie kam es denn dazu?

Mark Finkelstein: Das hat mit meinem ersten Beruf zu tun. Ich hab Luftfahrt-Wissenschaft und Astronomie studiert und dann Ende der sechziger Jahre als Ingenieur bei Grumman gearbeitet, einem großen Luftfahrt-Konzern. Dort habe ich an der Mondlandefähre gebaut und an der Tomcat F14. Haben Sie Topgun gesehen?

De:Bug: Als Teenager.

Mark Finkelstein: Das ist mein Flugzeug. Alle Ingenieure, die an der Mondlandefähre arbeiteten, unterschrieben auf einem großen Papier. Das wurde fotografiert und als Negativ in einer Zeitkapsel mit anderen Erinnerungsstücken dieser Ära gepackt. Die Zeitkapsel hat Neil Armstrong dann mit der Apollo 11 auf den Mond mitgenommen und dort vergraben. Ich habe das Negativ noch. Da sind viele Namen drauf, tausende. Ich war also nicht einer von wenigen.

De:Bug: Von der Raumfahrttechnik in die Musikbranche, das ist ein weiter Weg. Wenn der eigene Name schon um die Erde kreist, wird dann die Disco zur neuen Final Frontier?

Mark Finkelstein: Gewissermaßen. Es klingt natürlich aufregend, wenn der eigene Name auf dem Mond vergraben ist. Aber eigentlich habe ich den Job gehasst. Ich habe da vier oder fünf Jahre als Ingenieur gearbeitet, gleich nach dem Uni-Abschluss, und ich war nie glücklich. Es war wie in dem Film “Täglich grüßt das Murmeltier“. Jeden Tag musste ich dasselbe machen. Jeden Tag kam mein Boss mit komplizierten Aufgaben. Dann habe ich meine Papierrolle ausgebreitet und angefangen zu rechnen. Computer gab es damals nicht. Und immer, wenn man mit etwas fertig war, kam sofort etwas Neues auf den Tisch. Alles, was ich tat, war Zahlen aneinander reihen.

De:Bug: Es war also keine moralische Entscheidung? Immerhin waren es die sechziger Jahre, immerhin haben Sie für einen Konzern gearbeitet, der Waffen herstellte.

Mark Finkelstein: Nein, ich wollte einfach etwas anderes tun. Die Arbeitsbedingungen nervten mich. Ich saß da, und die Tage wurden immer länger. Anfangs waren es noch 48 Stunden die Woche. Gegen Ende des Projektes kamen noch die Samstage hinzu, 56 Stunden die Woche, dann die Sonntage, 65 Stunden. Der Lohn blieb indessen gleich. Ich war einer von 2000 Leuten in einer großen Fabriketage. Ich ging also zurück in die Schule und machte einen Abschluss in Finance, ein MBA. Während ich das tat, habe ich für die Stadt New York gearbeitet und Aufzüge für unterirdische Wassertunnels gemacht.

De:Bug: War das angenehmer, unter die Erde zu reisen als in den Himmel?

Mark Finkelstein: Definitiv. Anders als ein Kampfjet oder eine Mondlandefähre muss ein Aufzug nur rauf und runter fahren. Wenn man unsicher ist, baut man es eben stabiler. Bei einem Flugzeug muss man um jedes Gramm feilschen. Als ich mein Diplom bekam, habe ich für Ernst and Young gearbeitet, als Unternehmensberater. Später habe ich eine eigene Firma mit meinem Bruder gegründet. Wir ermöglichten es, Geschäftsbesitzern, die nicht anwesend sein konnten, ihr Geschäft zu führen. Unsere Kunden waren Björn Borg, Jimmy Connors und Illie Nastase. Tennis war unheimlich populär damals.

… ins Studio 54
De:Bug: Genau wie Disco. Waren Sie ein begeisterter Tänzer?

Mark Finkelstein: Oh ja. Wir waren jung und erfolgreich. Wir hatten einen guten Ruf in der Branche. Und es waren die 70er Jahre, alle standen auf Disco und wollten ins Studio 54. Wir hatten auch eine Show am Broadway, die Go Disco hieß. Die war zwar ein Flop, aber wir hatten einen der Türsteher aus dem Studio 54 in der Show.

De:Bug: Wie praktisch!

Mark Finkelstein: Ja, unbedingt. Ich war auch mit Steve Rubell und Ian Schrager befreundet. Wir waren alles junge Männer in Manhattan, wir waren auf der Überholspur und hatten gerade diese neue Droge entdeckt. Das Studio 54 war ja ein unfassbarer Laden, allerdings nur für eineinhalb Jahre. Dann ging Rubell in eine Talkshow und sagte, was das Finanzamt nicht wusste, würde ihm nicht wehtun. Natürlich sah das ein Beamter und bald gab es eine Razzia, bei der Millionenweise Schwarzgeld unter der Decke gefunden wurde. Rubell und Schrager mussten ins Gefängnis. Jemand anderes übernahm den Laden. Aber das funktionierte natürlich nicht mehr. Es war die Zeit, als Kokain entdeckt wurde. Jeder nahm es, auch öffentlich. Nach dem Abendessen wurde es oft auf einen Löffel getan und am Tisch rumgereicht. Niemand dachte, es wäre gefährlich. Ich selber habe es sechs Jahre regelmäßig konsumiert. Es hat viele Leben ruiniert. Anfangs dachte man ja sogar, es wäre gesund. Es ist organisch, erzeugt ein gutes Gefühl, man nimmt ab. Wie wenig wir wussten! Aber wir kamen aus den sechziger Jahren. Da wurde Marihuana entdeckt und Sex. In den fünfziger Jahren gab es das nicht. Es ging um Bürgerrechte, Frieden, Veränderungen. In dieser Phase wurden auch Fehler gemacht. Wir haben zwei begangen: Das eine waren die Drogen, Kokain. Das andere waren all die Zigaretten. Die Tabakfirmen sagten uns, das sei nicht gefährlich. Beides kostete mehr Leben als jeder Krieg, den wir je geführt haben.

De:Bug: Ihr erster Job in der Musikbranche war bei dem R&B Label Spring Records. Wie kamen sie da hin?

Mark Finkelstein: Über unsere Show Go Disco. In dieser Zeit ging es mit meiner Beratungsfirma bergab. Es gab eine Rezession, die Zinsen stiegen. Den musikalischen Leitern von Go Disco gehörte Spring Records. Die brauchten einen Geschäftsführer. Ich hatte einen tadellosen Leumund und sie machten mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ich habe dann drei Jahre da gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich auch Gladys Pizarro angestellt, zuerst als Empfangsdame, dann machte sie die Radio-Promotion. Als Spring dann 1988 zumachen musste, sagte sie zu mir: Lass uns ein Label starten.

De:Bug: Die Pleite von Spring-Records hat sie gar nicht abgeschreckt?

Mark Finkelstein: Doch. Ich sagte ihr, wir hätten doch gerade eines geschlossen. Und mir war klar, dass wir nicht von den Radio-Stationen gespielt würden. Daran ist auch Spring Records gescheitert. Und R&B braucht Radio-Support, so wie Rock und Pop. Aber Gladys sagte, sie wolle House-Music machen. Ich wusste gar nicht, was das ist. Dance-Music, erklärte sie mir. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Als Disco endete, dachte ich, ging ja auch die Dance-Szene zu Ende. Dann gab sie mir ein paar Platten, um mir die Musik mal anzuhören. Das waren Vinyl-Platten, das Format, das die Majors gerade abschafften.

De:Bug: Was gab dann den Ausschlag, das Risiko doch einzugehen?

Mark Finkelstein: Mein Vater. Ich ging zu ihm und fragte ihn um Rat. Er meinte, ich sollte das Risiko eingehen. Ich hatte 25.000 Dollar auf der hohen Kante, die Abfindung von Spring Records. Eigentlich wollte ich mir davon ein Taxi kaufen. Ich hatte eine Ex-Frau und Kinder, die ich versorgen musste. Wenn ich das Geld verlieren sollte, sagte mein Vater, dann würde er es ersetzen. Am 1. Mai 1989 habe ich dann mit Gladys Strictly Rhythm gestartet. Mein erstes richtiges Gehalt habe ich dann im Juli 1994 bekommen. Bis dahin haben wir Platten aus dem Auto verkauft, hier und da ein paar Dollar dazuverdient. In dieser Zeit gab es zum Abendessen oft nur die Cornflakes, die ich schon zum Frühstück gegessen habe. Ich musste auch mein Auto verkaufen, um die Miete zahlen zu können.

Auferstehen aus Trümmern
De:Bug: Warum möchten Sie das alles jetzt noch mal auf sich nehmen?

Mark Finkelstein: Ich möchte beweisen, dass das erste Mal kein Zufall war. Und: Der Status Quo der Musikindustrie liegt in Trümmern. Die Major-Labels können keine Platten mehr verkaufen, jeden Monat werden es weniger. Sie haben die Hosen voll. Das sind die Zeiten, die die besten Möglichkeiten bieten für Leute, die es anders machen wollen.

De:Bug: Als Sie Strictly Rhythm gründeten, setzten Sie auf ein antiquiertes Format – Vinyl -, hatten sehr junge Künstler und mit Gladys Pizarro jemanden, der noch nie als A&R gearbeitet hat. Was hat sie zuversichtlich gemacht, dass das Label ein Erfolg wird?

Mark Finkelstein: Einmal Gladys Pizarro selbst. Ich vertraute ihr vollkommen. Sie war der beste A&R auf dem Planeten. Und ich wusste eben, wie man ein Business macht. Das Wichtigste in der Geschäftswelt ist, dass man integer bleibt. Und in unserem Geschäft sind das wenige. Wir machten damals ein Familien-Konzept. Das gab es so nicht in der Musikindustrie. Nach ein paar Jahren verkaufte ich damit 1.3 Millionen Platten und war der größte Lizenz-Geber für Tanz-Musik. Und das, obwohl niemand von den 25 Leuten vorher in dem Gebiet gearbeitet hat. Mein Promoter hat vorher keine Promotion gemacht. Der Typ, der die Produktion geregelt hat, machte das zum ersten Mal. Niemand konnte Erfahrung in der Musikindustrie vorweisen. Aber gerade das war lange Zeit perfekt. Und dann haben wir viele Fehler gemacht. Wir haben unzählige Labels gegründet, ich habe sogar die Namen vergessen. Wir hatten zwar das Herz am rechten Fleck, aber nicht immer einen klaren Kopf. Am Ende haben wir es vergeigt. Aber wir waren anders. Eine Bande Kids mit mir als altem Typen. Alle liebten die Musik, liebten die Parties und die Künstler.

De:Bug: Wie viele Platten haben sie zu Spitzenzeiten veröffentlicht?

Mark Finkelstein: Auf Strictly Rhythm waren es zwei pro Woche. Mit den anderen Labels zusammen bis zu vier. Im Jahr kamen wir damit auf gut 400 Platten mit all unseren Sublabels – Groovalicious, Subliminal, MAW, Henry Street und so weiter. Ich habe ja eine ganze Menge Labels für alle möglichen Leute geführt. Als die DJ-Produzenten erfolgreich wurden, war mir klar, dass ich sie nicht halten könnte. Also versuchte ich sie in ihrem Geschäft zu unterstützen. Da verdiente ich zwar weniger, war aber immer noch im Geschäft. Zu diesem Modell will ich jetzt zurück. Ich werde etwas mit Kenny Dope Gonzales machen, mit Todd Terry und auch mit Gladys Pizarro. Bis zum Ende des Jahres möchte ich acht bis zehn Labels haben und nächstes Jahr um die 150-200 Stücke veröffentlichen. Jedes wird unterschiedlich sein und einen eigenen Fokus haben. Ich möchte damit eine Community von Labels haben, die zusammenarbeiten.

De:Bug: Das klingt ja so ähnlich, wie es bereits war.

Mark Finkelstein: Es wird wichtige Unterschiede geben. Ich glaube beispielsweise nicht an digitales Rechtemanagement. Das ist wie ein bisschen schwanger sein. Wir verkaufen dir etwas, aber du darfst es nicht ganz haben. Ich sage, du willst es haben, nimm es, kauf es. Wenn du ein paar Kopien für deine Freunde machen willst, bitteschön. Mach unsere Musik bekannt. Auf diese Weise bekomme ich alles: Ich bekomme Werbung, ich bekomme Videospiele, TV-Shows. Daraus kann man ein großes Geschäft machen, weil unsere Musik den perfekten Hintergrund für vieles bietet, weil meist nicht gesungen wird. Wenn man sich CSI Miami anschaut, dann höre ich oft meine Musik darin. Sie ist hervorragend geeignet für Soundtracks. Außerdem: Vielleicht verliere ich die Hälfte meiner Verkäufe, weil die Leute sich die Stücke kopieren. Aber, ganz ehrlich, das stört mich nicht. In der Zeit, als ich 5-10.000 Platten pro Tag verkauft habe, musste ich die ja auch verschiffen und an etwa 500 Läden liefern. Damit bin ich in 100 Städten. Als die verkauft waren, wurden sie nicht nachbestellt, weil schon die nächste Veröffentlichung kam. So konnte ich die Platten schlecht vertreiben. Und sie waren nicht so leicht zu bekommen. 100.000 Platten würde ich nie verschiffen, weil ich nicht das Risiko eingehen kann, 80.000 wieder zurückholen zu müssen. Das wäre eine Katastrophe. Man muss immer vorsichtig sein und schätzen, wie viel man verkauft und ein kleines bisschen mehr verschicken. Heute dank dem Internet ist das ganz anders. Ich habe ein unendliches Lager und weltweite Zugänglichkeit. Und es kostet fast nichts. Ich kann es für immer und für jeden verkaufen. Das macht es doch locker wett, dass ich Geld verliere, weil ein paar Leute die Musik kopieren.

De:Bug: Wie sieht der Vertrieb dann konkret aus?

Mark Finkelstein: Wir werden viel virale Promotion machen. Wir werden kurze Video-Snipets mit Musik per Mail verschicken. Man hört unsere Musik und bekommt einen Button, wo man sie kaufen kann. Ich denke, dass wir nicht allein auf die Club-Szene vertrauen dürfen, auch wenn sie immer die Basis sein wird. Das Neue ist, dass wir unsere Musik kostenlos für die ersten zwei Wochen weggeben werden. Jeder neue Release ist kostenlos für die ersten zwei Wochen und zwar in derselben Qualität wie iTunes. Das kann man als DJ nicht spielen. Nach den zwei Wochen kommt das Stück in besserer Auflösung. Die Radios und DJs können es dann verwenden. Wenn wir dann Remixe machen, kaufen die Leute die vielleicht, auch wenn sie das Stück schon kostenlos runtergeladen haben. Damit haben wir eine Email-Adresse und vielleicht zwei, drei Angaben zur Person. Jedes mal, wenn wir was Neues machen, können wir das den Leuten schicken. Vielleicht machen wir auch ein Online-Magazin, das einmal im Monat rauskommt. Ich möchte näher an den Konsumenten, an die Jugend von heute, so dass sie meine Musik populärer machen. Und ich überlege mir, wie ich die Musik vermarkten kann, außer sie zu verkaufen.

De:Bug: Wenn Sie Strictly Rhythm nicht an Warner verkauft hätten, dann hätten Sie das ja auch gleich so machen können. Ärgern Sie sich im Nachhinein darüber?

Mark Finkelstein: Damals schien es richtig. Der Grund war, dass wir nie Videos bei MTV unterbringen konnten und nicht genug im Radio gespielt wurden. Damals war das wichtig. Die Majors hatten die Kontakte dafür. So dachte ich, wenn ich die Sachen veröffentliche und die das vermarkten, ist jedem gedient. Ich kann dann wieder die neuen Künstler finden. Nur hat das eben überhaupt nicht geklappt.

De:Bug: Warum eigentlich nicht?

Mark Finkelstein: Nennen wir es einen Kultur-Schock. Ich kann über die Details nicht sprechen. Jedenfalls musste ich einen langen Prozess führen, um Strictly wieder zurückzubekommen. Das hat auch etwas Gutes: Ich war nicht im Geschäft, als es in einer wirklich schwierigen Phase war. Ich konnte zusehen und litt nicht unter der Entwicklung. Jetzt bin ich wieder da, mit neuen Ideen, neuen Konzepten und Partnern.

Eric Clapton statt House
De:Bug: Stimmt es, dass sie nie an den künstlerischen Prozessen ihres Labels beteiligt waren. “Set you free” von Planet Soul, ihre erfolgreichste Single in den USA, sollen sie zum ersten Mal im Radio gehört haben.

Mark Finkelstein: Ja, das stimmt. Ich höre die Musik gar nicht. Ich würde 99% der Musik gar nicht erkennen. Natürlich “I Like To Move It” und “Free” von Ultra Naté und noch ein paar andere, aber das war es schon.

De:Bug: Haben Sie wenigstens eine Lieblingsplatte auf Strictly Rhythm?

Mark Finkelstein: Nein.

De:Bug: Was hören sie zu Hause auf dem Sofa?

Mark Finkelstein: Eric Clapton, Genesis, Moody Blues. Aber ich höre kaum Musik zu Hause.

De:Bug: Im Auto?

Mark Finkelstein: Kaum. Meine Kinder haben beide einen iPod und hören ihre eigene Musik. Wenn ich im Auto Musik höre, dann Klassik. Musik war nie ein Teil von mir. Unsere Musik gefällt mir, weil sie mich an die schöne Zeit im Studio 54 erinnert, an einige der schönsten Momente in meinem Leben. Aber das erzähle ich lieber nicht so detailliert. Dance-Music bringt die Menschen zusammen. Ganz anders als Rap. Das ist frauenfeindlich, homophob und verherrlicht Gewalt. Das trennt die Menschen. Unsere Musik funktioniert so: Lasst uns alle zusammenkommen, ein paar Drinks nehmen und feiern. Alle unsere Titel verwenden Wörter wie Free oder Party und die Texte sind nicht kontrovers, negativ und verletzend.

De:Bug: Aber auch ohne jede Kritik …

Mark Finkelstein: Gut, das stimmt, aber es ja auch eine Musik für manche Momente, eine Flucht von dem, was wir den ganzen Tag so tun. Und unsere Musik entwickelt sich schneller als andere Musikrichtungen also R&B oder Rap. In der Tanzmusik gibt es so viele Varianten, was auch die Vermarktung so schwierig macht. Jedes Mal, wenn wir ein Album von einem Künstler fertig haben, gibt es schon einen neuen Sound. Und darum geht es jetzt: in das Chaos ein wenig Ordnung bringen, einen Geschäftsplan entwickeln, der diesen Eigenheiten der Dance-Music gerecht wird. Durch das Internet sind wir mit den Major-Labels auf Augenhöhe. Die haben die Ressourcen und kontrollieren den Status. Wir sind viel jünger, kreativer und reagieren schneller. Ich denke, die Independent-Mentalität wird immer mehr an Gewicht gewinnen.
http://www.strictly.com

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Elektronische Lebensaspekte.