Hipster-Paradies London. Hot Chip präsentieren sich mit funkigen Popallüren und gekonnter Selbstinszenierung. Dass Prince an der ganzen Sache nicht unschuldig ist, geben sie selbst zu.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 91

Stylischer schmusen
Hot Chip

Gibt es so etwas wie schicke Introvertiertheit, Popper, die Sentenzen von Fernando Pessoa rezitieren, Eitelkeit, die sich poetisch verletzlich verbrämt? Klar. Erlend Oye, bitte die Hand heben. Der größte Mitschnacker in diese Richtung ist wahrscheinlich Rainer Kunzelmann aus der Kommune 1 mit seiner weißen Guru-Paradeuniform. Aber auch Hot Chip sind schwer begnadet, wenn es darum geht, auf gnadenlos stylische Weise wie die schüchternsten Shoegazer der Lofi-Elektronik dazustehen. Dabei sind sie weder schüchtern noch Lofi. Jemand wie Thaddi Herrmann, der von allen Etikette-setzenden Fädenziehern in Elektronikahausen mit Abstand der liberalste ist, kann genau deshalb Hot Chip nicht ausstehen. Die sind nicht aufrichtig, das ist verkommene Dekadenz, das ist wie ein europäischer Autorenfilm im Hollywood-Setting von ”Titanic“.
Die fünfköpfige Band um Alexis Taylor und Joe Goddard war Hypethema im NME, passt reibungslos als der Songwriter-Außenseiter ins fashionable Kuhglockendisco-Business und hat geschäftstüchtig eine eigene Bewegung ausgerufen: Slapcore. Dann soll sie gefälligst auch wie neureiche Schnösel poltern – und dabei versagen, wie Northern Lite zum Beispiel – statt mit sanftem Schmelz ironische Distanz zu ihrer Gestyltheit (in dem Wort steckt fast ”Sylt“, checkt das!) aufzubauen und mit gewinnendem Lächeln nur die besten Referenzen einen guten Mann sein zu lassen. Die Drummaschine/Unterhaltungsorgel-Kombi von Timmy Thomas’ ”Why can’t we live together“ steht genauso Pate wie die psychedelisch ätherischen Grooves von Arthur Russell und die soundspielerischen Dance-Popexperimente von Thomas Dolby. Und sie sind so verdammt blasiert. Wie sonst soll man den Verweis in den Lyrics von “Playboy“ auf Yo La Tengo verstehen, der ältlichen Indie-Gitarrentruppe aus der Peripherie von New York, die vor allem bei Lehramtsstudent/innen beliebt ist. Was für ein smarter Schachzug. Was hat mehr Style, als sich mit Hilfe der allerungestyltesten (und wieder, merkt ihr’s, fast ”Sylt“ in dem Wort) Schluffis zu inszenieren. Das ist ungefähr so, als ob David Bowie sich auf dem Hunky-Dory-Album nicht vor Bob Dylan, sondern vor Joan Baez verbeugt hätte.
Aber wenn es um die leisen, bedachten Zwischentöne in der Musik geht, sind Dinge wie Flirten, Posen, Augenzwinkern, Schminken – smarter Style eben – nicht opportun.
Genau in dieser Regelverletzung liegt der Reiz von Hot Chip. In den Herzen kleiner Mädchen wohnen die romantischen Poseure, die mit dem Gesicht zu den Fotografen stehen. In den Herzen großer Jungs wohnen die romantischen Mauerblümchen, die ihr Gesicht in die dunkelste Raumecke drücken.
Hot Chip sind zu dekadent für die kleinen Mädchen und zu poseurhaft für die großen Jungs.
So etwas wie Hot Chip passiert, wenn man Brian Wilson genauso verehrt wie Prince und das erste Mal mit 25 Jahren feststellt, dass man trotz seiner Akne auf der Tanzfläche einen großen Auftritt schinden kann. Hot Chip liefert die ”He, ich bin wer!”-Erkenntnis für sensible Spätzünder mit Selbstinszenierungsbewusstsein. ”All the people I love are here/All the people I love are drunk.“ Will sich da wer ausnehmen?

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Elektronische Lebensaspekte.