Das Brüsseler Label Subrosa und das elektronischere Nebenlabel Quatermass umschiffen mit internationaler Starbesetzung jede Eindeutigkeit im Stil. Man widmet sich Geräuschpoeten zwischen Atom Heart und David Toop und inspiriert junge Autoren zu poetischen Assoziationen. Eine Kamerafahrt über den Veröffentlichungskatalog.
Text: Robert Feuchtl aus De:Bug 43

Die Qualität der Unschärfe
Subrosa / Quatermass

Die Musik des belgischen Labels “Subrosa” ist wie ein neugieriger Blick in ein buntes und unaufgeräumtes Zimmer eines Musikers oder Musikwissenschaftlers, der durch leidenschaftliches Reisen in das eigene Selbst irgendwann einmal in der Vergangenheit erleuchtet wurde. Wir blicken in einen unsymmetrischen Raum, der garniert wird durch ungezählte Schichten von Schallplatten, CDs und anderen eher obskuren Ton- und Datenträgern aus Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft oder weiteren vielmehr vertikalen n-Dimensionen. Spoken Word Fragmente und komplette Sammlungen gelebter oder vorausgesehener Musikwelten sind hier zu finden. Doch ist dies lediglich die Oberfläche. Nicht viel mehr als eine Einleitung und Voraussetzung. Der musikalische Anspruch von Subrosa ist vielmehr ein ruhiger, langsamer Kameraschwenk über alle jene Dinge. Eine immer schneller werdende Seitwärtsbewegung, die den überflogenen Hintergrund alsbald unscharf werden lässt. Schneller und schneller schwenkt der Blick über ein Stilleben aus umgebauten Klangerzeugern, niemals abgesendeten Liebesbriefen an Gilles Deleuze, über verbotene Manuskripte zur Erzeugung räumlicher Schallereignisse mit nur einem Lautsprecher, Kabeln, Lötzeug und längst vergessenen traditionellen Instrumenten, bis am Ende nur noch bunte Streifen zu erkennen sind. So wird die Bewegung in ihrer Konsequenz zu einem statischen Moment. Zu einer Fläche wie einer Wand. Nach einem kurzen Augenblick folgt dem Stillstand eine weiche Überblendung hin zu dem Bild einer gewöhnlichen Tapete. Auf diese bewegt sich die Kamera nun vorsichtig zu, so lange bis bald die Risse, Poren, Texturen und sogar der Duktus des Anstrichs wie eine Gebirgslanschaft zu erkennen sind. Eine einfache Zimmerwand kann zu einem Universum an Komplexität werden. Man muss sich nur angemessen damit beschäftigten. So ist die Musik von Subrosa eher in diesen klitzekleinen Nischen und mikroskopischen Spalten eines Wandanstrichs zu finden. Mission Subrosa: Man stelle sich selber um das 100000-fache verkleinert in den Rissen einer Maserung oder in einer Steckdose vor. Darin wandert man mutig herum, mit einem Tricorder bewaffnet, nimmt Proben. Staunt, begreift oder ist auch nur überwältigt davon, die eigene “Kleinheit” zu spüren. Bei allem neugierigen und mutigen Forschungsdrang ist man sich aber stets ehrfürchtig der Wichtigkeit der Demut vor den Dingen bewusst. Stolz ist schließlich für Lutscher.

Feng-Shui für HiFi-Anlagen

Es ist angenehmerweise jetzt schon recht schwer geworden, sich einen schnellen Überblick über die Veröffentlichungen von Subrosa / Quatermass zu machen. Hier ein paar Beispiele: Tal “An Evening With Charlie”) ist zerstückelter Hip Hop, der mit einer quasi-funkigen Cut-Copy-Paste-Manie historische Jazz Samples in so etwas Ähnliches wie einen Songkontext pfriemelt. Calla (“Calla” / “Scavengers”) sind recht darker “Indierock” mit genau dosierten Prisen elektronischem Experiments, viel dunkler Seele und einem Hauch Swans (Michael Gira als Co-Producer!), denen man die texanische Herkunft in ihrem Hang zu warmer, dreckiger und versoffener Verzerrung anmerkt. Bisk dagegen ist Musik für bekiffte Spinnentiere, die zickigere und fröhlichere Variation von Follerts “Wunder”, von Quatermass’ Vorzeigejapaner Naohiro Fujikawa.
Acts wie Tal, Calla oder Bisk haben lediglich eines gemeinsam: Sie sind deep und persönlich und setzen “klassische” Styles wie Hip Hop, Electronica, Drum&Bass, Indiegitarren oder Techno nur als deutlichen Einfluss und Stilelement ein, jedoch selten als alleinige Daseinsberechtigung.
“Wir sehen uns schon ein wenig in der Tradition anderer eklektizistischer Labels wie beispielsweise WARP. Auch uns gefällt der Gedanke sehr, dass man bei Subrosa nie genau wissen wird, was auf einer neuen CD oder Schallplatte zu hören sein wird”, antwortet Fred Walheer, einer der sympathischen Mitbegründer des 1984 ins Leben gerufenen Labels Subrosa, auf meine Frage bezüglich der bewussten Umschiffung eindeutiger Musikstile. Tatsächlich ist der einzige stilistische Kompromiss, den das Label bisher eingegangen ist, die Neugründung der eigenständigen Plattform “Quatermass”, die für eher elektronische Projekte zuständig sein soll und als unabhängig angesehen werden möchte. “Nun, wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, da eine Vielzahl der Demos, die wir heutzutage bekommen, tatsächlich eher elektronisch sind. Es gibt nicht mehr oder weniger Musiker als zuvor, aber die meisten benutzen mittlerweile doch eher elektronisches Equipment oder produzieren heute mit deutlich elektronischeren Mitteln. Dafür musste einfach eine eigene Plattform her.”

Quatermass vs. der Rest der Welt

Quatermass ist längst eine feste Größe im Elektronikland, das beweist nicht zuletzt die genau jetzt erscheinende Kollaboration “Quatermass vs. Rather Interesting” auf der diverse Künstler wie Plaid, Pole, Very Mash´ta, Fonosandwich, Pram oder Fibla gegen Uwe Schmidt in seinen Personifikationen wie Lisa Carbon, Atom oder Dropshadow Disease antreten. Nach der gelungenen Zusammenarbeit mit den Labels und Geschmackswelten Kompakt und Shi-Ra-Nui stehen demnächst noch weitere Remixbattles mit Kitty Yo (!) und anderen befreundeten Labels an. “Das wird sicher sehr lustig.” kommentiert Fred. Doch die geradezu “kosmopolitische”(sic!) Attitude von Subrosa / Quatermass ist durchaus auch als Pragmatismus anzusehen. Schließlich gibt es in Brüssel, der Heimatbasis von Subrosa / Quatermass, keine große Fanbase. “Leider arbeiten die Brüsseler nicht gerade gern miteinander. Man kennt sich innerhalb der unterschiedlichen Szenen und man respektiert und grüßt sich auf Parties, allein zu einer Kooperation kommt es aufgrund der fadenscheinigsten Ausreden nie. Alle wollen ihr total eigenes Süppchen kochen. Das ist sehr schade und dumm, macht aber nichts”, erklärt mir Gauthier, das andere beim Interview anwesende Drittel-In-Persona von Quatermass. In der Tat tut das der Sache wirklich keinen Abbruch. Die Zahl der internationalen Acts, die bereits auf Subrosa / Quatermass veröffentlicht haben, ist Legion und spränge an dieser Stelle den Platz. Nur soviel zur Erinnerung: DJ Spooky, Scanner, Mouse On Mars, To Rococo Rot, Rimbaud, Bill Laswell, David Toop, Atom Heart u.v.m. haben in der Vergangenheit für Subrosa und Quatermass bereits releast und das nicht zu knapp, der Backcatalogue zählt momentan weit mehr als 100 Titel. Sogar die viel beachtete und vergriffene Laibach (“Krst pod Triglavom-Baptism”) von 1986 erschien auf Subrosa (SR001-9) und wurde aufgrund von ständigen Nachfragen gerade neu aufgelegt. “Dem Label geht es sehr gut.” Sagt Fred Walheer. “Wir veröffentlichen Musik nicht wegen des Geldes. Dann würden wir wohl andere Sachen machen. Es geht uns wirklich nur um die Sache. Wir haben uns jetzt durch die Gründung von Quatermass allerdings in eine Situation hinein manövriert, in der wir bei beiden Labels für eine gewisse Konstanz neuer Veröffentlichungen sorgen müssen. Das hat uns eine Menge Arbeit beschert. Wenn man nicht eine gewisse Präsenz am Markt beweist, wird man schnell nicht mehr beachtet.” Dieses Schicksal dürfte allerdings eher unwahrscheinlich sein, denn Subrosa hat sich längst mit seinen Veröffentlichungen ein Denkmal gesetzt. Eines, das an die Leistung erinnert, den strikten Definitionen von Dancefloor, Electronica, Techno oder Sound Research aalglatt zu entkommen und einen lebensfähigen Organismus auf die Welt gebracht zu haben, der auch von seinen Fans liebevoll umsorgt wird.

Zwischen den Stühlen, in den Rissen und Fugen des Fußbodens, schwebt leise surrend eine kleine elektronische Sonde namens Subrosa. Gleißend hell reflektieren faustgroße, in der Luft schwebende Staubkörner den blauen Laser der Scaneinheit. Eine Milbe kriecht neugierig über den Fußbodenrand und streckt vorsichtig ihre Fühler der Wärme des verstärkten Lichstrahls entgegen. Den Soundtrack dazu findet ihr in gut sortierten Plattenläden.

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Elektronische Lebensaspekte.