Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 04

Subtle Tease Mercedes Bunz
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Sie machen beide schon ziemlich lange Musik. Höchstwahrscheinlich kennt man sie beide, vielleicht weiß man es nur nicht so genau. Ihnen selbst sind die Verbindungen zu Whirlpool, die man bei Justus Köhncke ziehen könnte oder zu Workshop oder bildender Kunst bei Kai Althoff, eher unwichtig. Vielleicht sogar die zu Köln, aber darüber haben wir während des Treffens im Restaurant auf dem Fernsehturm mit irre viel Wind um uns nicht geredet. Seit längerem befreundet, lag es für sie einfach auf der Hand, zusammen konzentriert Musik zu machen und herausgekommen ist ein ziemlich verspieltes Album, was man vielleicht auch experimentell nennen könnte aber nicht muß, weil es zwar meistens von einem Housebeat ausgeht, aber sich von dort aus in alle Richtungen trollt, als hätte es Kategorisierungen zwischen Pop, Techno, New Wave usw. nie gegeben. Als wäre also kein Schritt zwischen den Stilen, der zu verhandeln wäre, sondern als könnten sie sich in einem netten Cafe treffen (was sie wahrscheinlich in Form von Menschen auch immer wieder tun, ohne daß es Probleme gibt), Milchcaffe miteinander trinken und angeregt unterhalten, ergänzen und ein Gespräch führen, bei dem es Spaß macht zuzuhören, weil es einen überrascht. Wir haben ein bißchen geguckt, wie es dazu gekommen ist.

De: Bug: Subtle Tease, das kommt von Teasing, oder?

Kai: Ja, das ist eigentlich die Firma des T-Shirts, das ich trug als wir die Idee hatten, diese Gruppe zu gründen. Eigentlich hat es mit diesem Namen auch keine besondere Bewandnis.

De:Bug: Warum habt ihr Euch entschlossen, die Platte als eigenes Projet rauszubringen?

Kai: Es wäre nicht möglich für mich, diese Musik auch mit Whirlpool zu machen und ebenso wäre es wahrscheinlich auch für Justus nicht möglich, diese Musik mit Whirlpool zu machen. Einfach weil wir beide bestimmte Geschmäcker haben, die sich hier so verbinden, während sie sich andererorts anders auswirken und deswegen ist das eben auch klar.

Kai: Ich hätte gerne ein Alsterwasser.

Justus: Oh, das hätte ich auch gerne. Und Essen gucken wir nochmal.

Kai: Ja, schon, wenn man das hört.

Justus: Man könnte jetzt irre weit ausholen. Bands, in Anführungsstrichen, sind ja immer auch ein fiktionales Gebilde. Subtle Tease ist ein sehr anderes Gebilde als Whirlpool oder als Workshop und deswegen hat das verschiedene Namen, in dem Sinne, daß ich mir auch vorstelle, daß Subtle Tease auch was anderes ist als nur wir zwei Personen. Whirlpool ist auch ein Konstrukt, daß was anderes ist als die drei Personen.

Kai: Ich hätte gerne die zwei Roladen mit Pfefferrahmsoße und Lausitzer Pilzpfanne.

Justus: Ich hätte gerne Kassler Rücken mit gebuttertem Porree und Persilienkartoffeln geschmorrt.
Workshop gibt es seit ihr vierzehn seit auf eine Weise. Whirlpool gibt es, seit ich Hans und Erik kenne, also auch irgendwie seit sechs Jahren. Das sind Sachen, die haben existiert, bevor Kai und ich uns überhaupt kannten. Das wir zusammen was machen, lag natürlich auch immer auf der Hand, weil wir beide Musik machen.
Daß das einen eigenen Namen hat liegt auch noch daran, daß unsere Idee von Subtle Tease viel zu tun hat mit Künstlichkeit. Es sollte was ziemlich artifizielles sein, so ist der Sound ja auch irgendwie angelegt.

De:Bug: In wie weit meinst Du, daß der Sound künstlich sein soll? Teilweise funktioniert der ja schon im Club.

Kai: Natürlich kann man das auflegen, man macht das sicherlich auch, aber ob der in einer richtig ordentlichen Disko funktionieren wird, das ist sicher noch die Frage.

Justus: So irre funktional ist er auf jeden Fall nicht.

Kai: Ich glaube nicht, daß ich ihn da hören werde, wo ich ihn gerne hören würde, also zum Beispiel im ??? wo Erik auflegt, werde ich das sicher seltenst hören.

Justus: Wieso, Erik spielt das doch.

Kai: Ja, aber wenn es jetzt nicht Erik spielen würde…

Justus: Ja, eben. Also so, irgendwie so formalere House-DJs werden das dann doch nicht machen, weil ihnen dann doch der Sound zu komisch ist oder zu irritierend, denke ich mal. Es würde einen auch wahnsinnig freuen, wenn es nicht so wäre, aber da haben wir bei der Platte einfach nicht so sehr Rücksicht drauf genommen, weil wir die eben als Album überlegt haben. Das ist das Artifizielle, was ich meinte: Wir haben für das ganze Album mit einem Soundrahmen gearbeitet, den wir uns vorher überlegt haben, insofern, daß wir uns die ganzen Drumpercussionsounds selbst gemacht haben. Wir dachten, wir machen uns selber so ein Drumkid und benutzen das. Das war quasi Kai’s Kinderschlagzeug.

Kai: An der Stelle vermischt es sich auch mit Workshop, weil das ist tatsächlich das erste Workshop Schlagzeug. Das bestand eben aus diversen Koffern und anderen Dingen und das haben wir dann gesampelt.

Justus: Die Bassdrum ist der Koffer und einmal drauf. Das setzt dann natürlich auch irgendwie so einen Soundrahmen, der es dann ermöglicht auch, sagen wir mal – so war jedenfalls die Wunschvorstellung und ich glaube wo ist es auch ein bißchen geworden – daß man im Prinzip sehr unterschiedliche Stücke machen kann, aber klanglich dann eben doch so ein Rahmen drumherum hat, der es wieder zusammenhält.
Die Sounds, die wir sonst benutzen, sind eben auch cheapo aus dem Synthesizer heraus – einfache Geigen, einfache Klaviere oder selbstentworfene Wildsounds. Das dann auf dem Synthesizer eingespielt und gesequenzt. Das ist nicht mal gemehrspurt, das kommt alles aus dem Sequenzer.

Kai: Es ist auf der ganzen Platte auch nichts gesampelt von anderen Platten.

Justus: Ja, das war auch eine Vorgabe. Also, ich mag ja die Momente auf der Platte sehr gerne – auf die bin ich dann sogar ein bißchen stolz – das ist alles Atari. Und ich glaube da gibt es Momente, die sich echt nicht mehr nach Sequenzerkästchen anhören. Und das gefällt mir natürlich sehr gut.

De:Bug: Für elektronische Musik habt ihr relativ viel Texte, die sich aber gleichzeitig im Hintergrund halten.

Justus: Kennst Du die Vinylausgabe?

De:Bug: Ne, ich habe nur die CD bekommen.

Kai: …auf der Vinylausgabe hat nämlich die eine Platte nur die mehr housigen – sozusagen- Stücke und auf der anderen sind nur die gesungenen und ich habe mir das dann im Nachhinein so erklärt, daß eigentlich für die Leute, über die auf der ersten Platte gesungen wird, die zweite als Soundtrack zum Leben ist.

Justus: Das hören die sich dann an. Hast Du nochmal eine Platte da, hier war doch eben eine…

De:Bug: Ja.

Justus: Ja, weil wir natürlich Vinylfreunde sind, haben wir das ganze als Doppelalbum überlegt. Auf Vinyl ist das leichter zu erfassen und hier kommt das einfach zack hintereinander weg.

De:Bug: Die Texte sind ja so angelegt, daß man sie nicht unbedingt versteht. Ihr singt aber über Freunde von Euch.

Kai: Es geht irgendwie um eine Endzeitstimmung zeitweise, es geht aber auch viel um uns selber oder manchmal. Es ist sehr assoziativ und nicht so für Außenstehende gedacht und dann nicht so verständlich. Ich finde auch, im Endeffekt ist es nicht erforderlich, das unbedingt zu sagen, weil die ganze Stimmung der Platte das auch dann schon rein durch irgendwelche Harmonien verlaufen…

Justus: Da geht es auch nicht unbedingt in erster Linie um Textbotschaften, außer daß wir hier den einen abegedruckt haben und das war auch eine bewußte Entscheidung. Man hätte ja auch genauso gut alle abdrucken können, so ganz altmodisch und das wollten wir auf gar keinen Fall.

De:Bug: Benutzt ihr die Texte mehr als Sounds, um eine bestimmte Stimmung reinzubringen?

Justus: Ich denke, es ist beides. Man kann ja auch sagen, daß Kai das textet und dabei spielt dann der Klang von Worten auch einfach eine Rolle.

Kai: Also mir sind die Texte persönlich schon sehr wichtig, aber für Außenstehende bleibt dann einfach das Gefühl stehen und nicht die Details oder der Inhalt im Einzelnen. Vieles ist ja auch rein akustisch nicht zu verstehen und das Englisch wird auch etwas kaputtgemacht. Manchmal mache ich das auch extra grammatikalisch falsch und stelle gewisse Worte um.

De:Bug: Wie geht ihr beim Produzieren vor, was entwickelt ihr zuerst? Die Texte oder die Musik?

Justus: Wir haben eigentlich immer erst die Stücke entwickelt, also die Grundstruktur und dann hat Kai ‘ne Melodie entwickelt und damit die Texte, so in einem. Wir haben da kein Mehrspursystem in dem Studio. Die Musik wird halt direkt gesequenzt und dann auf das Board ?und dort abgemischt, mangels Mehrspur, aber irgendwie war das dann auch ganz gut für die Platte. Der Gesang wurde auf Dat gesungen und dann drauf in den Sampler und dann gesampelt und dann draufprogrammiert.

De:Bug: Sind die Stücke über einen weiten Zeitraum entstanden oder habt sie konzentriert produziert?

Justus: Wir haben mehr so eins nach dem anderen gemacht. Eigentlich in einem ziemlichen Tempo, jetzt nicht so effizienzmäßig, aber es ging ziemlich flott, was sehr schön war. Man kann sagen wir haben uns eigentlich nur einmal bei einem Stück richtig verlaufen. Also so, daß man am nächsten Tag ins Studio kommt, sich das anhört und sagt: Nee, das machen wir besser ganz anders.

De:Bug: Bei welchem Stück war das?

Justus: Das war das Stück, bei dem Angelika Winkler auch singt, “Decoration Self-Righteous”. Das kann man ja vielleicht veraten auch, wie das war. Am Anfang als wir den Gesang aufnahmen, hatten wir die Stücke relativ skizzenhaft angelegt vom Arrangement her, weil sie eben auch nur das eine Wochenende da war und dann in ihrer Abwesenheit fertig produziert. Und Decoration hat irgendwie als einziges Stück einen richtig verschlungenen Pfad genommen, weil es gab eben die Gesangsaufnahme und die Harmoniestruktur und das war eher relativ housig, wie sie gesungen hat. Dann wollten wir das anders machen, weil das uns nicht so richtig überzeugte und dabei haben wir uns dann verlaufen. Das war dann plötzlich so düsterer Industrial-Dub mit Gesang da drüber. Scheußlich.

Kai: Das mußte dann unbedingt unterbunden werden und da wir den Gesang benutzen wollten, mußte das dann in eine andere Richtung.

Justus: In diese fröhliche New Wave Richtung.

Kai: Obwohl das ja gar nicht fröhlich ist, der Beat ist vielleicht fröhlich.

Justus: Die Arbeit an den restlichen Stücken verlief immer so, das man in dieses Kellerstudio geht, ein Stück vom vorherigen Tag fertigmacht und aufnimmt und das nächste anfängt und liegenläßt und das ging eigenlich ganz toll.

De:Bug: Kai, Du produziertst ja neben Musik ja auch noch in einem richtig anderen Feld, nämlich zeitgenössische Kunst.

Kai: Das hat sich bei mir immer gegenseitig beeinflußt. Ich habe sehr oft Sachen, die ich an dem einen Ort gemacht habe, zum anderen hin mitgenommen. Kunst hat sehr oft auch die Musik beeinflußt und andersrum war es genauso. Ich habe das nie getrennt und ich würde auch keines von beiden als weniger wichtig bezeichnen. Ich finde, es ist beides gleichwichtig.

De:Bug: Nur bei Kunst muß man weniger Interviews geben, da wird ja gerne über etwas geschrieben, ohne das man jemanden fragt von wo aus er das produziert hat.

Kai: Im großen und ganzen ist das schon so. Die Vertriebsstrukturen sind anders, aber das ist alles. Zum Glück muß ich auch bei Musik nicht so wahnsinnig viele Interviews geben. Es ist natürlich wahr, daß man bei einer Ausstellungseröffnung seltener angesprochen wird, was das denn nun ist. Obwohl ich eigentlich immer damit gerechnet habe.

De:Bug: Das traut sich natürlich keiner, weil implizit im Raum ist, das man die Sache von selber versteht.

Kai: Davon wollte ich halt nie ausgehen, ich hatte mir auch immer Sachen zurechtgelegt, wie ich das erklären kann, weil ich auch wußte, das ist ja irgendwie zu erklären. Ich bin auch von vornherein froh, das man trotz des Erklärens nicht wirklich verstehen kann, egal ob bei Musik oder bei Kunst, aus welchen Beweggründen man was macht. Aber man kann natürlich die rein sachlichen Zusammenhänge erklären, das geht natürlich.

Justus: Man kann sich einfach nicht alles vornehmen.

Kai: Außerdem will man natürlich auch, daß gewisse Dinge geheim bleiben, auch für einen selber ein Geheimnis bleiben, damit man überhaupt Spaß hat, das zu machen. Man will sich ja auch mit dem, wenn man was macht, igendwie selber überraschen, damit das Leben nicht irgendwie zu langweilig wird.

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Elektronische Lebensaspekte.