Text: Andrea Bock aus De:Bug 22

Tanzen bis Toronto, tanzen bis Kiel Subtropic aka Jake Smith Andrea Bock MFOC@joice.net Jake Smith übersiedelt von London nach Brighton, um von dort in alle Welt zu stechen. Sowenig er Ländergrenzen beachtet, sowenig achtet er auf musikalische Grenzen. Was innerhalb der Genres passiert, kann seinem Bewegungsdrang ja doch nicht standhalten. Dennoch gilt er nicht ganz zu Unrecht als einer der Vertreter von UK NuSkool Breaks, dem Genre das hierzulande noch immer keiner verstanden hat, ähnlich wie Speed Garage, und von dem man stellenweise den Eindruck hatte ein findiger Ex-beinahe Drum and Bass Major Label Boss hätte es erfunden, um seinen Producern noch mehr Arbeit aufzudrücken, und ein neues Marketingtool zu bekommen, was Stil ja bekanntlich immer ist, meist noch bevor es ihn überhaupt gibt. Vor knapp einem Jahr scharten sich rings um die Label Botchit & Scarper und Emotif eine Horde von Drum and Bass Produzenten mit sovielen Tracks ähnlicher Herangehensweise (gehässige nennen es Drum and Bass on 33) daß die erste Compilation die den Namen NuSkool Breaks trug, einem vorkam wie der direkte nachvolger von Techstep, dem letzten großen Marketingerfolg aus dieser Ecke. Als nach Blim, Freq Nasty und anderen dann allerdings auch Subtropic und T.Power einschwenkten, war klar daß es um mehr gehen würde als nur ein kurzer Witz der endlosen Stilgeschichte elektronischer Musik. Denn mittlerweile hatte das aus dem Nichts geborene Genre schon eine so große Vielseitigkeit erlangt, und kickte vor allem so erfrischend, daß der Stil tatsächlich wahr war und England ein Leben nach Speed Garage versprach. Endlich. Und nach dem Plattenmeister-Toursupport wirft Subtropic sich nun für uns mit seinen Freunden Sickpop-Witze zu, stellt sich aber vorher noch kurz dem De:Bug-Außendienst. DEBUG: Warum bist du nach Brighton gezogen? SUBTROPIC: Weil ich von London genug hatte. Es ist zu geschäftig, zu vergiftet. Brighton ist wie eine schlanke Version von London. Es gibt viele gute Clubs, obwohl es eine kleine Stadt ist. Und es gibt dort viel interessante Musik. DEBUG: Du hast die Plattenmeister Tour ’99 in Hamburg, Berlin und Kiel begleitet. Seit einer Woche bist du in Hamburg und machst Studioaufnahmen mit Ralf Köster und Tim Lorenz. Ihr habt schon ein paar Sessions hinter euch. Was hältst du davon? SUBTROPIC: Es hat langsam angefangen in der ersten Nacht. Wir haben nur Ideen gesammelt, Rhythmen und Samples, die wesentlichen Gedanken. In der letzten Nacht haben wir uns mehr den Beats und Details zugewendet, die Struktur ausgebaut, Melodien entwickelt. Und heute machen wir hoffentlich ein paar gute Vocalsamples von Doris Vogel. Und dann packen wir alles zusammen und sehen, was passiert. Bevor wir nicht die Vocals haben, weiß ich nicht, wie es klingen wird. Aber im Moment hört es sich gut an. DEBUG: Du arbeitest noch in einem anderen Projekt namens Stopcock. Was hat es damit auf sich? SUBTROPIC: (Lacht). Grundsätzlich bin ich das mit meinem Freund Marc Garwel. Wir machen im Studio nur wahnsinnigen Krach, komische Sounds, einige Beats und jammen dann mit Gitarre und Gesang darüber. Um die Musik zu beschreiben: Es ist ein bißchen HipHop, Sickpop und dark twisted Mess. Meistens lachen wir darüber. Stopcock ist ein ganz anderer Teil von mir. DEBUG: Wie würdest du deinen Style als Subtropic definieren? SUBTROPIC: Er besteht aus allen Elementen, die ich in der elektronischen Tanzmusik mag und zu einem Ganzen kombiniere. Es ist schwierig, das mit einem einzigen Etikett zu versehen. Er ist eine Kombination meines Musikgeschmacks. DEBUG: Und eine große Mischung aller Styles. Du verfolgst einen eklektizistischen Ansatz?! SUBTROPIC: Nein, ja – glaub’ mir, ich hab wirklich versucht, pure House- oder Dancefloor Drum & Bass-Tracks zu machen, aber es hat nicht funktioniert. Ich kann nicht nur einen Sound machen. DEBUG: Stimmst du der Ansicht zu, daß Techno und Drum & Bass stagnieren? SUBTROPIC: Ich denke, Techno stagniert seit Jahren. Jedenfalls hat sich der 4/4 Techno seit ’93/’94 nicht wesentlich verändert. Er wurde verfeinert etc., hat sich aber nicht wirklich weiterentwickelt. Mit Drum & Bass ist es seit den letzten zwei Jahren das gleiche. Wenn eine musikalisch so puristische Form da ist, spielen die Leute immer eine Art Rollen-Set, sie müssen bestimmte Sachen hören, die in dieses Genre passen. Und sobald das passiert, wird Musik weniger kreativ. Es ist dann schwieriger, die vorgegeben Barrieren zu durchbrechen. Ich denke, es müßte jemand kommen, der so eine Hirnwäsche verabreicht, daß alle denken: Oh, das ist super – das ist der Weg nach vorne. Und dann geht es wieder in eine neue Richtung. Aber im Moment passiert das nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, Techno und Drum & Bass zu vergessen und eine neue Form von Musik zu entwickeln. Allerdings sind in der elektronischen Musik die musikalischen Formen soweit ausgereizt wie möglich, und sie wiederholen sich nur. Der Anstoß müßte also aus einer völlig neuen Richtung kommen. Aber ich bin mir im Moment nicht sicher, woher der kommen sollte. DEBUG: Glaubst du an einen langsamen Umschwung oder an jemanden, der plötzlich das neue Ding parat hat? SUBTROPIC: Nein, ich denke, es wird ein langsamer Prozeß. Es gibt nie nur eine Person, die eine neue Bewegung startet. Dafür braucht man viele verschiedene Leute oder Gruppen. Im Moment haben wir z.B. den New Garage Sound in England, der sich mehr zum Breakbeat entwickelt. Und Nu-Skool Breaks, also verlangsamten Drum & Bass mit mehr Platz für verschiedene Beats, Rhythmen und neue Ideen. Aber beide musikalischen Formen orientieren sich rückwärts. Es sieht so aus, als müßte man einen Schritt rückwärts gehen, um wieder vorwärts zu kommen. DEBUG: Du warst bisher schon in Frankreich, Deutschland, Kanada und Japan als DJ unterwegs. Gibt es einen großen Unterschied zwischen den jeweiligen Clubszenen? SUBTROPIC: Nein, nicht wirklich. Es ist überraschend, wie ähnlich Dancemusic Culture in der ganzen Welt ist. In einem Land wie in Kanada oder Japan, wo eine jüngere und nicht so etablierte Szene vorherrscht, sind die Leute aber enthusiastischer und mehr open minded. DEBUG: Mit welchem Trick bringst du die Leute zum Tanzen? SUBTROPIC: (Lacht). Tja, manchmal funktioniert es und manchmal nicht, aber normalerweise spiele ich Sachen, die leicht akzeptiert werden – einfache Beats wie in einigen Housetracks und rolling Breakbeats. Wenn die Leute entspannt genug sind und sich in der Musik verloren haben, hat man mehr Möglichkeiten, die Musik in eine andere Richtung zu lenken und experimentelleres Zeugs zu spielen. Ich versuche, die Dinge ein bißchen nach vorne zu pushen, so daß die Leute Sounds hören, die sie vorher noch nicht gehört haben. DEBUG: Ist da ein wenig musikalische Erziehung in deiner Absicht? SUBTROPIC: Oh ja, das ist immer ein bißchen komisch. Letztendlich ist Musik mehr Entertainment als alles andere. Ich halte nicht so viel davon, die Leute zu erziehen. Also ich bevorzuge Entertainment, aber Entertainment mit einem vorwärtstreibenden Gedanken. Ich bin kein Lehrer, ich bin ein Entertainer. DEBUG: Trotzdem schlägst du einen anderen Weg ein als die meisten DJs. Du spielst mehr experimentelle und abstrakte Platten?! SUBTROPIC: Ja, ich spiele experimentelles Zeugs. Aber das ist immer noch schwierig, weil die Menschen nicht offen genug gegenüber Sachen sind, die sie vorher nicht gehört haben. Vom Karrierestandpunkt aus betrachtet ist mein Auflegen wirklich Selbstmord (lacht). Aber ich denke, die Dinge ändern sich. Die Menschen sind jetzt eher bereit, mehrere musikalische Styles in einem DJ Set zu hören. Ich denke, die Dinge entwickeln sich in meine Richtung. Ich mache, was ich will, ich mache keine Kompromisse und ich habe genug Geld zum Leben – das ist cool! Zitat: Ich denke, die Dinge entwickeln sich in meine Richtung. Homepage: http://www.imagemap.co.uk/subtropic enter MP3 Download Discography: Throb EP (Reflective) Wildcard EP (Reflective) Homebrew LP (Reflective) Life Time Mission EP (Fused & Bruised) Public Service Anouncement EP (Fused & Bruised) Compression Point LP (Fused & Bruised) Skuff-Sound of Skuff EP (Surreal Sound) Remixography: Lida Musik – Bad Head Day (Astralwerks) Space Time Continuum – Kairo (Reflective) Oktafish – Dos Gringos (Resistance) Hofuku Sochi – Denshi (TFäM/Plattenmeister)

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Elektronische Lebensaspekte.