Wir sind eingeladen in Buenos Aires, Montevideo und Santiago de Chile vor einem Publikum Schallplatten zu spielen, von dem wir eigentlich nicht wissen, welche Art der elektronischen Musik es begeistert. Entsprechend vielseitig will man sich vorbereiten, muß aber vor der Situation kapitulieren, denn zu viel an ihr ist ungewiß. Nach vierzehn Stunden Flug erreichen wir das erste Ziel unserer Südamerika Tour, Buenos Aires. Wie gewohnt kann man schon durch den Anflug einen gewissen Eindruck von der Stadt gewinnen, die durch einen braunen Saum hin zum Atlantik abgetrennt wird, den Rio de la Plata, der als größter Fluß der Erde gilt, ...
Text: riley reinhold aus De:Bug 07

Lateinamerika Ein Trip ins Mekka des tanzwütigsten Kontinents der Welt von Riley Reinhold rrr@icf.de Wir sind eingeladen in Buenos Aires, Montevideo und Santiago de Chile vor einem Publikum Schallplatten zu spielen, von dem wir eigentlich nicht wissen, welche Art der elektronischen Musik es begeistert. Entsprechend vielseitig will man sich vorbereiten, muß aber vor der Situation kapitulieren, denn zu viel an ihr ist ungewiß. Nach vierzehn Stunden Flug erreichen wir das erste Ziel unserer Südamerika Tour, Buenos Aires. Wie gewohnt kann man schon durch den Anflug einen gewissen Eindruck von der Stadt gewinnen, die durch einen braunen Saum hin zum Atlantik abgetrennt wird, den Rio de la Plata, der als größter Fluß der Erde gilt, genauso gut aber einfach eine Verlängerung des Meeres in die Bucht hinein darstellt. Wir fahren vom Flughafen dreißig Minuten bis in die Stadt, vorbei an einer Ansammlung schwarz gekleideter Polizisten, die ihre Uniformen, wie auch ihre Chrysler aus den USA beziehen. Im Hotel angekommen, werden wir beim ersten Verlassen aus einem polizeiänlichen Fahrzeug, das vor dem Hotel mit laufendem Motor steht, fotografiert. Assoziationen zu Filmen aus Südamerika werden wach, Verschleppungen etc. Wir werden paranoid. Die Struktur der Stadt wirkt aus der Vogelperspektive wie ein Schachbrett und dort angekommen, vervollkommnet sich das Bild von Buenos Aires zu einer Art Klein-Manhatten auf dem Stand der 60er Jahre. Sandsteinfarben, in der beeindruckenden Blässe früher Hollywood Filme mit Handlung im Big Apple, wirken diese sich nach oben verjüngenden Gebäude wie die legitimen Vorfahren der Wolkenkratzer von heute. Spanische Einflüße sind vorwiegend in den Randgebieten und vereinzelt im Zentrum zu finden, wo sie sich in antiken Gebäuden und natürlich in den Sandwichbars breit machen. Schnell muß jeder, der noch nie in Südamerika war, seine Vorstellungen, wie eine solche Stadt auszusehen hat, korrigieren, denn Buenos Aires ist mit 16 von 35 Millionen Einwohnern Argentiniens nicht nur die Hauptstadt, sondern der Dreh- und Angelpunkt aller geschäftlichen und kulturellen Interessen des Landes. Gekennzeichnet ist das Zentrum von Banken, Bankern und nochmals Banken. Überall scheint Anzugspflicht zu herrschen, die dunkelblaubraune Einheitskleidung verschmilzt unweigerlich mit ihrer Umgebung, das geschäftige Herumlaufen scheint die einzig wahre Triebfeder für Bewegung in der Stadt zu sein. In Bars verspeisen Börsianer vorzugsweise kleine, handliche Häppchen, die sie sich frisch anfertigen lassen und in deren Genuß wir aufgrund unserer miserablen Spanischkenntnisse nicht kommen. Im Hintergrund läuft immer ein Fernseher, der den neuesten Stand der Aktienkurse reinreicht. Schon nach zwei Tagen beschleicht uns das seltsame Gefühl, daß hier Arbeit zu 80 % über das Handy geleistet wird, nirgends sieht man auch nur eine Person körperliche Arbeit verrichten, Schuhputzer und Verkäufer mal ausgenommen, keine Anzeichen von Schweiß, keine Nervosität, alles läuft wie bei einem Tankstellenbetrieb: stressfrei. Trotzdem bleibt die Frage bis zur Abreise im Raum bestehen; wie überlebt man hier? Eine Frage, die uns selbst Einheimische nicht beantworten können. Durch die Währungsreform, die den inflationären Peso an den Dollar gekoppelt hat (1 Peso = 1 Dollar), steigen die Lebenshaltungskosten ins Unermessliche, und Lebensmittel sind fast so teuer wie bei uns. Wir starten einen letzten Versuch nach Leben und nähern uns dem Hafenbecken, vergebens, der Hafen ist tot. Die Eisenbahn teilt auch schon längst sein Schicksal, auf den Gleisen wächst Gras. Es fährt genau ein Zug. Morgens rein, abends raus. Verpassen ist nicht angesagt. Nach und nach wachsen hier und dort neue Hochhäuser von ausländischen Firmen aus dem Boden, die sich damit ihren Platz für die Zukunft sichern wollen. Irgendwie ein trostloses Unterfangen. Wie eine alberne Kulisse wirkt mancher Hochhausrohling am Rande des Zentrums, dem man versucht, den verspiegelten Latexanzug überzuziehen. Ist Buenos Aires der Spielball der internationalen Geldmafia, fragen wir uns? Als Tourist vermißt man hier seltsamerweise irgendwann andere Touristen. So machen wir uns auf die Suche, um letztendlich eine Gruppe von zehn Amerikanern auf dem Plaza de Mayo vor dem Regierungsgebäude vorzufinden, die sich gegenseitig an den Händen fassen, um ein Gefühl des Erlebens zu bekommen. Glücklich, einen Platz gefunden zu haben, den sie ihren eigenen nennen können. Tourismus, ist unsere bittere Erfahrung, gibt es hier nicht. Entschuldigung, Argentinien, das hatten wir vor der Anreise völlig vergessen, ist das Land des Steaks, des Rindfleisches, und das ist nicht unwichtig. Schon beim ersten Imbiß wird dieser Tatbestand mit Nachdruck bestätigt, als bei Spaghetti Bolognese plötzlich ein rindgroßes Stück Fleisch unter den Nudeln hervorlugt und ein Zeichen setzt, nun voll einzusteigen oder es besser ganz sein zu lassen. Schnell überkommt einen, nach einigen ähnlichen Erfahrungen, die Paranoia, daß selbst vielleicht die stillen, unbeteiligten Stuhlbezüge der Barhocker aus Rinderzungen sein könnten. Nur hier stößt man auf Grillroste, die die Größe eines Wohnzimmers haben und auf Portionen, von denen jeder Amerikaner nur träumen darf. Viele haben aufgrund dessen Probleme mit der Leber und bekommen schnell Hepatitis A. Eine Alternative zu Fleisch ist definitiv die Pizza , die zu den besten der Welt zählt und von der die Argentinier mit einem Augenzwinkern sagen, sie ist besser als die italienische. Auf kultureller Seite – und da ganz besonders auf der uns näher stehenden, musikalischen – leistet hier tatsächlich seit Jahren das Goethe Institut ganze Arbeit. Im Vergleich zu einigen anderen Instituten sucht man den Kontakt zur Szene und hat mit Pablo Schanton einen Aktivisten gefunden, der durch seine Tätigkeit als Journalist einen guten Einblick in die Szene hat. Er organisiert in Zusammenarbeit mit dem Institut seit Jahren eine Elektronik Reihe unter dem Namen ‘Esthetoscopio’, bei der auch wir teilnehmen. Vor uns, so sagt man, waren die Hamburger Atmus Tietchens hier gewesen. Die größte Techno-Veranstaltung an diesem Wochenende, die ursprünglich als Love Parade angekündigt war, findet dann doch, trotz langer Diskussionen mit der Stadt und den Naturschützern, am Rande des Rio Plata statt. Die Costanera Sur, wie sie genannt wird, war in den 20er Jahren, als Buenos Aires noch als Paradies Südamerikas galt, Teil eines populären Strandbads, wo man tanzte und sich amüsierte. In Zeiten danach war dieses Gebiet immer wieder Gegenstand des Interesses, sei es, daß der bekannte Architekt Le Cobusier dort auf einer in den Rio De La Plata aufgeschütteten Insel Wolkenkratzer bauen wollte oder die Stadtautobahn dort verlaufen sollte. Heute ist das Gebiet Niemandsland und gleichzeitig Sumpfgebiet, das die Naturschützer und Armen für sich auserkoren haben. Dabei stinkt es dort beträchtlich nach faulen Eiern, und auch der dorthin verbannte Springbrunnen lockt hier am Rand der Stadt keine Spaziergänger. Weil die Portaneros vermutlich zwar wissen, daß Buenos Aires mehr oder weniger am Meer liegt, aber trotzdem noch nie das Wasser gesehen haben. So wie sie auch wissen, daß die Mörder der 30.000 verschollenen Argentinier vermutlich als Sicherheitsbeamte durch die Stadt laufen. Aber all das tut dem Eifer der Tänzer und Veranstalter keinen Abbruch. Schon um 1: 00 Uhr befinden sich 2500 Leute in dem Park, nicht ausschließlich Raver, die bis in den frühen Morgen viel Spaß haben und selbst bei Drum & Bass, der dort nicht stark verbreitet ist, den Dancefloor nicht verlassen. Zwar versucht die Polizei mit einem Verbot des Bierverkaufes – weil abgeblich ein Dokument fehlt – ihrer Rolle als Bürokratiehengste und der Göttin der Bestechlichkeit gerecht zu werden, beim Auftauchen einiger Stadtverordneter aber, geht sie auf gebührende Distanz und das Bier fließt. Beziehungen-Haben ist in ganz Südamerika sehr wichtig. Die angekündigte Mückenplage entpuppt sich als harmlos, dagegen haben die DJs mit kleinen Vögeln zu kämpfen, die in den Baumwipfeln sitzen und in außergewöhnlichem Tempo ein gelb-transparentes Sekret abspritzen, das Schallplatten und rasierte Köpfe gleichgewichtig trifft. An diesem Abend ist zu unserer Überraschung selbst die zurückhaltende Elektronikszene dort und schüttelt uns die Hände, überreicht uns selbstgebrannte CDs und historisch wichtiges Material. Vom Goethe Institut ist auch jeder gekommen und man hört, daß selbst der Leiter gerne getanzt hätte, wenn er es gekonnt hätte. Die Masse von mehr als 3000 Leuten tanzt frenetisch und nur einmal stolpert ein Obdachloser, der in den Sümpfen wohnt, in Richtung DJ. Es ist 4:00 Uhr, man ruft uns ein Funktaxi, weil angeblich Fahrgäste schon von Taxifahrern überfallen worden sind. Wir bedanken uns für den Einsatz und verabschieden uns. Montevideo Nach einem dreißig minütigen Flug sind wir in Montevideo angekommen. Schon im Flugzeug fällt auf, daß die Uruguayaner etwas lebenslustiger als die Argentinier sind. Es wird lauter gesprochen und mehr gelacht. Die Hauptstadt Uruguays ist mit ihren 1,6 Millionen Einwohnern die kleinste unserer Städtetour. Die zweitgrößte Stadt des Landes hat hier auch nur 100.000 Einwohner. Hochhäuser und Bankgebäude sind in Montevideo selten und alles macht den Eindruck einer Mischung aus halbverlassener, mexikanischer Westernstadt und spanischem Strandzentum außerhalb der Saison. Die Straßen sind leer, die Autos wie in Cuba, oft amerikanische Straßenkreuzer aus den 60er Jahren, oftmals Marke Eigenbau. Man trifft hier auf erstaunlich wenig Menschen, was nach dem Stoßverkehr und Gedränge in Buenos Aires angenehm, aber auch unheimlich wirkt. Obskur ist die Tatsache, daß es auch hier seit Jahren bis auf einen Vorstadtzug keinen Bahnverkehr gibt, aber 3000 Bahnangestellte jeden Tag zum Hauptbahnhof pilgern und versuchen, die Zeit totzuschlagen ohne aufzufallen. Unser Tagesplan führt uns zu dem Veranstaltungsort, wo wir live spielen und DJen sollen, dem Frigorifico, einem Kühlhaus inmitten eines riesigen stillgelegten Schlachthofes, in dem selbst das Gras noch nach Rind riecht. Auch in Montevideo ist die Rindfleisch-Produktion seit ihrem Hoch im II. Weltkrieg immer weniger geworden. Verärgert ist man hier wegen der Entscheidung der EU, trotz der BSE Krise kein Rindfleisch aus Uruguay zu importieren. Unser Besuch in einem Grillrestaurant am anderen Ende der Stadt setzt neue Maßstäbe. Auf circa 600 Quadratmeter tummeln sich in einer typischen Markthalle, wie man sie vor 50 Jahren wohl überall antraf, fast 50 Grillstände, die alle das gleiche anbieten und deren riesige Roste mit der Gewißheit, daß am Abend alles verzehrt worden ist, bis zum Rand belegt sind. Genug davon. Wir befinden uns zum ersten Mal in einer ärmeren Gegend, wo sich zu unserer Überraschung streunende Pferde am Abfall zu schaffen machen. In der Halle der Veranstaltung laufen seit Tagen die Vorbereitungen der bildenden Künstler Raœl Burguez und Alcides Martinez Potillo, die sich für Alternative Musik interessieren und zeitweilig einen Club betrieben haben. Ihre Projektionen auf Leinwand und Computermonitoren, die eigens von sechs, an den Rändern der Bühne sitzenden Tipperinnen getriggert werden, sind eine Mischung aus minimaler Computergraphik und animierten, traditionellen Drehbewegungen, die den wunderbaren Slogan “Deutsche Techno Musik” (DTM) wandern lassen. Aus dem Strandgut der verlassenen Gebäude bauen die Künstler Käfige, in denen Tänzerinnen mit Fischen tanzen sowie einen mit Rosen und Fischen geschmückten Tisch, auf dem zum Auftakt funktionstüchtige Neonröhren, in einem fast zeremoniellen Vorgang, zerschlagen werden. Am Abend ist die Halle mit 600 Besuchern zur Überraschung aller gepackt voll, der Ablauf perfekt organisiert, die Raver perfekt desorganisierend und Herr Thönges, der Direktor des Goethe Institutes, darf seine Zweifel beseitigen, ob ein Veranstaltungsort wie dieser nicht vielleicht etwas gefährlich für eine Kulturveranstaltung ist. Nach dem Auftritt setzt sich das Schulterklopfen und Aussprechen von Glückwünschen, bis in die weite Nacht hinein, in einem anderen Club fort. “Die Szene in Montevideo, ist klein aber fein.”, bemerkt ein Raver und dem können wir nur zustimmen. Santiago de Chile Wir fliegen über die Anden. Massive hohe Berge, die selbst die zweite Wolkendecke durchbrechen. So abrupt wie die Gebirgskette beginnt, so plötzlich verschwindet sie wieder. Der chilenische Kegelclub ist begeistert. Das Gebiet ist extrem erdbebengefährdet und man versteht beim Anblick dieser Kolosse warum. Mit einer Regelmäßigkeit von zehn Jahren kommt es zu Beben weit über Stärke 8 auf der Richterskala, was aber kaum Spuren im Zentrum hinterlassen hat, denn hier scheint man darauf bestens vorbereitet zu sein. Nach zwei Stunden Flug sind wir am neuen Flughafen Santiago de Chiles, dessen Dach wie eine gigantische Tragfläche aussieht. Er ist schon jetzt wieder zu klein. Santiago de Chile ist die Stadt der Zukunft. Dreispurige Straßen, wobei die linke Spur Fahrgemeinschaften vorbehalten ist und immer wieder werden neue Gebäude aus dem Boden gestampft. Santiago de Chile ist mit einem Wirtschaftswachstum von 7% gut im Rennen. Wirtschaftswunder gibt es noch. Das Stadtbild ist, im Vergleich zu Buenos Aires und Montevideo, lebendiger, vitalisierender. Es gibt viele Grünflächen (!) und kleine Gebäude, und die Stadt gibt sich multikulturell. Nachdem wir diverse Gehwege auswendig kennen, im ‘Deutschen Restaurant’ fabelhafte Burger gegessen haben, die zu Hause so noch nicht das Licht der Welt erblickt haben, sehnen wir uns nach zwei Wochen nach etwas Strand, mieten ein Auto und fahren in einem japanischen Mietwagen, dessen Designer wohl offensichtlich auf Ford Modelle steht, in das zwei Stunden entfernte Strandbad. Was im Sommer das Montecarlo Santiagos ist, wiegt sich jetzt noch im tiefen Winterschlaf. Zwar sonnt man sich, geht ins etwas zu kalte Wasser, aber das Strandclubbing wirkt, wie wenn Teile des Strandlebens wegretuschiert worden wären. Seltsam. Zurück in die Stadt, vorbei am Pferd mit Elefantiasis. “Heute ist der Geburtstag von Pinochet.”, sagt Chica Paula und ich erfahre erst als ich wieder in Deutschland bin, daß es an diesem Tag zu Aufständen der Studenten gekommen ist. Nach einer Schreckensherrschaft des Diktators Pinochet, der per Volksentscheid abgewählt wurde und der jetzt noch als Senator tätig ist, eben weil die Verfassung dies so festlegt, liegt Jahre danach noch so etwas wie eine Aufbruchsstimmung in der Luft. Party was das Zeug hält! Uns erinnert das an die Zeit rund um 1991, als die Begeisterung für Techno in Deutschland von einem extrem breitgefächerten Publikum, enorm riesig ausfiel und das Tanzen bis zur Ohnmacht als befreiendes Element enorm wichtig war. In Santiago de Chile gibt es zwei Gruppierungen, die sich um Technoveranstaltungen in der Stadt kümmern. Zum einen sind das die jungen, aufstrebenden DJs, Zikuta und Pascal, die seit zwei Jahren Parties im Café Virtual (Internet Cafe) und Open Air Raves veranstalten. Zikuta, dessen Vater als Abgeordneter seine Auftritte in Fernsehen seit dem Zungenpiercing immer weniger mag, ist so eine Art Preacher, der den Chilenen, ob gefragt oder nicht, seine Housephilosophie bei jeder Gelegenheit über Mikrophon kundtut. Pascal, ein quirliger Organisator, den man, wenn es das hier gäbe, im Verdacht hätte, jeden Tag zum Frühstück eine Überdosis Extasy zu nehmen und dazu noch zu vertragen. Ihr Park-Rave an diesem Wochenende wird noch in die Chilenische Geschichte eingehen. Zum anderen gibt es die Frankfurter Fraktion um Atom Heart und Dandy Jack und seine Familie, die die Inspiration, dort Musik zu machen, genießen und von Zeit zu Zeit von Freunden aus Deutschland besucht werden. In deren Haus stoßen wir auf eine große Bereitschaft, untereinander zu jammen, wobei traditionelle, lateinamerikanische Rhythmik deutlich in ihre Stücke einfließt. Mehr noch, sie arbeiten direkt zusammen mit einem der bekanntesten Cumbia-Stars, Jorge Gonzales. Während wir dort mit ein paar Pisco Sour (RRR) im Garten sitzen, kommt so ein wenig Beatnik Spirit herübergeschwappt, den man schon fast verdrängt hatte. Die Probleme mit der Sprache lassen Vorstellungen entstehen, die spontanes Umdenken herausfordern und zu bizarren, z.T. witzigen Verhaltensmustern und Ergebnissen führen. Man fühlt sich als Schauspieler bei den Dreharbeiten eines Films. Alles ist chaotisch, aber nett. Diese Truppe ist also die zweite Kraft in Chile, und wir sind Zeugen, wie in der größten Discothek in Santiago, auf drei Ebenen 5000 Menschen zu hartem, ravigem Techno, Electro, House, Drum & Bass und (weniger) Live Musik tanzen. Der Live Auftritt von Gonzalo Martinez (Atom Heart, Pink Ellin, Dandy Jack, Jorge Gonzales usw.) ist gigantisch. Auf einer riesigen Bühne, vor weißen, gestaffelten, in den Raum laufenden Leinwänden, entfaltet sich ein Bühnenspektakel, wie Beck es sich in seinen Videos immer zurechtlegt. Das über allen thronende Dreigestirn, mit drei MPC 3000 bewaffnet, in Anzüge gehüllt, erweckt direkt die Assoziation mit Kraftwerk, auch wenn die Hüftbewegung von Atom Heart dafür zu deutlich ausfällt. Ihr Set ist eine Mischung aus Pop und Elektronik und wird nicht von allen im Raum geteilt bzw. verstanden, wodurch sich der House Raum im zweiten Stock füllt. Agressionen kommen dagegen keine auf. Die Toleranz ist ein Teil des Lebens. Spontane Begeisterung wo man hinsieht, auch bei anderen Veranstaltungen. Aus einer Veranstaltung sind hier an diesem Wochenende schnell sechs geworden und eines der Highlights ist die Technodemonstration in der Metro, die als Werbung für das Wochenende verschiedenen Stile erklären soll, die aber schon nach zwei Platten in eine großen Party ausartet, bei der selbst ältere Frauen ihre Einkaufstaschen abstellen, um begeistert zu tanzen. Wie auch in den anderen südamerikanischen Städten, ist die Szene hier klein, aber wesentlich stärker über E-Mail vernetzt als in Argentinien oder Uruguay, sodaß man seine Parties neben Flyern auch darüber propagiert. Digitales Fernsehen ist dagegen in ganz Südamerika Realität, was witzige Nebeneffekte hat: wie Standbilder von der Länge eines Sekundenbruchteils, oder Ausfälle, die kleine grüne Quadrate entstehen lassen. In Santiago de Chile gibt es, im Unterschied zu Montevideo und Buenos Aires, einen staatlichen und somit Geld unabhängigen Radiosender, der der Universität untersteht und dessen Musikauswahl, gemessen an den CDs, die man uns zeigte, unter elektronischer Musik Industrial, EBM und Techno versteht. Anders als in Buenos Aires gibt es hier absolut keinen Vinyl-Plattenladen für Techno. Die DJs lassen sich Platten aus Europa und den USA von Freunden mitbringen, was ein ständiges Dilemma ist, oder fliegen eben mal, wenn sie genug Geld haben, nach Buenos Aires. Aber das soll sich bald ändern, denn Pascal, vor einigen Jahren von Frankfurt wieder nach Chile zurückgewandert, plant ,neben seiner Karriere als Reservations Manager des Holiday Inn, einen eigenen Plattenladen. Neben Parties in Lokations, die man dafür zweckentfremdet, bietet das Blondie eine feste Möglichkeit, Techno zu hören. Aufgrund des 80er Designs darf man sich hier unwohl fühlen, wenn man es nicht bewerkstelligt, in der Menge unterzugehen. Vor uns läuft ein Live Set von DJ Ed aus Wien, die Tänzer schreien und noch einmal kreisen die Platten, man wird auf die Wange geküßt, auf die Schulter geklopft und aus ist der Traum. Es geht zurück. Kontakte: Argentinien El Aguirito, Galeria Del Este , Maipœ 971, Local 10, Ph+Fax: 00541-315-0864 La Guerra, Brandsen 362, 1161 Capfeld, E Mail: laguerra@webcafe.com.ar Uruguay Café A La Turca (Musik & Kultur Magazin), Atlantica, Lima 1478, Montevideo Dep. Legal- 308.505 Santiago De Chile Cafe Virtual Blondie Discotheke

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Elektronische Lebensaspekte.