Micz Flor vom Online-Label SueMi und Ulrich Gutmair freuen sich mit Slavoy Zizek über die Unmöglichkeit eines endgültigen "Delete" im Cyberspace. Jetzt nachzuhören auf der ersten SueMi-Vinylsingle über Gutmair-Beats. Techno und Lyrik.
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 43

Hysterie im Cyberspace
Das Online-Label SueMi & Slavoy Zizek

“Undelete”: Im Cyberspace lässt sich alles wieder zum Leben wecken, nichts verschwindet für immer. Und weil man nie weiß, was mit all den Daten geschieht, die man in den virtuellen Raum einspeist, ist die fundamentale Erfahrung des Cyberspace die der Hysterie. Sagte jedenfalls der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Zizek 1998 in einem Interview. Der hysterische Zweifel entstehe durch eine “radikale Unsicherheit”: Man habe keinerlei Kontrolle über die endlosen Reproduktionen und Modulationen der eigenen Äußerungen. “Das ist der wahre Schrecken des Cyberspace, diese gespenstische Dimension des Lebens nach dem Tod. Ein untotes Leben, das sogar auf der banalsten, alltäglichen Ebene tatsächlich stattfindet”, so Zizek damals über die Seinsweise des “Undelete”.

“Undelete!” Diese unheimliche Operation hat sich auch Ulrich Gutmair zu eigen gemacht. Für seine erste Veröffentlichung auf dem im Frühjahr 2000 gegründeten Online-Label “SueMi” reanimierte er das legendäre Zizek-Interview, das er seinerzeit zusammen mit Chris Flor für den Radio-und Internetkanal “convex tv” führte und das dann später transkribiert auf http://www.telepolis.de erschien. Geloopt, verfremdet und mit einem trockenen 125 BPM-Old-School-Techno-Beat unterlegt, hört man “Lamella. Undelete” Passagen aus dem Zizek-Gespräch: “Endlessly Reproductible/Delete/Delete/Undelete”, rappt der Theorie-MC in Gutmairs famoser Bearbeitung. Indem Zizeks Ausführungen abermals in neue Zusammenhänge geschmissen werden, beweisen sich seine Undelete-Thesen: “Ja, Slavoj – auch dein Datenoutput ist endlos reproduzierbar!”
“Undelete” ist die erste SueMi-Veröffentlichung, die nicht nur im Netz, sondern auch als Vinyl-7″ in 300er-Auflage erscheint. SueMi-Boss Micz Flor war von Gutmairs ursprünglicher Audio-Fassung des Interviews derart begeistert, dass er ihn um einen exklusiven Remix bat. Vor allem aber passt die Aussage des Tracks perfekt in das Konzept von SueMi: Jeder der SueMi-Release lässt sich mit Cover in hoher Auflösung (das “Lamella”-Cover hat Silvan Linden gestaltet), Seriennummer und Klappentext frei downloaden und zu einer properen CD zusammenbasteln. Ein klares Statement gegen den derzeitigen Copyright-Protektionismus und dessen Versuche, den ‘Undelete’-Horror auszulöschen. “Was momentan passiert, ist eine absurde Überhöhung des Copyright-Gedankens. Inzwischen ist es ja soweit, dass vor den Künstlern zuerst ein Verlagshaus, dann die GEMA und neuerdings auch noch Software-Firmen stehen. Inhalte, also Musik, online anzubieten, hilft deshalb in erster Linie den Künstlern”, sagt Label-Macher Micz Flor, der als Netzkulturaktivist zwischen Prag und Berlin pendelt. Und Ulrich Gutmair fügt hinzu: “Die Plattenindustrie hat in der Tat einen hysterischen Horror vor File-Sharing und dem unkontrollierbaren Zustand des ‘Undelete’, den Zizek beschreibt.”

Copyright Kills Hysteria!
Warum aber nun die Doppelstrategie Netz/Vinyl? Klare Antwort: “So ein Vinyl-Release macht einfach mehr Spaß. Release-Parties für Netzseiten – das ist doch seit 1998 erledigt. Ich gehe zwar davon aus, dass von den 20 Leuten, die sich die Platte für 10,-DM kaufen werden, nur zehn einen Plattenspieler haben, aber dafür ist sie eben echt, hat Gewicht und Wert”, so Micz. “Wahrscheinlich kommt auch die nächste Veröffentlichung mit Christoph Kummerers neuen Nintendo Gameboy Software-Sounds auf Vinyl raus. Es bleibt aber auf jeden Fall auch in Zukunft dabei, dass die Sachen zuerst im Netz erscheinen. Die Single soll lediglich ein Bonus-Objekt sein.”

Sicherlich funktioniert das Stück Vinyl hervorragend als Promo-Tool und erweitert so die Online-Öffentlichkeit von SueMi. Gutmair erkennt aber noch einen anderen Sinn: “Auf diese Weise trifft sich die Techno-Idee des ‘Jeder kann seine Platte machen’ mit der Netz-Idee des ‘Jeder kann sein eigenes Label machen’. ” Gutmairs Low End-Produktion geht dabei eher zurück als vorwärts; die mit billigen Tools gebauten Tracks klingen merkwürdig unausformuliert und fast schon wie alberne Schülerjokes. Doch nicht Retro-Effekte sollen hier aufgerufen werden, vielmehr steht auch der explizit kindische Charakter in einem konzeptuellen Rahmen: Denn der Namengeber des Projekts, Jacques Lacans rätselhafter Begriff der “Lamella”, verweist auf die tendenziell regressiv-infantile Ausrichtung der menschlichen Libido, dem Träger der “Lamella”. Im zweiten Track der Single hört man den Lacanisten Zizek zu einer gesampelten Funk-Bassline ‘singen’: “Lamella: A substance of life which cannot ever be destroyed.” Oder, mit den Wort des Meisters selbst: “Denken wir uns diese [die Lamella, A.L.] als einen breiten Eierkuchen, der sich wie eine Amöbe fortbewegt, […] unsterblich, weil sie sich durch Teilung fortpflanzt.”

Ah, ja… Damit solche libidinösen Verwandlungen auch in Zukunft stattfinden können, wechselt Micz demnächst von den Formaten “RealMedia” und “MP3” zu dem Open Source-Codec “Ogg Vorbis”. “Das Fraunhofer Institut, dem der MP3-Codec gehört, will sich ab 1.1.2001 das Recht vorbehalten, für die Online-Verwendung des Codecs bis zu 50.000 $ pro Server zu verlangen. Wir werden deshalb nächstes Jahr auf Ogg Vorbis umsatteln. Denn ich finde, dass ein globaler Standard open source sein muss. Es kann nicht angehen, dass man Geld dafür bezahlt, etwas speichern zu dürfen”, erklärt Micz.
Selbstredend hatte Slavoj Zizek nichts gegen die digitalen Permutationen seiner Statements einzuwenden: “OK with me – Slavoj”, mailte er lakonisch auf die entsprechende Anfrage zurück. “SueMi- Verklage mich!” Nichts läge Slavoj Zizek ferner, als den Labelnamen beim Wort zu nehmen. Denn: Gegen den “Copy Kills Music”-Kontrollwahn – das legt uns die unverfremdete Interviewpassage auf der Single-B-Seite ans Herz – gilt es den hysterischen Zweifel nicht nur auszuhalten, sondern auch zu genießen!

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Elektronische Lebensaspekte.