Das New Yorker Duo "Suicide" brach 1977 als psychotischer Alptraum über das Star Spangled Amerika herein. (Zumindest über die 600 Punks, die Suicide im Clash-Vorprogramm erleiden durften.) Alan Vega und Martin Rev führten Rock'n'Roll in die Elektronikwüste und ließen ihn da mit aller Macht verdörren. 2002 hat ihr Modell weder an Faszination noch an Relevanz verloren.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 65

Der Mann hätte Tänzer werden sollen. Die Choreographien sitzen perfekt, der Tanz vor den Kameras gehorcht der natürlichen Anmut eines Balletttänzers, sagt Norman Mailer über George W. Bushs “Bewegungstalent”. Das ist insofern ein interessanter Blickwinkel, als man sich in den Bunkern der Feuilletons nur noch aus dem wieder entdeckten geopolitischen Begriffsarsenal zu bedienen scheint, um die Gegenseite möglichst effektiv zu beschießen. Denken die Falken nur ans Öl? Ist Afghanistan nichts als der Brückenkopf zum Kaspischen Meer? Brauchen die Amerikaner die irakischen Ölfelder, um den Verlust des ohnehin bald von den Islamisten regierten Saudi-Arabien zu kompensieren?

Als einzige kulturalistische Waffe im Kampf um die Diskurshoheit mit dabei: Der ominöse “Antiamerikanismus”, dem wiederum auf ziemlich blödsinnige Weise das Argument entgegnet wird, man habe ja nichts gegen die amerikanische Kultur und die “Menschen” einzuwenden, sondern nur gegen die Politik der Regierung. Ach, Arundhati. Dass das eine mit dem anderen immer zu tun hatte, erklärt sich schnell, wenn man sich kurz etwa das Bild “Elvis als G.I.” in Erinnerung ruft, und damit den Komplex: Demokratie, Konsum, Rock’n’Roll, “Obszönität”, volle Lippen, Sex, noch gar nicht solange befreit von den religiösen Kontexten der Ekstasen, in die sich Mitglieder protestantischer Sekten sonntags im Gemeindehaus versetzten.

Dieser Cluster bildet den Hintergrund eines der wahrscheinlich gelungensten Comebacks in der Popgeschichte: Suicides eben erschienenes Album, das den geopolitisch wie kulturell heißen Titel “American Supreme” trägt. Auf dem von der Londoner Designergruppe Crash gestalteten Cover weht das Star Spangled Banner in Schwarzweiß, lichtdurchflutet vor dunklem Hintergrund, die Abstraktion einer Daseinsform, im Hinblick auf die seit einem Jahr knallbunt flatternden Zeichen des Patriotismus von God’s Own Country vertraut und beängstigend zugleich. Crash haben damit Musik verpackt, die seit den Anfängen amerikanische Traditionen verfremdet. Ganz am Anfang ein HipHop-Break mit Scratches, das ist New York, darüber Alan Vegas Stimme, die nicht nur aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Hier spricht, jammert, stöhnt “Amerika” im Schlaf, im Fieber, im Traum. Vegas Sound evoziert denjenigen alternder Countrysänger und reisender Priester, die übers Land ziehend vor der Apokalypse warnen, die den Sündern droht. Das Marketing der Plattenfirma Mute spricht von Croonern, die darin gespeichert sind, nicht zu Unrecht.

Dachau, Disney, Disco

Vegas Texte verhandeln das absolut Offensichtliche, das Banale amerikanischen Alltags, unter dem allerdings recht schnell das Unbewusste der nationalen Psyche hervorbricht. Tatsächlich verdankt sich “American Supreme” der Nacht, der Einsamkeit und dem Alkohol. Diese Kombination lässt den Stream of Consciousness fließen, sagt Vega, morgens sortiert er dann die brauchbaren Textpassagen aus, und bei der Gelegenheit fallen dann quasi nebenbei Songtitel wie “American Mean”, “Beggin’ for Miracles”, “Televised Executions” oder “Dachau, Disney, Disco” ab.

Suicide sind die dunkle Seite der amerikanischen Idee von Entertainment. Wenn die Texte auf der ersten Platte des Duos von 1977 noch strenger komponiert daherkamen, dann hat sich an der obsessiven Beschäftigung mit dem Verdrängten doch wenig geändert. Wo Vega auf “Frankie Teardrop” ’77 auf fast Brechtsche Weise im knappen Nachrichtenstil über einen amerikanischen Arbeiter berichtete, der die Miete und das Essen für die Familie nicht bezahlen kann und keinen anderen Ausweg mehr sieht, als die Geliebten und sich selbst zu töten, um dann in beängstigende Schreie auszubrechen, geht es jetzt nicht minder krass zu. Die “Death Machine” arbeitet unaufhörlich, in der neuen Welt nach “9-11” muss man sich auf schwere Zeiten gefasst machen.

Auch Martin Rev hat den Faden von ’77 aufgenommen, den Sound von damals kongenial in kontemporäre Strukturen übersetzt und lässt seinen Maschinenpark manisch und dennoch extrem relaxt vor sich hin grooven. Auf “Wrong Decisions” hört man Bläser, die man irgendwie auch aus “S-Express” kennt, und die Stimme Vegas wurde wieder ausgiebig durch die Echokammer geschickt. Überhaupt wird erst im Nachhinein klar, wie viel der Suicide-Sound Dub verdankt und wie grandios amerikanisch er gleichzeitig immer gewesen ist in der Fusion von Rock’n’Roll und Funk. So tanzt George W. Bush in seinen Cowboyboots, höchste Eleganz auf dem Rasen vor dem Weißen Haus, und Alan Vega rappt dazu: “Count, count, body count.” Wenn es also noch irgendeinen subversiven Ismus geben sollte, dann heißt er sicher Amerikanismus, mit oder ohne Öl.

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Elektronische Lebensaspekte.