Zur Geschichte eines autonomen Ferienzentrums
Text: Anton aus De:Bug 143

Der Hotel- und Kasino-Komplex Sun City war als Las Vegas des Apartheid-Regimes im In- und Ausland gleichermaßen Symbol für südafrikanischen Pop und Glamour, allerdings jeweils unter umgedrehten Vorzeichen. De:Bug-Autor Aljoscha Weskott und die Filmemacherin Marietta Kesting haben die ambivalente Geschichte in Archiven und per “Embedded Tourism” recherchiert.

Für das weiße Südafrika war Sun City der Beweis der eigenen Weltläufigkeit und hedonistischer, liberaler Ausnahmeort. Ähnliches galt für einige Schwarze, da Sun City im formal unabhängigen Staat Bophuthatswana lag, in dem es keine Diskriminierungsgesetze gab. Für die Mehrheit der Bevölkerung, den ANC und die weltweite Anti-Apartheid-Bewegung symbolisierte Sun City allerdings eine besonders verlogene Seite des rassistischen Regimes. Ausgehend von Boykott-Forderungen des ANC formierten sich 1985 die “Artists United Against Apartheid”, um den Protestsong “(I ain’t gonna play) Sun City” in die Charts und ins Bewusstsein der Pophörer zu hieven. Neben den notorischen Pappnasen Bono und Bob Geldof waren hier auch zahlreiche respektable Künstler vertreten, etwa Run DMC, Afrika Bambaataa, Linton Kwesi Johnson, Miles Davis, George Clinton, Gil Scott-Heron oder Herbie Hancock.

Seit der historischen Wende und dem Start des neuen Südafrikas von 1994, geriet die Geschichte Sun Citys allerdings in Vergessenheit, womit auch das Wissen um den kulturellen Charakter der Apartheid verloren geht, der sich an diesem Vorzeigeort besonders deutlich zeigte, wenn auch in Brechungen. Eine Ursache für den Gedächtnisverlust ist dabei ausgerechnet, dass Sun City auch heute noch seiner ursprünglichen Bestimmung als entrücktes touristisches Highlight dient. Das Ressort befindet sich daher nach wie vor vollständig im Besitz einer privaten Betreibergesellschaft, die keinerlei Interesse an problematischen Erinnerungen hat. Aljoscha Weskott, Geisteswissenschaftler mit Schalk im Nacken, und seine Kollegin Marietta Kesting haben dem Phänomen Sun City trotzdem vor Ort, in Archiven und mittels Interviews nachgespürt. Als Ergebnis dieser Beschäftigung sind der Film “Sunny Land” und das Buch “Sun Tropes” entstanden, die sich inhaltlich ergänzen. Wir haben uns die Geschichte von Weskott erklären lassen.

Debug: Was hat dich zum Thema Sun City gebracht?

Aljoscha Weskott: Einerseits die Auseinandersetzung mit der Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas, andererseits tatsächlich, dass ich auf dem Flohmarkt “(I ain’t gonna play) Sun City” wiederentdeckt habe. Im Video sieht man die Werbefolien, die in Südafrika konstruiert wurden, und im Gegenschnitt Riots, Gewalt und Stars in New York im HipHop-Stil dagegen agitieren. Für mich war das der Auslöser, darüber nachzudenken wie die “Disko der Apartheid” wohl funktioniert hat. Sun City ist nun mal ein Las-Vegas-Imitat in Südafrika.

Debug: Dann bist du mit Marietta Kesting ohne weiteren Auftrag oder eine Finanzierung nach Sun City gefahren?

Weskott: Das Projekt lief ein bisschen nach dem Prinzip “Embedded Tourism”. Wir haben den Tourismus-Modus mitgemacht, aber auch dokumentarisch gefilmt und in Archiven nach Material gesucht. Dazu haben wir Interviews mit Kulturkritikern geführt, aber auch mit Menschen, die während der Apartheid in Sun City gearbeitet haben. Wir haben nach der Relevanz, nach der Aura von Sun City gefragt.

Debug: Was es mit dem Ressort auf sich hatte, ist ja inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten.

Weskott: Sun City wurde Ende der 70er Jahre im Bophuthatswana Homeland konstruiert. In der puritanischen, klerikalen, faschistoiden Apartheid-Gesellschaft waren Dinge wie Glücksspiel, Pornografie, teils auch Filme unerwünscht, verbannt. Das südafrikanische Fernsehen ist unglaublicherweise erst 1976 auf Sendung gegangen, vorher galt der Fernseher als “Teufelskiste”. Und in dieser Situation baut man sich 150 Kilometer von Johannesburg entfernt eine Oase, in der man sich der westlichen Entertainment-Welt verbunden glaubte.

Debug: Bophuthatswana war ein unabhängiger Staat von Südafrikas Gnaden, der aber sonst von niemandem anerkannt wurde?

Weskott: Sagen wir so: Man war um internationale Anerkennung bemüht, errichtete kleine diplomatische Einrichtungen, etwa in London. Eine offizielle Anerkennung gab es aber nicht, weil die Homeland-Regierung von Südafrika installiert wurde. Bophuthatswana, bis dahin autonome Region, wurde 1977 für unabhängig erklärt, kurze Zeit später hat der südafrikanische Hotelier Sol Kerzner verkündet, dass man Südafrika auf die Karte des internationalen Tourismus setzen müsse. Kerzner war das Kind jüdisch-russischer Einwanderer, die die Hotelkette Sun International gegründet hatten, die er dann schrittweise zu einem globalen Konzern ausgebaut hat. Heute betreibt Kerzner, der nicht mehr Teil von Sun International ist, ein “Megahotel” auf den Bahamas, und 2008 hat er den Hotel- und Freizeitkomplex “Atlantis Dubai” mit 1.539 Zimmern eröffnet, das an der Spitze von “The Palm Jumeirah” liegt, einer der in Dubai künstlich erschaffenen Inseln in Palmenform. Das war eigentlich als Luxushotel konzipiert, aber kürzlich wurde im Lidl-Reisekatalog eine Woche im Pauschalpaket für 600 Euro angeboten… Ende der 70er wusste Kerzner jedenfalls die Homeland-Konstruktion in Bophuthatswana so zu nutzen, dass Südafrikaner das Gefühl hatten, sie fahren ins Ausland.

Debug: Glücksspiel war in Bophuthatswana prinzipiell erlaubt, was war Kerzners Motivation als Hotelier noch weiter zu gehen?

Weskott: Zuerst vielleicht ein kolonialer Traum. “In the middle of nowhere” ein künstliches Paradies zu kreieren. Er hat dann “das südafrikanische Las Vegas” gebaut, zur Eröffnung 1979 kam Frank Sinatra und in der südafrikanischen Presse gab es von Anfang an ein sehr positives Feedback.


Südafrikanische Realität außerhalb des Reservats

Debug: Aber in Sun City gab es nicht nur Shows und Glücksspiel, sondern auch die Möglichkeit der Apartheid zu entkommen, weil es im Homeland offiziell keine Rassentrennung gab?

Weskott: Prinzipiell waren dort Begegnungen zwischen Schwarzen und Weißen möglich. Begonnen mit Affären, die nur nur dort stattfinden konnten, davon haben uns ganz viele Leute berichtet. Gleichzeitig gab es aber im Sun-City-Komplex beispielsweise unter den höheren Angestellten keine Schwarzen.

Debug: Trotzdem war dort vieles möglich, was in Südafrika sonst undenkbar war.

Weskott: Scheinbar. In den Interviews fiel auch wiederholt die Formulierung von Sun City als “Sex Place”. Eine schwarze Frau sagt sogar: “Menschen, die nach Sun City gingen, waren Anti-Apartheid”. Wie authentisch oder repräsentativ das ist, kann ich aber nicht sagen. Es ist kompliziert, zu solchen Themen genaue historische Aussagen zu treffen, aber es hatte wohl auch eine rauschhafte Seinsvergessenheit…

Debug: Weil alle Beteiligten wussten, dass sie eigentlich etwas Verbotenes tun?

Weskott: In die Richtung. Ich glaube jedenfalls, dass Sol Kerzner die Apartheid-Gesetze einerseits umfangreich für seine Zwecke genutzt, aber dabei etwas geschaffen hat, dass die Apartheid-Situation unterminierte. Das war keine Strategie, nicht gewollt, aber ein Effekt. In Sun City entstand eine Welt – so unwirklich sie auch war – angesichts der man sich der Perversionen des südafrikanischen Regimes bewusst werden konnte. Andererseits war Sun City natürlich als Ventil konstitutiv.

Debug: Was hat Sun City als Partystadt geboten, gab es zum Beispiel Diskos?

Weskott: In dem riesigen Komplex gab es natürlich eine Reihe von Diskos, aber es war eher Konzert-orientiert. Leute wie Rod Stewart, Elton John und Cher sind aufgetreten, aber auch Queen – Freddy Mercury in Sun City ist natürlich ein Treppenwitz der Geschichte. Wichtig war aber auch die Aufhebung der Tag- und Nacht-Zeitrechnung, Spieltische und Bars hatten durchgehend geöffnet.


Streikende Servce-Arbeiter vor dem Ressort

Debug: Für südafrikanische Verhältnisse ein florierender Amüsement-Betrieb, gleichzeitig war es international verpönt dort aufzutreten, es gab Boykott-Aufrufe.

Weskott: Ja, und der galt ja nicht nur für Musiker. Zum Beispiel hat Bernhard Langer Mitte der 80er ein Turnier in Sun City gewonnen. Dazu hat uns ein SABC-Reporter erzählt, der damals kein Problem mit der Apartheid hatte, dass die Gaststars versucht haben, gar nicht in Südafrika einzureisen. Leute wie Bernhard Langer haben die internationalen Zone des Johannesburger Flughafens nicht verlassen, sie sind direkt nach Mmabatho weitergeflogen, der Hauptstadt von Bophuthatswana.

Debug: Wie hat Südafrika auf die Boykott-Aufrufe reagiert?

Weskott: Sol Kerzner hat sinngemäß gefragt: Warum lässt man uns hier nicht in Ruhe feiern? Aber als die Lage Ende der 80er Jahre eskalierte, hat er wohl gemerkt, dass es zu Ende geht und seine Meinung geändert. Er hat dann dafür plädiert, das System zu transformieren, um es ökonomisch zu stabilisieren und es für den internationalen Tourismus wieder attraktiv zu machen.

Debug: 1990 kapituliert dann das Apartheid-Regime, 1994 gab es die ersten freien Wahlen, was ist damals in Sun City passiert?

Weskott: In der sogenannten Transitionszeit entstand 1992 der “Palace of the Lost City”, der im Unterschied zu Sun City an einer präkolonialen Mythenbildung arbeitet. Es ist ein disneyfizierter Palast, der von Hollywood-Bühnenbildnern mitgestaltet wurde und die Rekonstruktion einer untergegangen afrikanischen Stadt symbolisieren soll. Ziemlich verrückt. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich Bophuthatswanas erster und einziger Präsident Lucas Mangope gegen die Wiedereingliederung seines Landes gewehrt hat und dabei auch vor einer obskuren Allianz mit den Fanatikern der burischen Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) nicht zurückschreckte – die Ermordung ihres Anführers Eugène Ney Terre’Blanche hat erst in diesem April noch einmal Schlagzeilen produziert. 1994 wurde Mangope abgesetzt und AWB-Mitglieder richteten in Mmabatho ein Massaker an. Ein Gewerkschafter hat uns erzählt – ob das stimmt oder nicht, kann ich nicht sagen – dass Sun City dann die letzte Zuflucht von Mangope war. Die letzte Bastion im zusammenbrechenden Homeland wäre dann ausgerechnet Sun City gewesen. Insgesamt war 1994 aber natürlich ein euphorisches Jahr für Südafrika. Bophuthatswana wurde wieder eingegliedert und Sun City erfindet sich in den folgenden Jahren neu, als touristischer Ort, als Platz für Kongresse, beispielsweise fand eine Kongo-Friedenskonferenz dort statt. Aber dabei wird weniger an die Geschichte angeknüpft, sondern eher die Infrastruktur mit neuen Inhalten gefüllt. Sun City ist nun ein Ort der Post-Apartheid.

Debug: Wie sieht Sun City denn jenseits der touristischen Ressorts aus, gibt es da noch eine “normale” Stadt?

Weskott: Es ist eingezäunt und bewacht, mit Checkpoints an den Einfahrten. Ringsherum gibt es kleine, wirklich arme Dörfer. Die einzigen Menschen, die von den Touristen ein bisschen profitieren, sind die, die zum Mindestlohn als Zimmermädchen oder ähnliches arbeiten. 30 Kilometer entfernt gibt es dann große Platinminen, die natürlich auch eingezäunt sind. Das ist eine ziemlich entrückte, auch tragische Landschaft.

Debug: Der Begriff “City” ist eigentlich schon irreführend?

Weskott: Es ist ein großer touristischer Komplex, komplett in Privathand. Verschiedene Hotels, ein paar Zeilen mit Geschäften und Bungalows mit Ferienwohnungen. Es gibt ein eigenes Kraftwerk und eine Monorail vom Entertainment-Zentrum zum einzigen Parkplatz, einer wahnsinnig großen Betonfläche. Man muss nur aus der Monorail aussteigen, eine Treppe runtergehen und ist bei Spieltischen.

Debug: Wie habt ihr das als “Embedded Tourists” erlebt?

Weskott: Es war erstmal natürlich viel banaler als erwartet. Beim ersten Besuch kam es mir vor, wie ein heruntergekommenes White-Trash-Domizil. Die Kellner laufen tatsächlich immer noch in Leoparden-Kostümen herum und englische Hooligan-Pärchen schnippen am Pool nach neuen Drinks.

Debug: Welche Fragmente, Spuren weisen noch in die Vergangenheit?

Weskott: Es ist eher der ganze Komplex, der ein Artefakt, ein Überbleibsel darstellt. “Das andere Museum der Apartheid” haben wir es einmal genannt. Das alte Sun City ist eine Struktur, die so etwas wie eine Modernität der Apartheid widerspiegelt, natürlich sehr westlich, aber darin auch verstaubt und ruinös.

“Sun Tropes” ist im August Verlag erschienen
http://www.augustbuch.de

“Sunny Land” war unter anderem im Forum der diesjährigen Berlinale zu sehen.
http://www.sunnylandthemovie.de